
Rekorde im Außenhandel hat die deutsche Wirtschaft schon lange nicht mehr gefeiert. Nun aber gibt es mal wieder einen: Im Juni führten die deutschen Unternehmen Waren im Wert von 139,3 Milliarden Euro aus. Das ist in der um saisonale Effekte bereinigten Rechnung ein Rekord. Es sind noch einmal 200 Millionen Euro mehr als im September 2022, dem bisherigen Rekordmonat. Die Ausfuhr stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) im Juni um 0,9 Prozent gegenüber dem Vormonat, die Einfuhr legte um 4,4 Prozent zu. Darin spiegeln sich auch höhere Ölpreise.
Das positive Exportergebnis bestätigt, dass die deutsche Wirtschaft sich trotz der kriegerischen Spannungen am Persischen Golf, trotz des Ukrainekriegs, trotz der hohen Energiepreise und trotz der amerikanischen Einfuhrzölle zuletzt recht stabil hielt. Darauf deutet mehr noch die Entwicklung der Produktion im produzierenden Gewerbe hin, die im Zeitraum von April bis Juni um Preiseffekte bereinigt um 0,7 Prozent gegenüber den drei Monaten anstieg. Die Produktion habe sich als „recht widerstandsfähig“ erwiesen, erklärte das Bundeswirtschaftsministerium.
Sorgen, dass die Wirtschaft unter dem Druck der hohen Energiepreise in die Rezession fallen würde, haben sich nicht bewahrheitet. Nach der ersten Schätzung der Statistiker ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen. Ein wichtiger Grund dafür ist nach den vorläufigen Angaben von Destatis, dass der Export preisbereinigt im Vergleich zum Vorquartal zugelegt habe.
Entscheidend dafür sind nach den nun veröffentlichten Daten zum nominalen Warenhandel die Geschäfte mit den Partnerstaaten in der Europäischen Union. In den ersten sechs Monaten des Jahres stieg die deutsche Warenausfuhr in die EU um 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, während die Ausfuhr in die wichtigen Handelspartner Vereinigte Staaten und China um 5,6 Prozent und 12,3 Prozent zurückging. Zölle und amerikanische Handelshemmnisse bremsen die Ausfuhr in die USA, der abgewertete Renminbi und die starke Konkurrenz chinesischer Hersteller bremsen die Ausfuhr in das ostasiatische Land. Dass aber ausgerechnet aus der EU, deren Wirtschaft in den vergangenen Quartalen eher moderat gewachsen ist, so intensiv Waren aus Deutschland nachfragt werden, ist erklärungsbedürftig.
Stefan Kooths, der die Konjunkturabteilung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel leitet, vermutet, dass die deutschen Exporteure wegen der schwierigeren Absatzbedingungen in Amerika und in China verstärkt den europäischen Markt beackert hätten. Die anziehende Warenausfuhr in die Europäische Union wären damit zumindest zum Teil handelsumlenkende Effekte der amerikanischen Schutzzölle. Dafür spricht, dass die deutschen Exporteure auch in Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union ohne USA und China in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ein Plus von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum erzielten.
China meldete am Freitag, dass die Warenausfuhr im Juli um 23,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen sei. Besonders stark wuchs in den ersten sieben Monaten des Jahres die Ausfuhr von Computern und elektronischen Bauteilen um 45,2 Prozent. Die Wareneinfuhr legte im Juli um 27 Prozent zu.
Trotz des deutschen Exporterfolgs blieben Wirtschaftsverbände in ihren Reaktionen skeptisch. „Das ist ein positives Signal, aber noch kein belastbarer Aufschwung“, sagte Dirk Jandura, der Präsident des Exportverbands BGA. „Die Aussichten für den Welthandel sind weiter trübe“, warnte Volker Treier, der sich in der Spitze der Deutschen Industrie- und Handelskammer um die Außenwirtschaft kümmert. Für eine wirtschaftliche Entwarnung sei es zu früh, sagte Treier.
Ähnlich zurückhaltend kommentierten Bankvolkswirte den Anstieg der Produktion im produzierenden Gewerbe. „Die Industrieproduktion bewegt sich auf niedrigen Niveau unter Schwankungen seitwärts“, erklärte Commerzbank-Ökonom Marco Wagner. Wegen des Niedrigwassers im Rhein dürfte sich daran im Sommer nichts ändern. Carsten Brzeski, der Chefvolkswirt von ING, sah in den Zahlen eine Bestätigung, dass die moderate zyklische Erholung andauere. Diese dürfe aber nicht über die strukturellen Probleme der deutschen Industrie hinwegtäuschen. Auch nach den jüngsten Verbesserungen liege die Industrieproduktion immer noch rund zehn Prozent niedriger als vor der Pandemie.
Im Juni stagnierte die dominante Industrieproduktion im engeren Sinne und lag inflations-, saison- und kalenderbereinigt um 0,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Von einer verbesserten Lage im verarbeitenden Gewerbe ist wenig zu sehen. Ohne Großaufträge gerechnet, weist auch die jüngste Entwicklung der Aufträge nicht auf eine Erholung hin. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall betonte am Freitag, dass die Produktion in der Metall- und Elektroindustrie im ersten Halbjahr um 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken sei.
Verbessert haben sich in den vergangenen Monaten andere Wirtschaftsbereiche. Die Bauproduktion legte im Juni um 0,1 Prozent zu. Energieunternehmen erzeugten 1,9 Prozent mehr. Das Bundesministerium verwies dazu auf einen Anstieg der Auslandsumsätze der hiesigen energieintensiven Industrien in den vergangenen Monaten. Das deute auf eine relative Verbesserung der Wettbewerbsposition dieser Unternehmen gegenüber der asiatischen Konkurrenz hin, hieß es. Auch das trägt zur guten Entwicklung der Ausfuhr bei.
