
Zwanzig Jahre lang habe die Arbeit an seinem ersten Sachbuch „Dreihundert Männer – Aufstieg und Fall der Deutschland AG“ letztlich gedauert, gestand der Autor und Journalist Konstantin Richter am Montagabend in der Hamburger Elbphilharmonie sichtlich gerührt, als ihm der diesjährige Deutsche Sachbuchpreis zugesprochen wurde. Er habe sich das Buch lange nicht zugetraut und so sei es schließlich ein zwanzigjähriger Prozess gewesen, bei dem am Ende dieses Buch herauskam. Jetzt, nach dieser großartigen Ehrung, wolle er wirklich gar nichts mehr. Dabei hatte er noch eine andere Buchidee: 2019 hätte er beinah in einem Roman Elon Musk und Peter Thiel auf einen Campingtrip nach Neuseeland geschickt. Aber vielleicht will man das wirklich nicht lesen.
Deutsche Machtverhältnisse
Das Gewinnerbuch von Konstantin Richter, eine durchaus unterhaltsame und sehr gut geschriebene wirtschaftshistorische Analyse des Netzwerks aus Bankiers, Großindustriellen und Lobbyisten, die mit Firmen wie Krupp, Siemens, Daimler etc. verbunden sind, wurde als „vielschichtiges Panorama deutscher Machtverhältnisse“ ausgezeichnet. Es mache sichtbar, was sich hinter dem abstrakten Bild der deutschen Wirtschaft verberge, und liefere eine Grundlage, die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Über diese richtigen Schlüsse hätte man gerne mehr erfahren, während die siebenköpfige Jury in kurzen Einspielern wissen ließ, dass mit den nominierten Büchern „der Umgang mit der Welt ein anderer wird“ – und dass sie sich dabei auch als „partytauglich, nicht langweilig, packend“ erweisen. Richter verknüpft Analyse und Biographisches zu einer oft szenischen Erzählung, die von der Industriellen Revolution bis in die 1990er Jahre reicht.
Noch immer bekommt der Deutsche Sachbuchpreis weniger Aufmerksamkeit als sein Schwesterpreis, der Deutsche Buchpreis, mit dem alljährlich der beste deutschsprachige Roman des Jahres geehrt wird. Und das, obwohl die Preiskonkurrenz im Sachbuch nicht wirklich groß ist und Sachbücher, gemessen an den Verkaufszahlen, ständig wichtiger werden.
Als der Sachbuchpreis 2019 ins Leben gerufen wurde, war das eine sehr gute Nachricht, nicht wegen der Verkaufszahlen, obwohl es natürlich um diese ging, sondern weil gesellschaftliche Debatten nicht selten von Büchern angestoßen, sichtbar gemacht oder strukturiert werden. In der Sprache des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dessen Stiftung Buchkultur und Leseförderung den Preis vergibt, klingt das stets etwas weihevoller, dort ist gerne von der Selbstaufklärung der Gesellschaft über sich selbst durch Bücher die Rede.
Die Jury des Sachbuchpreises bewertete die von Verlagen eingereichten Bücher nach der Relevanz ihres Themas, ihrer sprachlichen Gestaltung, ihrer Allgemeinverständlichkeit und der Qualität ihrer Recherche und ist damit den Vorgaben des Börsenvereins gerecht geworden. Aber genau im ersten Punkt, der Relevanz des Themas, liegt vielleicht das Problem des Deutschen Sachbuchpreises. Denn was als relevant gilt, ist keineswegs selbstverständlich, sondern strittig beziehungsweise zu wenig strittig, wenn das Sachbuch sehr eng als Debattenbuch oder als politisches Buch definiert wird, denn dafür gibt es bereits Preise.
Die Liste der nominierten Bücher schien jedoch eher in diese Richtung zu weisen und der Gedanke relativ konkreter Selbstaufklärung wohl tatsächlich leitend gewesen zu sein, während Philosophie, Globalhistorie, politische Theorie, Ideengeschichte und Kulturtheorie fehlten.
Das erschließt sich vor allem deshalb nicht, weil auch in den Reden zur Preisverleihung wieder einmal das Wissen als Retter aus der Dunkelheit gepriesen wurde, sowohl von Jana Schiedek, Staatsrätin für Kultur und Medien in Hamburg, als auch vom Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz – was ja richtig ist. In diesem Sinne wäre jedoch eine weitere Öffnung des thematischen und stilistischen Spektrums wünschenswert.
