Der französische Stadtplaner, Architekt und Philosoph Paul Virilio (1932 bis 2018) meinte in den Neunzigerjahren eine postpolitische Gesellschaft diagnostizieren zu können, in welcher Krieg nicht mehr die Fortsetzung der Politik (Clausewitz), sondern vielmehr ein religiöser oder terroristischer Krieg sei: ein Krieg ohne Feinde, ohne Staaten und manchmal sogar ohne jemanden, der die Verantwortung dafür übernimmt. Die Golfkriege sah er als Wendepunkt vom industriellen zum informationellen Krieg.
Der Krieg war für Virilio „Vater“, „Mutter“ und „Universität“. Als Sohn einer französischen katholischen Schneiderin und eines italienischen kommunistischen Flüchtlings wuchs er in der Hafenstadt Nantes auf, die 1940 von den Deutschen besetzt und zwei Jahre später durch Bomben der Alliierten zerstört wurde. Der Elfjährige begann, in einem Notizbuch über „Krieg und Stadt“ zu schreiben. „Ich befand mich in einer philosophischen Situation. Denn diejenigen, die uns befreiten, töteten uns, und diejenigen, die uns besetzten, lebten mit uns“, sagte er einmal.
Die Entdeckung der deutschen Bunker
Nach dem Krieg war die Entdeckung der nun zugänglichen Strände für den jungen Virilio zugleich die Entdeckung der Bunker des deutschen „Atlantikwalls“. In Umkehrung des berühmten situationistischen Slogans „Sous les pavés, la plage“ wandte Virilio dem Meer den Rücken zu. Er näherte sich den Resten des deutschen Walls wie ein Archäologe, reiste entlang der Küste, machte Notizen, Zeichnungen und Fotos, „um die totalitäre Dimension des Krieges zu begreifen“. Ohne die Bunker, sagte er, wäre er kein Stadtplaner oder Architekt geworden.

Ursprünglich 1958 als sehr kurzer Text verfasst, war „Bunker Archéologie“ ein persönlicher, sachlich-poetischer Bericht, der erst 1966 in der Zeitschrift „Architecture Principe“ veröffentlicht wurde. Virilio beschrieb die verwitterten Betonbunker als Monolithen, die unwillkürlich an aztekische Tempel, die Mastaba, die etruskischen Nekropolen oder die Pyramiden denken ließen. Als Beispiele für die Selbstblindheit einer Epoche verkündeten sie für Virilio eine neue Art von Architektur, die nicht mehr auf den physischen Dimensionen des Menschen basiert.
Im Jahr 1975 wurde vom Centre Pompidou im Rahmen einer Ausstellung eine umfangreiche Ausgabe von „Bunker Archäologie“ veröffentlicht. Sie enthielt Virilios Studie, die auch einen historischen Überblick über den „Atlantikwall“ und das Werk von Albert Speer gibt, einen Katalog der verschiedenen Bunkertypen sowie einen persönlichen Essay, begleitet von seinen Fotografien aus den Jahren 1958 bis 1965 und von ihm zusammengestellten Karten.
Stärke und Schönheit von Virilios Fotografien
Nun liegt, fünfzig Jahre nach der Edition des Centre Pompidou, eine Neuauflage von „Bunkerarchäologie“ auf Deutsch, Englisch und Französisch vor. In Zusammenarbeit mit der Tochter Sophie Virilio und Florian Ebner vom Centre Pompidou entstanden, stellt sie die Maße der Originalausgabe sowie die Ausgewogenheit zwischen Text und Bild wieder her und betont so die Stärke und Schönheit von Virilios Fotografien. Der Band enthält eine neue englische Übersetzung von Simon Cowper, das neue Layout jedoch erschwert das Lesen. Die solide deutsche Übersetzung ist immer noch jene von Bernd Wilczek in den früheren deutschen Ausgaben (1992, 2011).

Virilios Interesse an dieser Architektur brachte ihn mit dem erfahrenen Architekten Claude Parent zusammen, der sich für eine Ausschöpfung der plastischen Möglichkeiten von Beton einsetzte, um neue Volumina zu schaffen, die aus gekrümmten Oberflächen und schrägen Ebenen hervorgehen. Gemeinsam entwickelten sie eine Theorie dessen, was sie „La Fonction Oblique“ nannten, deren deutlichster Ausdruck die Kirche Saint-Bernadette-du-Banlay in Nevers war, die sie 1966 fertigstellten. Die Kirche verbindet diese „Schräge Funktion“ mit der monolithischen Bunkerarchitektur und die geheimnisvollen Räume der Grotte – ein gebärmutter- und grabähnlicher Raum, der Ort der Offenbarung der heiligen Bernadette – mit dem Bunker oder dem Atombunker. Zuflucht vor Gefahr, Anbetung und Erlösung treffen aufeinander.
Im Mittelpunkt ihrer Architektur standen die mobilen, dynamischen und unbeständigen Aspekte der räumlichen Organisation – und folglich auch Fragmentierung und Instabilität. Architektur wurde als menschenfeindlich betrachtet; nicht als komfortabler Raum, sondern als etwas, das es zu überwinden galt; vielleicht als Mittel, das Böse durch das Böse zu überwinden.
Der Bunker stand auch für die Schwäche des NS-Regimes
Diese Haltung beeinflusste zukünftige Generationen von Architekten, darunter Rem Koolhaas, Jean Nouvel, Daniel Libeskind und Zaha Hadid, war damals aber noch umstritten. Bei einem Symposium 1966 in England, an dem Avantgarde-Pioniere wie Archigram, Frei Otto, Cedric Price und Arata Isozaki teilnahmen, reagierte das Publikum mit Nazigesten, als Parent und Virilio ihre Pläne für „Oblique Cities“ präsentierten.
Von Anfang an waren die Bunker Grabdenkmäler. 15.000 davon sollten nach 1940 entlang der Westküste Europas als Teil der „Festung Europa“ errichtet werden, um eine Invasion der Alliierten zu vereiteln. Paradoxerweise signalisierte dieses gewaltige Unterfangen auch die Schwäche des NS-Regimes und die abrupte Verlagerung des Kriegs nach Osten. Die NS-Doktrin enthielt laut Virilio nur ein Element: die Lithosphäre, den Boden, den Lebensraum. Hitler habe ebenso wenig an die Eroberung der Lüfte wie an die Eroberung der Meere geglaubt.
Die Bunker stehen nicht nur für das Scheitern der Eroberung Europas, sondern auch für jenen Moment, als der Himmel in den Krieg eintrat. Von da an war jedes Gebiet vollständig zugänglich, dem Blick und der Zerstörung von oben ausgesetzt. Der Krieg wurde zum Spektakel, die Kriegsführung immateriell, bewegte sich weg aus den Schützengräben hin zu elektromagnetischen Wellen, Geheimdienstinformationen und Daten. Allmählich verwandelte sich Geographie in Geschwindigkeit, ein Untersuchungsobjekt, dem sich Virilio fortan widmen sollte.
Paul Virilio: „Bunkerarchäologie“. Aus dem Französischen von Bernd Wilczek. Spector Books und Éditions du Centre Pompidou, Leipzig/Paris 2025. 212 S., Abb., geb., 42,– €.
