Vom Tellerwäscher zum Millionär – der amerikanische Traum, den der Groschenromanautor Horatio Alger im 19. Jahrhundert in Dutzenden seiner Geschichten für ein Massenpublikum immer wieder neu beschrieben hat, ist ein im Profifußball verbreitetes Phänomen. Unzählige Teenager aus ärmlichen Verhältnissen fanden dank ihres Talents zu immensem Wohlstand, einige zu großem Reichtum.
Der sagenhafte Aufstieg von Younes Ebnoutalib erfolgte jedoch mit so vielen Irrungen und Wirrungen, dass er Algers Erzählungen nach dem Prinzip „von rags to riches“ (von Lumpen zu Reichtümern) durchaus bereichert hätte, das in den verschiedenen Übersetzungen in vielen Teilen der Welt zum geflügelten Wort geworden ist.
Der 23 Jahre alte Frankfurter, Sohn marokkanischer Eltern, ist am Donnerstagabend in Amsterdam zum deutschen Fußball-Nationalspieler geworden. Beim 1:1 der DFB-Auswahl gegen die Niederlande wurde der Mittelstürmer nach 30 Minuten für den verletzten Kai Havertz ins Spiel gebracht. „Er war top“, lobte Bundestrainer Jürgen Klopp den Neuling nach seinem ersten Spiel im Amt.
Eine Bewertung, die nachvollziehbar ist. Aber nur unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Ebnoutalib mit der Erfahrung von neun Bundesligaspielen zum Nationalteam angereist ist. Unter objektiven Maßstäben, die internationale Klasse definiert, fiele das Qualitätsurteil anders aus. Mutig, engagiert, unverzagt, athletisch, aber mit Mängeln im Erfassen und Interpretieren von Spielsituationen und punktuell auch in der Ballbeherrschung.
Ebnoutalib ist wie geschaffen für den Fußball von Klopp
Die deutsche Trainer-Koryphäe schätzt den Angreifer, weil Ebnoutalib wie geschaffen für die Art seines Fußballs und seiner Mannschaftsführung ist. Klopp setzt auf Leidenschaft, Durchsetzungsvermögen, Zielstrebigkeit, Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit. Fußballkunst, individuell und als Team, ist als Bereicherung willkommen, aber nicht Grundlage seiner Idee vom Spiel. Klopp mag zudem kernige Persönlichkeiten, die ein klares Wort vertragen und nicht jedes Wort ergeben hinnehmen.
Als der 59-Jährige vor drei Wochen das Eintracht-Training besuchte, war er vom Plausch mit Ebnoutalib und dessen Verhalten so angetan, dass er ihn fragte, ob er nicht lieber für die deutsche Nationalelf spielen wolle als für die marokkanische. Der Frankfurter hatte sich das zuvor gar nicht so richtig vorstellen können, sagte aber schnell zu: „Wenn Klopp fragt, kann man nicht Nein sagen.“ Sein Traum vom Fußballprofi hatte von klein auf bis maximal in das marokkanische Nationalteam gereicht.
Sehr realistisch war selbst diese Utopie nicht. Als Teenager schaffte es Ebnoutalib nie in eines der großen Leistungszentren. Nicht die Eintracht oder Mainz 05 holten ihn aus den Frankfurter Vorstadtklubs, für die er als Kind spielte, es war der SV Wehen. Und auch beim damaligen Zweitligaklub schien es mit der Profikarriere nichts zu werden. Er wurde zu Rot-Weiss Frankfurt abgegeben, der in der Verbandsliga kickte. Aber Younes träumte weiter.
Faissal Ebnoutalib gewann Silber in Sydney
„Ich habe früh von meinem Vater gelernt, niemals aufzugeben“, sagte Ebnoutalib in einem früheren Gespräch mit der F.A.Z. Faissal Ebnoutalib gewann für Deutschland 2000 in Sydney Olympisches Silber im Taekwondo und betreibt in Frankfurt eine Kampfsportschule, seitdem er seine Karriere als Hochleistungssportler beendet hatte. „Seit ich drei war, hat mich mein Vater zum Training mitgenommen, wie meine Schwester und meinen Bruder.“ Von seinem Vater übernahm er auch die Disziplin und die Askese eines Olympioniken. Nicht nur, dass er mehr trainierte als alle seine Mitspieler, er verzichtete als Teenager auch auf jegliche Form von Junkfood. Von Zigaretten und Alkohol ganz zu schweigen.
Mit 18 schien Ebnoutalibs Traum konkreter zu werden. Der italienische Zweitligaklub Perugia war auf den schnellen und wuchtigen Nachwuchsstürmer der deutschen Verbandsliga aufmerksam geworden. Der klamme Verein suchte in ganz Europa Begabungen zum Nulltarif. Dem Frankfurter wurde der Fußball-Himmel in Italien versprochen und fand die Hölle. Statt wie versprochen bei der ersten Mannschaft mitzutrainieren, wurde er ins Jugendteam abgeschoben. Als er zu seinem ersten Profitraining erschien, brüllte ihn der Manager an, was er denn auf dem Platz zu suchen habe und er solle sich zum Teufel scheren.

Als Eintracht-Profi kann er heute über so etwas lächeln, damals war es eine Qual für ihn. Auch, dass er mit mehreren Spielern ein verschimmeltes Zimmer teilen musste, auch, dass sich niemand um ihn kümmerte, als er sich einen Fußbruch zugezogen hatte. „Eigentlich hätte ich sofort wieder gehen müssen. Aber es war gut, dass ich durchgehalten habe. Ich habe mich charakterlich und mental unheimlich weiterentwickelt in dieser Zeit. Ich habe gelernt, mich zu wehren.“
Der Vertrag in Italien wurde schließlich aufgelöst, Ebnoutalib kehrte heim nach Frankfurt – und fand keinen Verein. Der FC Gießen überzeugte ihn schließlich, sich ihm anzuschließen, obwohl der Klub nur in der Regionalliga kickte. Younes, der Fußballprofi? Es schien nur noch eine Illusion zu sein. Doch in Gießen blieb sein Talent nicht verborgen. Nach einem halben Jahr verpflichtete Elversberg den Angreifer, der nach kurzer Eingewöhnungszeit zu einem Zweitligatorjäger wurde. Nach 12 Toren in 17 Spielen war Ebnoutalib der Frankfurter Eintracht in der Winterpause 2024/25 fast zehn Millionen Ablöse wert. Und als Ebnoutalib in seinem ersten Bundesligaspiel in seiner Heimatstadt einen Treffer zum 3:3 gegen Borussia Dortmund beitrug, wurde zum ersten Mal seine märchenhafte Geschichte geschrieben.
Aber der Wendungen waren noch nicht genug. Im zweiten Spiel zog er sich eine schwere Knieverletzung zu, und als der Eintracht-Stürmer wieder fit war, hieß der Trainer nicht mehr Dino Toppmöller, sondern Albert Riera. Der Spanier ignorierte Ebnoutalib weitestgehend, er gestattete ihm bis Saisonende nur noch drei Kurzeinsätze.
Seine Aussichten für die neue Saison waren mit dem neuen Trainer Adi Hütter wieder besser. Aber dass Ebnoutalib ins deutsche Nationalteam würde durchstarten können, konnte niemand ahnen. Wieder einmal zeigte sich, an welchen Unwägbarkeiten das individuelle Fußballglück hängen kann. Für den 23-Jährigen war entscheidend, dass es Sportvorstand Markus Krösche bis Transferschluss nicht schaffte, wie geplant und erhofft Arnaud Kalimuendo von Nottingham Forest wie schon in der Rückrunde als Stürmer Nummer zwei hinter Jonathan Burkardt auszuleihen.
Nur so blieb Ebnoutalib die Nummer 2 im Eintracht-Angriff und hatte plötzlich Chancen auf Startelf-Einsätze, weil Hütter ein offensivfreudiger Trainer ist, der gerne mit zwei Spitzen antritt. Und so kam es dann auch am ersten Bundesligaspieltag. Ebnoutalib spielte neben Burkardt – und schoss gegen Union Berlin alle drei Frankfurter Tore zum 3:3. Seitdem kennt ihn auch Jürgen Klopp, der die Eintracht fragte, „wo habt ihr den denn her?“
Am Sonntag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und in der ARD) könnte im Länderspiel gegen Griechenland der Eintracht-Sturm auch der deutsche sein. Klopp nominierte Burkardt nach der Verletzung von Havertz für die Begegnung in Augsburg nach. Da Ebnoutalib bei seinem Debüt seine Stärken nachgewiesen hat, stehen die Chancen gut, dass der Bundestrainer auf das eingespielte Frankfurter Duo setzen wird, das in dieser Bundesligaspielzeit nach vier Spieltagen sieben Tore erzielt hat. Ebnoutalibs Traum wird also erst einmal weitergehen. Es ist ihm zu wünschen, dass er so schnell nicht wieder herausgerissen wird.
