Wie viel Symbolik verträgt ein Ort? Kreisau ist ein 200-Seelen-Dorf südlich von Breslau (Wrocław), doch von so vielfältiger historischer Bedeutung, dass die meisten Menschen kaum hinterherkommen, wenn sie hierherkommen. „Man muss erst mal sehr viel erklären“, sagt Robert Żurek, Geschäftsführer der „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“ an einem Frühsommertag Anfang Juni.
Ein Festtag steht bevor, denn das Berghaus ist frisch restauriert. Das ist der Ort, an dem Hitler-Gegner des „Kreisauer Kreises“ um Helmuth James von Moltke die Zeit nach dem Nationalsozialismus planten. Eine große rote Schleife ist um das Haus gezogen, doch am Fuße des Hügels, in der einstigen Remise des Gutes Kreisau, die heute ein Veranstaltungssaal ist, spricht Żurek jetzt erst mal Klartext.
Deutsche Besucher assoziierten mit Kreisau meist nur den Widerstand, Polen vor allem die Versöhnungsmesse im November 1989 mit den damaligen Regierungschefs Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki. Sie ist das zweite große Ereignis, das diesen kleinen Ort bedeutsam macht, aber das gegenseitige Verstehen nicht per se voranbringt. „Polen haben oft wenig Verständnis für den Kreisauer Kreis. Sie halten ihn für zu klein, nahezu wirkungslos“, so Żurek. Deutsche wiederum hätten oft wenig Interesse an Polen. Die Versöhnungsmesse von 1989? Sage nur wenigen Deutschen etwas. Und dass Polen bereits im August 1989 einen nicht kommunistischen Regierungschef wählte, während in der DDR die Mauer noch ziemlich unverrückbar stand, weiß in Deutschland auch kaum jemand.
Polen ist heute moderner als Deutschland
Heute, 37 Jahre später, liegen diese Ereignisse beinahe so weit zurück wie damals der Zweite Weltkrieg. Doch ein weitgehend normalisiertes Verhältnis, wie es zwischen Frankreich und (West-)Deutschland nach dem Krieg gelang, gibt es zwischen Polen und Deutschland auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht. Zwar unterzeichneten am 17. Juni vor 35 Jahren Helmut Kohl und der damalige polnische Ministerpräsident Jan Bielecki in Bonn den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag. Zwanzig Jahre später bekräftigten beide Seiten eine „noch engere Partnerschaft“, um „den Versöhnungsprozess zwischen Deutschen und Polen fortzusetzen“. Doch nun, weitere 15 Jahre später, findet das Jubiläum fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Von polnischer Seite gebe es gebremsten Enthusiasmus, die Nachbarschaft zu feiern, heißt es aus deutschen Regierungskreisen. Zwar kommen die Außenminister beider Länder an diesem Mittwoch in Berlin zusammen. Doch auch in der deutschen Hauptstadt ist wenig Euphorie zu spüren. Gerade mal 30 Minuten „debattierte“ der Bundestag am vergangenen Mittwoch kurz vor 20 Uhr zwischen den Tagesordnungspunkten „Fußball-Fanrechte“ und „Regenbogenbeflaggung“ das Thema „35 Jahre deutsch-polnische Beziehungen“. Die Zeiten, als Polen wie ein Juniorpartner gesehen und behandelt wurde, seien vorbei, sagte der Polenbeauftragte der Bundesregierung, Knut Abraham (CDU), der unermüdlich für gute Beziehungen wirbt. „Polen ist uns heute nicht nur ebenbürtig, sondern in vielem sogar ein Vorbild.“
Osteuropa wird nicht selbstverständlich mitgedacht
Das dürfte für viele Deutsche neu sein. Auch die Bundesregierung scheint Polen weiterhin nicht zum Kreis der europäischen Führungsländer zu zählen, wie erst vorvergangene Woche deutlich wurde. In London traf Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem britischen Regierungschef und den Präsidenten aus Frankreich und der Ukraine zusammen, um ein Gesprächsangebot an Wladimir Putin zu formulieren. Polen als einziges EU-Land in direkter Nachbarschaft zu Belarus, Russland und der Ukraine, mit einer der größten Armeen Europas, wurde – wieder einmal – nicht eingeladen. Im Anschluss „unterrichtete“ Merz Polens Regierungschef Donald Tusk telefonisch. Woraufhin dieser öffentlich kundgab, dass Vereinbarungen ohne Polen für ihn nicht bindend seien.
Fünfunddreißig Jahre haben offensichtlich nicht ausgereicht, um die Beziehungen zu Deutschlands größtem östlichen Nachbarland so zu vertiefen wie zu Nachbarn im Norden, Westen und Süden. Die Symptome sind oft beschrieben und werden bei polnisch-deutschen Zusammenkünften wie jüngst beim Treffen der Oder-Anrainerländer in Posen (Poznań) immer wieder aufgerufen: von der besagten Nichtbeachtung Polens, dem auf deutscher Seite vernachlässigten Ausbau von Brücken, Straßen und Schienen nach Osten bis zu den von Deutschland unzureichend organisierten Grenzkontrollen. In Polen dagegen macht sich angesichts des wirtschaftlichen Aufstiegs in die Riege der 20 größten Industrieländer der Welt neues Selbstbewusstsein, aber auch politische Unversöhnlichkeit gegenüber Deutschland breit.
Skandal um vermeintlich deutsches Heu
Der Chef der größten polnischen Oppositionspartei PiS, Jarosław Kaczyński, warnt regelmäßig vor „deutschen Stiefeln“, unter die Polen abermals zu geraten drohe. Ob er das selbst glaubt, ist unklar, aber mit dem Thema lässt sich politisch mobilisieren. Alles, was deutsch ist oder aus Deutschland kommt, wird von der politisch rechten Seite skandalisiert. Abgesehen von den deutschen Dienstwagen natürlich, die auch die meisten dieser Politiker fahren. Anfang Juni etwa regten sich PiS-Abgeordnete lautstark darüber auf, dass der Warschauer Zoo angeblich Heu (polnisch: Siano) aus Brandenburg gekauft habe. „Siano-Gate“ war tagelang Thema und rangierte gleich nach der deutschen Butter, die einem PiS-Abgeordneten medienwirksam übel aufgestoßen war, weil er sie auf einem Flug der polnischen Fluggesellschaft LOT serviert bekommen hatte.
Regierungschef Donald Tusk sucht zwar vernünftige Beziehungen zu Deutschland, lässt die Schreierei von rechts außen aber meist unwidersprochen laufen. Das liegt auch an dem 20 Jahre alten – falschen – Vorwurf der PiS an Tusk, Enkel eines freiwilligen Wehrmachtssoldaten und deshalb Vertreter deutscher Interessen zu sein. Tusk, der aus Danzig (Gdańsk) stammt, hat die Geschichte, die ihn 2005 wohl den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen kostete, nie ganz verwunden, zumal sie bis heute gegen ihn in Stellung gebracht wird.
Er versucht, jeden Anschein einer Verbrüderung mit Deutschland zu vermeiden. Seine Zurückweisung der 200 Millionen Euro etwa, die der damalige Kanzler Olaf Scholz als Rentenzahlung für noch lebende Opfer der deutschen Besatzung angeboten hatte, zählt dazu. Seine Sorge, die rechte Seite könnte „Zu wenig!“ rufen, überwog, zugleich fordert er weiter Wiedergutmachung ein.
Innerpolnischer Zwist bremst Beziehungen aus
Doch egal welche Summe aufgerufen würde, für die rechtskonservativen Vertreter wird es immer zu wenig sein, weil sie sich die Deutschen niemals als Gegner nehmen lassen werden. So bleibt es auch für die deutsche Seite schwierig, verlässliche Absprachen mit Polen zu treffen. An diesem Mittwoch soll in Warschau zudem ein deutsch-polnisches Verteidigungsabkommen abgeschlossen werden. Das dient dazu, der – Beteiligten zufolge bereits engen – militärischen Kooperation ein formales Gerüst zu geben.
Ein umfassendes Sicherheitsabkommen mit Beistandsklausel jedoch, wie Polen es kürzlich mit Frankreich und Großbritannien abgeschlossen hat, wird es mit Deutschland nicht geben. Ein solches müsste Präsident Karol Nawrocki unterzeichnen. Dieser steht der PiS nahe, und beide Regierungen wollten keine Verweigerung riskieren.

In der Präambel des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages von 1991 heißt es, Deutsche und Polen wollten „die Trennung Europas endgültig überwinden“. Wie soll das gehen, wenn sie sich nicht mal untereinander einig sind?
In Kreisau ist man da schon viele Schritte weiter. Bereits vor dem Mauerfall kamen an diesem Ort junge Oppositionelle aus beiden deutschen Staaten, Polen, den Niederlanden und den USA zusammen, mit dem Ziel, den Eisernen Vorhang niederzureißen. Zu einer Zeit, als viele (West-)Deutsche schon gar nicht mehr an ein vereintes Deutschland glaubten, herrschte in Polen Zuversicht, dass ein gemeinsames Europa nur über ein wiedervereinigtes Deutschland zu erreichen sei. Der verstorbene Ludwig Mehlhorn, einer der Mitgründer der DDR-Bürgerbewegung „Demokratie-Jetzt“, erinnerte sich an jene Kreisauer Tage im Frühjahr 1989 als „magischen Moment“. Für ihn sei damals schon die Mauer gefallen.
Emotionaler Neubeginn im November 1989
„Kreisau steht für Mut und Courage, für Werte, die größer sind als politisches Kalkül“, sagt Waldemar Pytel, ehemals evangelischer Breslauer Bischof, in Kreisau. „Statt uns voneinander abzugrenzen, sollten wir der Kultur der Begegnung folgen.“ Helmuth James von Moltke brachte hier im Berghaus, dem Wohnort der Familie, 1942 und 1943 Protestanten und Katholiken, Sozialisten und Konservative, Adlige und Gewerkschafter zusammen, um über ein demokratisches Deutschland nach dem Nationalsozialismus zu beraten.
Dafür bezahlten er und andere Teilnehmer mit ihrem Leben. Ende der Achtzigerjahre versammelten sich dann Bürger aus Ost und West, um Systemgrenzen zu überwinden. Und im November 1989 folgte die Versöhnungsmesse. Pytel, der damals als junger Mann dabei war, beschreibt sie als äußerst bewegenden Moment: Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki, der Deutsche und der Pole, umarmten sich. Wer hätte das noch wenige Monate zuvor für möglich gehalten?
„Als Völker sind wir heute versöhnt“, sagt Waldemar Czachur, Germanistikprofessor an der Universität Warschau und lange Vorsitzender des Rates der Stiftung, in Kreisau. Versöhnen könnten sich ohnehin nur diejenigen, die Verbrechen selbst erlebt hätten. „Meine Generation erwartet keine Entschuldigung mehr“, so der Achtundvierzigjährige. Vielmehr seien heutige Generationen Nutznießer der Versöhnung. Dringend gebraucht aber würden Orte der Bildung und Begegnung. „Wir sollten uns mehr füreinander interessieren und vor allem wissen, was damals passiert ist und was unsere Großeltern gemacht haben“, sagt Czachur und belegt das mit Zitaten von Schülern, die sich in Kreisau erkundigt hätten, warum Deutsche damals nach Polen gekommen seien, um über den Sturz Hitlers zu beraten.
Heute besuchen rund 25.000 Menschen im Jahr Kreisau, meist Jugendliche aus Polen und Deutschland. Zur Einweihung des renovierten Berghauses ist auch Helmuth Caspar von Moltke gekommen, der älteste Sohn des ermordeten Hitler-Gegners, der sich mit einer Stiftung für den Ausbau der Anlage engagiert. Das entspreche ganz dem Geist, den seine Eltern diesem Ort einst gegeben hätten, sagt der 89 Jahre alte Mann. Kreisau sei heute der größte Jugendbegegnungsort Mitteleuropas, sagt Polenbeauftragter Knut Abraham. Seit Russlands Überfall auf die Ukraine seien auch immer mehr ukrainische Jugendliche darunter. Es gehe darum, Ahnungslosigkeit zu verringern und in Neugierde und Wissen zu übersetzen. „Je früher Menschen lernen, Vorurteile abzubauen, umso unwahrscheinlicher werden Kriege.“
Und sosehr Kreisau-Geschäftsführer Robert Żurek diese Entwicklung freut, bereitet ihm die Gegenwart doch auch Sorge. „Der Populismus nimmt zu, antideutsche Ressentiments verfangen bei Leuten“, sagt er. Auf beiden Seiten von Oder und Neiße nutzten politische Akteure kleinste Anlässe, um Verständigung zu torpedieren. Ständig fühle sich irgendjemand medienwirksam beleidigt, fordere Entschuldigungen und Erklärungen. So habe sich die Stiftung in Polen mit dem absurden Vorwurf auseinandersetzen müssen, hier deutschen Widerstand zu glorifizieren. „Das tun wir nicht“, sagt Żurek. „Wir sorgen hier für Begegnung. Was kann daran falsch sein?“
