„Plastik- oder Holzlöffel?“
Die Kundin wirft einen kurzen Blick auf die beiden Becher, in denen sich die unterschiedlichen Eisspatel befinden. Eisspatel ist das richtige Wort, aber das wissen die Kundinnen und die Kunden nicht, und sie sollen nicht denken, dass ich überheblich bin.
Ich weiß die Antwort, bevor sie sich entscheidet.
Das war klar. Die Kundin ist Boomerin, maximal Gen X, die ist mit Plastiklöffeln im Mund groß geworden. Den Geschmack und das Gefühl eines rauen Holzlöffels im Mund mag sie nicht.
„Den Geschmack und das Gefühl eines rauen Holzlöffels im Mund mag ich nicht“, sagt sie.
„Kein Problem“, sage ich und stecke einen gelben Plastiklöffel in die Schokoladeneiskugel, bevor ich ihr den Becher zusammen mit einer Serviette reiche.
„Danke“, sagt sie. „Machen Sie das Eis selbst?“
„Tatsächlich ja“, sage ich.
„Tatsächlich?“, fragt sie.
„Ja“, sage ich irritiert. „Wieso?“
„Wieso hast du Zweifel?“
„Sorry. Wieso haben Sie Zweifel?“
„Dass wir das Eis selber machen.“
„Ich habe gar keinen Zweifel daran.“
„Aber warum haben Sie dann gesagt: tatsächlich?“
„Weil ich’s nicht kapiere.“
„Dass ihr ständig tatsächlich sagt“, sagt sie.
„Jetzt duzen wir uns also doch?“
Die spinnt doch, diese Boomerin.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Ich verstehe nicht, warum Ihre Generation immer tatsächlich sagt.“
„Und ich verstehe nicht, warum Sie sich für einen Plastiklöffel entscheiden, wenn Sie die Wahl haben.“
„Hab ich doch gesagt. Ich mag den Geschmack und das Gefühl eines rauen Holzlöffels im Mund nicht.“
„Schon mal was von marine plastic pollution gehört? Das landet alles im Meer.“
Die Frau verdreht die Augen.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
„Mein Löffel landet nicht im Meer. Mein Löffel landet am Lattenkamp im Mülleimer.“
„Wie naiv ist das denn bitte.“
„Wie naiv ist das denn bitte“, äfft die Boomerin mich nach.
„Äffen Sie mich nach?“
Langsam läuft die Sache hier aus dem Ruder. Fehlt nur noch, dass sie sich übers Gendern aufregt und mit Bargeld bezahlt.
„Frage. Womit heizen Sie?“, fragt die Frau. Sie klingt gereizt.
„Womit ich heize? Was ist das denn bitte für eine Frage?“
„Ich wette, du heizt mit Öl oder Gas. Ich wette, du fliegst fröhlich um die Welt. Ich wette, du hast eine 4-Tage-Woche und bist trotzdem nach zwei Stunden Arbeit müde. Ich wette, du achtest auf deine Work-Life-Balance, rettest Wale, fühlst dich von Rindfleisch und weißen Cis-Männern getriggert, zelebrierst deine Me-Time und fühlst dich total empowert, weil du ein knallenges T-Shirt trägst, auf denen in großen Lettern steht: I am a feminist. Auf der BRUST!“
„Sorry, äh, sind Sie nicht ganz dicht?“
„Aber mich über Plastikmüll belehren! Weißt du was, deine Gen Z geht mir dermaßen auf die Nerven.“
Das Z spricht sie aus wie „zed“, wie cringe kann man sein?
„Gen Zee, nicht Zed. Aber egal“, sage ich.
„Genau das meine ich!“, ruft sie durch den Laden.
„Was jetzt?“, frage ich.
„Alles wisst ihr besser. Denkt ihr! Aber da liegt ihr leider falsch, ihr kleinen Mäuse. Es ist nämlich beides richtig.“
„Zee ist amerikanisch, zed ist britisch. Aber egal“, äfft sie mich schon wieder nach.
„Typisch Boomer“, sage ich.
„Hast du Boomer gesagt?“ Jetzt kreischt sie fast. „ICH BIN KEIN BOOMER!“
Die Boomerin holt einen 10-Euro-Schein aus ihrer Tasche, knallt ihn auf den Tresen, dann reißt sie den Plastiklöffel aus dem Eis, das langsam zu schmelzen beginnt, bricht den Löffel in der Mitte durch und wirft die Teile in meine Richtung.
„Hier“, schreit sie. „Fühl dich frei, dein Scheißplastik ganz persönlich ins Meer zu schmeißen!“
Wütend dreht sie sich um und verlässt den Laden. Den Eisbecher lässt sie stehen. Kurz hinter der Tür dreht sie sich noch einmal um.
„Timmendorf ist von hier aus am nächsten. A 1 Richtung Lübeck/Puttgarden, dann Ausfahrt Ratekau. Ein Auto hast du ja sicher. Einen hübschen kleinen stinkenden Verbrenner, den Papi und Mami dir zum Abi geschenkt haben. Stimmt’s?“
Ratlos stehe ich hinter dem Tresen. Langsam hole ich mein Handy hervor, unsicher, welche Nummer ich wählen soll, 110, 112 oder die meiner Chefin. Ich entscheide mich für Letztere. Zum Glück nimmt sie nicht ab, sodass ich ihr eine Sprachnachricht hinterlassen kann.
„Du Gerti, sorry. Tut mir voll leid, dass ich dich störe und dass das so plötzlich kommt. Aber hey, ich kann nicht mehr. Liegt nicht an dir, aber die Stimmung im Laden, die ist manchmal einfach … toxisch. Ich muss irgendwie mehr auf meine Boundaries achten, das verstehst du sicher? Also tut mir leid, aber ich kündige … Wenn ich dir noch einen Tipp geben darf, lass die Holzspatel künftig weg. Die nimmt sowieso niemand.“
