Wer Christian Sewing in diesen Tagen beobachtet, erlebt einen Mann, der seine Rolle gefunden hat. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank tritt als Mahner und Antreiber der Bundesregierung auf. „Was Investoren nicht mögen, ist eine Koalition, die sich nach jeder Landtagswahl neu sortiert“, sagte er beispielsweise am vergangenen Mittwoch auf einem Bankenkongress. Es brauche jetzt die Entschlossenheit und Bereitschaft, für eine gewisse Zeit Belastungen und auch Gegenwind auszuhalten. Dann erlaubte sich der Bankchef eine persönliche Bemerkung: „Das habe ich im kleinen Maßstab bei der Deutschen Bank erlebt. Wer Kurs hält, wird belohnt.“
Es ist ein angenehmer Part, den Sewing da ausfüllt – zumindest verglichen mit früheren Zeiten bei der Deutschen Bank. Er kam vor fast einem Jahrzehnt an die Spitze des wichtigsten deutschen Geldhauses, in einer Zeit, die manche als „Nahtoderfahrung“ für die Bank bezeichnen. Damals kämpfte das Haus mit Skandalen und mangelndem Vertrauen der Investoren. Der Aktienkurs lag zeitweise unter einem Wert von zehn Euro. Mit viel Geduld und auch Geschick hat Sewing die Deutsche Bank stabilisiert und in jüngster Zeit gar zu Rekordgewinnen geführt. Bei deutlich mehr als dreißig Euro notiert der Aktienkurs mittlerweile wieder. Vielleicht ist all das der Grund dafür, warum Christian Sewing derzeit so gelassen und selbstbewusst auftritt. Ihm kann momentan keiner etwas.
Wenn da nicht ein Gerichtsverfahren wäre, das am kommenden Donnerstag unter dem Aktenzeichen „2-19 O 153/24“ vor dem Frankfurter Landgericht beginnt. Der Kläger ist ein einundfünfzigjähriger Italiener namens Dario Schiraldi, ein ehemaliger Topbanker. Der Mann will von seinem früheren Arbeitgeber eine Rekordentschädigung erstreiten: Er verlangt von der Deutschen Bank sage und schreibe 152 Millionen Euro Schadenersatz. Und er ist nicht allein: Vier weitere ehemalige Mitarbeiter der Deutschen Bank haben das Geldhaus in London verklagt. Sie fordern gemeinsam zusätzlich rund 650 Millionen Pfund Schadenersatz (umgerechnet rund 750 Millionen Euro). Das ist nicht mehr weit entfernt von einer Gesamtsumme von einer Milliarde Euro. Ein erhebliches Geschäftsrisiko für die Deutsche Bank.
Ein Fall, der es in sich hat
Es ist ein Fall, der es in sich hat. Dabei geht es um intransparente Bilanzgeschäfte, die in Italien sogar zu Strafverfahren führten, um interne Untersuchungen, um viele Millionen Euro – und am Ende auch um den Ruf von Vorstandschef Christian Sewing. Darin liegt die besondere Brisanz.
Sewing selbst äußert sich nicht, aber die Bank teilt auf Anfrage mit: „Die Deutsche Bank hält alle derartigen Klagen für unbegründet und wird sich entschieden gegen sie verteidigen, einschließlich der Anfechtung der überhöhten und unrealistischen behaupteten Verluste.“ Was das konkret bedeutet, zeigt sich gerade in London. Dort hat die Bank eine sogenannte Widerklage auf den Weg gebracht, in der sie wiederum die dortigen Kläger mit hohen Summen belangen möchte. Das zeigt, wie ernst es beiden Seiten ist.

Man könnte darum auch erwarten, dass Dario Schiraldi die Sache mit Wut im Bauch angeht. Er hat als einziger der Betroffenen den Weg einer Klage in Deutschland gewählt. Dies hat auch damit zu tun, dass der Italiener eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat und mit einer Deutschen verheiratet ist. Vielleicht aber auch damit, dass eine Klage am Sitz der Deutschen Bank noch mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Das Überraschende ist: Schiraldi wirkt überhaupt nicht verbittert. Wer mit ihm spricht, erlebt stattdessen einen Menschen, der über seine Zeit in der Deutschen Bank noch immer positive Worte findet: „Ich blicke nicht im Zorn zurück. Ich hatte viele wunderbare Jahre bei der Deutschen Bank und habe noch immer viele gute Erinnerungen an jene Zeit.“ Er wolle keine Rache, keine Vendetta, auch wenn das Wort im Italienischen einen wunderbaren Klang hat. Schiraldi kann sehr genau und strukturiert über die vielen Einzelheiten seines Falles reden, er ist sie wieder und wieder im Geiste durchgegangen. Aber an dieser Stelle braucht er nicht viele Worte: „Ich strebe keine Vergeltung an, aber Schadenersatz. Zuvor hatte ich eine sehr erfolgreiche Karriere.“ Dann habe er alles verloren.
Im Prinzip dreht sich alles um ein Geschäft, das intern auf den Namen „Santorini“ hörte. Wer dabei an die griechische Urlaubsinsel denkt, liegt falsch, es handelt sich um eine Art Tochtergesellschaft der italienischen Banca Monte dei Paschi di Siena, kurz MPS. Um zu verstehen, was dahintersteckt, ist eine kleine Zeitreise ins Jahr 2008 nötig, das Jahr der Finanzkrise.

Damals stand Monte dei Paschi unter enormem Druck, die Bank litt unter einer überteuerten Übernahme. An dieser Stelle kamen die Spezialisten der Deutschen Bank rund um Dario Schiraldi ins Spiel. Schiraldi bekleidete damals eine herausgehobene Position in der sogenannten „Global Markets“-Abteilung der Bank, die für solche Geschäfte zuständig war. Schiraldi und andere entwickelten in einem größeren Team eine Wertpapierkonstruktion, die den Italienern – insbesondere der Tochtergesellschaft Santorini – helfen sollte und an der sich zugleich gut verdienen ließ.
Stark vereinfacht funktionierte das so: Eine Bank verschaffte der anderen Liquidität, also schnell verfügbares Geld, und kassierte dafür eine Gebühr. Der Fachbegriff dafür lautet „Repo-to-maturity“. Das Besondere daran zum damaligen Zeitpunkt war: Das Geschäft ähnelte zwar sehr der Vergabe eines Kredites, ließ sich aber in der Bilanz anders behandeln. Normalerweise muss eine Bank Kredite nämlich mit viel Eigenkapital hinterlegen, was die Vergabe für sie teuer macht. Bei „Repo-to-maturity“-Geschäften war das anders. Der Deal war also für beide Banken attraktiv. Man merkt allerdings leicht, dass er mit einer gewissen Intransparenz einherging. Denn wie groß die Risiken waren, die die jeweiligen Banken dabei eingingen, ließ sich aus ihren Bilanzen kaum herauslesen. In einer Zeit, in der Institute auf der ganzen Welt ins Wanken gerieten, verursachte das bei vielen Vertretern der Bankenaufsicht mehr als ein Stirnrunzeln.
Streit um die Bilanzierung
Anfang Januar 2013, also einige Jahre später, geriet Monte dei Paschi in Italien wegen zahlreicher riskanter Geschäfte erneut unter Druck. Und mit einem Mal interessierten sich auch die italienischen Behörden für das Geschäft zwischen der Deutschen Bank und dem italienischen Geldhaus. Hatte die Deutsche Bank hier etwa Beihilfe zum Verschleiern der Bilanz geleistet?
An dieser Stelle beginnt der Streit, den die Deutsche Bank auf der einen und ihre ehemaligen Mitarbeiter auf der anderen Seite so vehement führen. Verbürgt ist, dass die Deutsche Bank 2013 eine technisch wirkende Umklassifizierung in der Bilanz vornahm. Das Santorini-Geschäft wurde dort jetzt nicht mehr als kreditähnliches Geschäft aufgeführt, sondern als Derivategeschäft. Warum? Genau daran entzündet sich die Auseinandersetzung.
Schiraldi und die übrigen Kläger sagen: weil die Bank so auf eine damals anstehende Bilanzreform reagieren wollte, die das einträgliche Repo-Geschäft für sie teurer gemacht hätte. Mit der Umklassifizierung habe sie dieses Problem umgehen wollen, aber dadurch erst recht Nachfragen der Aufsicht provoziert. Die Bank dagegen begründete den Vorgang damit, dass man erst im Nachhinein von bestimmten Details der Santorini-Transaktion erfahren habe.
Hier taucht nun erstmals Christian Sewing auf. Er war 2013 Leiter der Innenrevision und wurde vom Vorstand mit einer internen Sonderprüfung der Vorgänge beauftragt. Dario Schiraldi und die übrigen Kläger behaupten: Der am Ende dieser Untersuchung stehende Bericht sei falsch und irreführend gewesen. Die Untersuchung sei nie ergebnisoffen geführt worden, sondern habe das Ziel gehabt, Schiraldi & Co. für die Scherereien rund um die Santorini-Geschäfte verantwortlich zu machen.
Das ist starker Tobak, den die Bank in aller Schärfe zurückweist: „Die interne Untersuchung wurde gründlich, ordnungsgemäß und unabhängig durchgeführt, und die beteiligten Führungskräfte sind allen ihren Verantwortlichkeiten in angemessener Weise nachgekommen.“ In ihrer Erwiderung auf die Klage in London weist die Bank zudem darauf hin, dass Sewing selbst die Untersuchung gar nicht geleitet habe, sondern dessen Stellvertreter Ian Overton. Die Kläger werten das als ein Ablenkungsmanöver, durch das der heutige Vorstandschef Sewing geschützt werden solle.
Der Prozess in Italien
Warum aber ist das alles überhaupt so wichtig? Weil sich Jahre später italienische Staatsanwälte mit den Vorgängen beschäftigten. Im Oktober 2016 wurden Schiraldi und seine Mitstreiter in Mailand wegen Beihilfe zur Bilanzmanipulation angeklagt. Der Italiener war kurz zuvor aus der Bank ausgeschieden, nun war er geschockt: „Da hat sich mein Leben wirklich verändert.“ 2019 fiel das Urteil. Schiraldi wurde zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Auch die übrigen Banker sollten ins Gefängnis. Allerdings handelte es sich um ein Urteil in erster Instanz. Die ehemaligen Deutsche-Bank-Mitarbeiter mussten also nicht direkt in Haft, sondern konnten in Berufung gehen. Ihr Verdacht lautet bis heute: Auch die aus ihrer Sicht fehlerhaften Ergebnisse der internen Sonderprüfung aus dem Jahr 2013 hätten später zu ihrer Verurteilung geführt.
Auch hiergegen wehrt sich die Deutsche Bank in aller Deutlichkeit. Sie teilt dazu mit: „Die Bank hat den Behörden jederzeit korrekte Informationen zur Verfügung gestellt und die Interessen ihrer (ehemaligen) Mitarbeiter geschützt.“ Die Bank habe außerdem ihre ehemaligen Mitarbeiter in ihrer Verteidigung gegen die gegen sie erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe umfassend unterstützt und dabei auch Anwaltskosten von mehr als zehn Millionen Euro übernommen. Diese Unterstützung habe maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Mitarbeiter in zweiter Instanz freigesprochen wurden. Denn genau das passierte: Im Mai 2022 wurden die Banker freigesprochen, und im Oktober 2023 bestätigte Italiens Oberster Gerichtshof die Urteile.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dario Schiraldi ist erleichtert, aber das Geschehene kann er nicht vergessen. Das, was ihm aus seiner Sicht passiert ist, kleidet er heute in folgendes Bild: „Man stelle sich vor, ich hätte nicht bei einer Bank gearbeitet, sondern in einem Haushaltswarengeschäft. Eines Tages sagt der Besitzer, dass sein Angestellter einen Hammer verkauft habe. Der Angestellte habe gewusst, wozu der Kunde ihn benutzen würde, und er habe gleich die Anleitung mitgeliefert, wie man ihn zweckentfremdet. Aus einem Verkäufer wird so ein Komplize. Und dann stellt ein Berufungsgericht fest, dass es überhaupt keine Straftat gab. Kein Betrug, keine Manipulation, ein reguläres, rechtmäßiges Finanzgeschäft.“
Die Beteiligten waren sich schnell einig, dass ihnen ein Freispruch allein nicht genügte. Dario Schiraldi reichte schon im April 2024 Klage gegen die Deutsche Bank in Frankfurt ein, die übrigen Banker folgten im Herbst 2025 in London. Nur einer von ihnen verzichtete auf den Gang vor Gericht und erreichte eine außergerichtliche Einigung mit der Bank. Schiraldis Prozess wurde mehrfach verschoben, am kommenden Donnerstag soll es nun aber losgehen. Der Italiener wird persönlich erscheinen: „Ich habe alles Vertrauen der Welt in die deutsche Justiz.“ Christian Sewing wird an diesem Tag sicher nicht im Gerichtssaal sein. Aber anzunehmen ist: Das Verfahren könnte seine derzeitige Gelassenheit durchaus auf die Probe stellen.
