Jetzt muss es auch dem Letzten klar werden: Die Probleme der Deutschen Bahn hängen längst nicht nur am Geldmangel der Zehnerjahre, da ist auch eine Menge an untauglichen Strukturen und schlichtem Unvermögen im Spiel.
Zugegeben: Dieses Wochenende leidet die Bahn unter hohen Temperaturen, mit denen niemand gerechnet hat, als die Schienen einst verlegt wurden. Da kann sich mal eine Schiene verformen oder ein Strauch an der Böschung brennen. Mit solchen Temperaturen muss die Bahn allmählich lernen zurechtzukommen. Doch dass am späten Dienstagabend mehr als eine Stunde lang überhaupt kein Zug mehr fuhr, das ist allein die Schuld der Bahn. Nach ihren Angaben war es eine ganz normale Wartung, die den Zugfunk lahmgelegt hat. Und auch das Reservesystem funktionierte nicht.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nun gibt es immer wieder Pannen, die nicht passieren dürfen, die aber trotzdem geschehen. Wenn in den ausgereiften Systemen der industrialisierten Welt noch Fehler auffallen, dann oft deshalb, weil gleich mehrere Sicherungsmechanismen ausgefallen sind. Das ist unwahrscheinlich, aber es passiert, und das sind oft die Pannen, die dann die Öffentlichkeit treffen.
Die vielen Pannen der Bahn
Doch allein rund um die Kommunikationstechnik sind in den vergangenen Wochen so viele Dinge schiefgelaufen, dass sich das nicht mehr als Zufall abtun lässt. Beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ging das ambitionierte Vorhaben schief, die Leit- und Sicherungstechnik der Gleise zu digitalisieren – aber auch die vergleichsweise simple Aufgabe, die Kabel richtig zu verlegen. Inzwischen ist bekannt: Die Eröffnung des Bahnhofs verzögert sich bis 2031.
Zwischen Hamburg und Berlin wurden in den vergangenen Monaten zwar die Gleise generalsaniert, die digitale Zug-Leittechnik allerdings kommt auch dort erst in den Dreißigerjahren. Denn die Bahn hatte schon bei der Sanierung zwischen Frankfurt und Mannheim bemerkt, dass sie das nicht richtig schafft. Wäre es doch nur das gewesen. Aber auch die traditionellere Steuerungstechnik ist nicht auf der ganzen Strecke einsetzbar, zumindest nicht im Juni. Im Moment brauchen die Züge deshalb länger als vor der Sanierung.
Und dann war da noch Köln. Als dort in der Nähe vor knapp einem Jahr ein Stellwerk umgerüstet wurde, ging das so schief, dass die Folgen im ganzen Land zu spüren waren. Im November sollte der Kölner Hauptbahnhof ein neues Stellwerk bekommen. Zehn Tage lang wurde der Hauptbahnhof weitgehend gesperrt. Was allerdings nicht kam, war das Stellwerk. Das hatte einen Softwarefehler. Jetzt muss der Hauptbahnhof im kommenden Jahr noch mal für einen gleich langen Zeitraum gesperrt werden.
Deutschland hat ein Problem mit der Digitalisierung
Zur Ehrenrettung der Bahn bleibt allenfalls, dass sie damit nicht allein ist. Die Bundeswehr möchte seit Jahren einen digitalen Funkverkehr einführen. 20 Milliarden Euro wurden schon dafür ausgegeben, aber die Armee schafft es bisher nicht, vier Panzer zu verbinden. Da könnte man das Gefühl bekommen, dass Digitalisierungsprojekte grundsätzlich und immer scheitern. Nun zeigt allerdings die Praxis, dass auch die alte Technik nicht über jeden Zweifel erhaben ist, so wie vergangene Woche der alte Zugfunk der Bahn.
Und tatsächlich funktioniert die Digitalisierung anderswo deutlich besser als in Deutschland. Die USA haben einen digitalen Militärfunk. Wenn man den Blick weitet, stellt man sogar fest: Seit sich um die Jahrhundertwende das Internet durchgesetzt hat, werden andere Länder immer produktiver. Sie erledigen in der gleichen Zeit immer mehr Arbeit – oder sie können die gleiche Arbeit schneller erledigen und haben mehr Freizeit. Nur den Europäern will das nicht gelingen. Das liegt auch daran, dass sie in all ihren Organisationen mit der Digitalisierung fremdeln.
Wie sehr sie fremdeln, das hat die vergangene Woche gezeigt. Da müht sich eine Expertenkommission monatelang ab, Studien zu verstehen und Empfehlungen zu formulieren, wie Kinder und Jugendliche mit der digitalen Welt umgehen sollen. Das ist kompliziert, denn die Studien zum Thema sind widersprüchlich. Und dann fühlt das halbe Land: Das ist uns alles noch zu digital, wir müssen mehr verbieten.
Doch in einer Gesellschaft, die der Digitalisierung so misstrauisch gegenübersteht und ihr so viele Steine in den Weg legt – da ist es auch kein Wunder, dass digitale Projekte scheitern.
