
Irgendwann bleiben sie einfach weg, sagt Irmtraut Reyss: Statt den letzten Kulturausflug, zu dem die Kräfte reichen, noch einmal richtig auszukosten und sich anschließend zu verabschieden, rufen die älteren Damen in der Regel schlicht nicht mehr an. Auch wenn sie lange Jahre treu zu der Gruppe von 30 Seniorinnen – in letzter Zeit sind Männer kaum mehr dabei – gehört haben, die miteinander jeden Monat in Köln etwas erlebt hat.
Sie rufen irgendwann nicht mehr an, dabei kommt es doch auf ihren Anruf an, möglichst gleich, wenn die Einladung des Malteser Hilfsdiensts, dessen „KulTour Begleitungsdienst“ Irmtraut Reyss seit bald zehn Jahren ehrenamtlich leitet, in der Post war. Die Plätze sind begehrt. „Als richtiger Brief, natürlich“, sagt Irmtraut Reyss über die Einladung, als Schreiben, auf dem ein Farbbild gleich zuoberst zeigt, worum es diesmal geht: um einen Besuch im Opernhaus oder im Museum, um ein Konzert oder auch mal einen Zoobesuch oder eine Bootstour. Das Programm ist bunt, die je sechs Plätze in den fünf verfügbaren Minibussen sind begehrt. Wer dabei sein kann, wird drei Tage vor dem Ausflug noch einmal angerufen und instruiert, wann genau sie abholbereit vor der Haustür auf das Auto warten soll.
Möglichst unbeschwert
Dann geht es ans Einsteigen – für viele Teilnehmerinnen eine Herausforderung, die nur mit der typischen Mischung aus Behutsamkeit und Zupackenkönnen zu meistern ist, die für die Arbeit mit älteren Menschen unerlässlich ist. Und mit einer kleinen zusätzlichen Stufe vor der Autotür, mit der alle Minibusse ausgestattet sind. Ist ein Rollator vonnöten, kommt er in den Kofferraum, und zwar so, dass er beim Aussteigen nicht etwa mit den Gehhilfen der anderen verwechselt wird.
Das ist eine der großen Empfindlichkeiten, auf die sich die Organisatoren, die ehrenamtlichen Begleiter und die Fahrer einstellen müssen. Sosehr sie auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Gäste achten müssen, auf ihr Tempo, ihre Beweglichkeit und Ausdauer, auf nachlassende Kräfte, auf schwindendes Hör- und Sehvermögen oder den häufiger nötigen Gang auf die Toilette: Den Teilnehmerinnen geht es umgekehrt darum, diese Einschränkungen nach Möglichkeit zu vergessen, sie zu übergehen oder zu überspielen. Wenigstens für diesen Ausflug.
Ohne Unterstützung oft unmöglich
Für sie ist ein Museums- oder Konzertbesuch zur Herausforderung geworden, selbst der Zoo oder der Karneval sind nicht mehr ohne Weiteres erreichbar. Selbst für die organisierten Touren der Malteser ist es nicht immer leicht, mit den Fahrzeugen nah genug an den Veranstaltungsort zu kommen, um den Gästen lange Fußwege zu ersparen, nach mitunter zweistündigen Touren durch die Stadt, auf denen alle Teilnehmerinnen nach und nach abgeholt werden. Wieder müssen die Rollatoren ihren Platz finden, in Reichweite, doch ohne zu stören. Dann sind mal die Wege im Haus eng, mal die Waschräume nicht barrierefrei. Oder die Reihen und Sitze sind so diskret nummeriert, dass ältere Menschen kaum allein zu ihrem Platz finden. An den Treppen fehlen Geländer, und im Publikumsraum ist es schon vor der Aufführung so dunkel, dass ältere Menschen schnell nicht mehr sehen können, wohin sie treten. Im Kleinen lässt sich manches ändern, um sich gerade diesem Teil des Publikums gegenüber zugänglich, ja gastfreundlich zu zeigen, das der Kultur umgekehrt oft jahrzehntelang die Treue gehalten hat.
Und auch die größeren Schritte sind viele Häuser längst gegangen: Sie bieten Aufführungen an, nach denen das Publikum wie in Berlin oder Leipzig noch im Hellen wieder nach Hause kommt, haben Kombitickets für Großeltern und ihre Enkelkinder eingeführt wie in Chemnitz oder Stuttgart, oder sie laden kurzerhand auch Senioren zu ihren Schulvorstellungen am Vormittag ein wie in Bonn oder Ingolstadt. So gut solche Angebote auch angenommen werden, ein Kernproblem lösen sie nicht: dass ältere Menschen oft schlicht nicht wissen, wie sie ohne Unterstützung ins Theater oder ins Museum kommen sollen.
Die Geste der Einladung
Das ist durchaus wörtlich gemeint: Die Wege sind oft weit und umständlich, selbst für Städter. Doch die Zumutungen gehen schon vorher los, etwa wenn der von den Veranstaltern bevorzugte Weg zu einem Ticket über das Internet führt und man sich nicht darauf verlassen kann, am Telefon im geduldigen Gespräch einen Platz reservieren zu können und die Karte dann an der Abendkasse hinterlegt zu bekommen. Und die Fahrt zu einer Vorverkaufsstelle wäre eine weitere Hürde. Wer kein Smartphone bedienen kann und keine E-Mail-Adresse hat, kommt an Karten für begehrte Veranstaltungen oft schlicht nicht mehr heran, sagt Irmtraut Reyss.
Dabei ist eine subtilere, schwerer fassbare Barriere auch so schon hoch genug, vor allem für Menschen, zu deren erfülltem Leben Kultur jahrzehntelang selbstverständlich gehörte: das Gefühl der Abhängigkeit. Wer zeit seines Lebens ins Konzert gegangen ist, in jüngeren Jahren die großen Bühnen der Stadt kannte, wer eine eigene Meinung hatte zu den letzten Premieren und laufenden Ausstellungen, ist nun davon abhängig, dass jemand kommt und ihn fährt. Ändern kann ein Angebot wie das der Malteser diesen Umstand nicht. Aber der „KulTour Begleitungsdienst“ weiß um diese Empfindlichkeit und begegnet ihr mit Diskretion. Und mit Charme: Die Geste, mit der die Teilnehmerinnen angesprochen werden, ist die der Einladung. Auch wenn sie ihren Unkostenbeitrag in einem Briefumschlag mit ihrem Namen darauf beim Einsteigen abgeben sollen: Sie werden als Gäste behandelt. Und die Geselligkeit, der gemeinsame Kaffee vor oder nach einer Veranstaltung, ist fester Bestandteil des Ausflugs.
Oft ein jähes Ende
In Köln kümmert sich bald 20 Jahre nach der Gründung ein Team von 20 Ehrenamtlichen ums Programm, elf von ihnen fahren mit, neun wechseln sich am Steuer der fünf Minibusse ab. Bundesweit machen die Malteser in mehr als 30 Orten ein vergleichbares Angebot. Mehr als 360 Ehrenamtliche betreuen so rund 1400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 267 Veranstaltungen konnten im vergangenen Jahr auf diese Weise besucht werden. Zahlen, die groß wirken – und klein zugleich, wenn man sich vorstellt, wie viele alte Menschen in Deutschland im Alter wohl vermissen werden, regelmäßig ins Museum oder ins Konzert zu gehen.
Dabei merken die einen, wie es immer beschwerlicher wird, und entscheiden selbst, sich künftig lieber zu Hause an Abbildungen und Aufnahmen zu erfreuen. Allzu oft steht man aber auch vor einem jähen Ende: Ein Sturz, eine Verletzung, eine Erkrankung können selbst bei anschließender Erholung die Möglichkeiten unvermittelt so weit einschränken, dass zum Beispiel ein Opernbesuch undenkbar geworden ist. Oder es erwischt die Begleitung, und allein sind die Anstrengungen dieser Unternehmung nicht zu bewältigen. Was jahrzehntelang für monatliche Höhepunkte sorgte, ist unerreichbar geworden, ohne dass man sich angemessen hätte verabschieden oder zurückziehen können. Dann ruft man einfach nicht mehr an.
Immer stärker unter Druck
Welche Hürden es zu nehmen gilt, bei der Planung und Begleitung wie für die Teilnehmerinnen selbst am Tag der Veranstaltung, blenden die älteren Menschen beim „KulTour Begleitungsdienst“ gern aus. Umso klarer benennen sie, was ihnen diese Form der Teilhabe am kulturellen Leben bedeutet: Durch Anregungen wie diese, schrieb eine Kölnerin in ihrem jüngsten Weihnachtsgruß, fühle sie sich „lebendiger und an der Welt interessierter“, als Nachrichten und Dokumentarfilme im Fernsehen erreichen könnten. Ein anderer dankte mit 92 Jahren für die „mühevolle Arbeit, uns Alten noch am Leben teilhaben zu lassen“.
Um nichts weniger nämlich geht es für die alten Menschen: nicht um Unterhaltung, Ablenkung oder Freizeitgestaltung, sondern um Lebensqualität, um sinnliches und intellektuelles Erleben, um Austausch und Teilhabe, um jene persönlichen Ressourcen, die im Laufe der Jahre immer stärker unter Druck geraten. Wer ins Konzert geht, wer sich in ein Bild vertieft und darüber nachdenkt, wer mit anderen Menschen über das Gehörte und Gesehene spricht, erlebt sich als jemand, der noch dazugehört. Und Einsamkeit im Alter ist nicht einfach nur ein missliches Gefühl, sondern ein messbarer Risikofaktor für die Gesundheit. Kulturelle Begegnung wirkt dem entgegen, weil sie beides zugleich ist: ästhetisches Erlebnis und soziale Situation.
