Es ist ein kleiner Stand, der für größeren Gesprächsstoff sorgt. Auf der Militärmesse Eurosatory bei Paris wurde am Montag erstmals das Konzept für einen Nachfolger des deutschen Kampfpanzers Leopard 2 präsentiert. Die Miniatur dieses Fahrzeugs findet sich unter einem eher unscheinbaren Zelt im Schatten der großen Stände von KNDS, Rheinmetall, Hensoldt und Daimler Truck. Das Konzept hört auf den Namen „MBT Vision 2032“ und wird verantwortet von der deutschen PSM Projekt System & Management GmbH, einem Gemeinschaftsunternehmen der Konzerne KNDS Deutschland und Rheinmetall. MBT ist dabei die englische Abkürzung für Kampfpanzer, während die Jahreszahl die anvisierte Einsatzbereitschaft andeutet.
Die Miniatur befeuert die Debatte um den Panzer der Zukunft – und verspricht die ohnehin belastete deutsch-französische Rüstungskooperation weiter zu verkomplizieren. So hatten sich Berlin und Paris in der Vergangenheit darauf verständigt, mit dem Main Ground Combat System (MGCS) gemeinsam ein Kampfpanzersystem der Zukunft zu entwickeln. Für den Nachfolger des deutschen Leopard 2 und des französischen Leclerc sollten die Anforderungen vereinheitlicht und die Produktion standardisiert werden. Das ursprüngliche Zieldatum für die Inbetriebnahme lautete 2035. Zu diesem Zweck war vor elf Jahren eigentlich auch die Fusion des Leopard-2-Herstellers Krauss-Maffei Wegmann und des Leclerc-Herstellers Nexter zu KNDS erfolgt.

Doch spätestens seit dem Aus für das deutsch-französische Kampfflugzeug ist offen, wie stark die Vorstellungen in zentralen Rüstungsfragen wirklich konvergieren. Zwar schreitet die Verschmelzung der Konzerneinheiten von KNDS voran. Der Konzern will noch in diesem Jahr an die Börse und präsentiert sich auch auf der Eurosatory weiter dezidiert deutsch-französisch. Das Großvorhaben MGCS aber kam jahrelang kaum voran. Nach einem industriepolitischen Ringen um die Entwicklungsarbeiten wurde erst vergangenes Jahr eine Projektgesellschaft gegründet, der neben KNDS Deutschland und KNDS Frankreich auch Rheinmetall auf deutscher sowie Thales auf französischer Seite angehören. Die Inbetriebnahme von MGCS wird nun erst für die 2040er-Jahre erwartet. Immer deutlicher wird, dass sich das Projekt von einem konkreten Entwicklungsvorhaben in ein langfristiges Technologieprogramm verwandelt.
Weiter-so in einem eingespielten Team
Vor diesem Hintergrund zeichnet sich schon länger ab, dass es für die 2030er-Jahre Brückenlösungen braucht – diese aber weniger deutsch-französisch harmonisiert sind als einst gedacht. Nun konkretisieren sich die Pläne. Man wolle mit dem „MBT Vision 2032“ zeigen, wie der Kampfpanzer von übermorgen aussehen könnte, heißt es auf der Eurosatory vonseiten der PSM Projekt System & Management GmbH, und die französischen Anforderungen seien nun mal andere als die deutschen. Aufbauend auf dem Leopard 2 dürften gleichermaßen von Rheinmetall und KNDS Deutschland neue Technologien einfließen, darunter ein unbemannter Turm. Auch von Zulieferern könnten neue Komponenten kommen, von Renk etwa ein leistungsfähigeres Getriebe. Die finale Entscheidung über das Vorhaben liege allerdings beim Kunden, ergo der Politik, betont man bei der PSM Projekt System & Management GmbH.

Für Deutschland wäre es ein Weiter-so in einem eingespielten Team. Der Leopard 2 gilt als bester Kampfpanzer der Welt. Rheinmetall liefert dem Hersteller KNDS Deutschland dabei schon heute wichtige Bausteine wie die Kanone, und die PSM Projekt System & Management GmbH ist von den beiden Konzernen zur Abwicklung eines Auftrags zur Lieferung des Schützenpanzers Puma gegründet worden. Die Genehmigung, nun auch gemeinsam einen neuen Kampfpanzer zu entwickeln, hatte das Bundeskartellamt im vergangenen Dezember erteilt. Umgekehrt gibt es auch in Frankreich schon länger Signale, für die 2030er-Jahre einen eigenen Brückenkampfpanzer zu entwickeln. Der Bedarf ist ungemein größer: Der Leclerc wird zwar aktuell umfassend modernisiert, aber schon seit Jahren nicht mehr produziert.
Eine endgültige Entscheidung ist auch in Frankreich noch nicht gefällt, konzeptuell ist man hier aber schon einen Schritt weiter. So stellte KNDS auf der Eurosatory mit dem Capint erstmals das geplante Modell eines Überbrückungspanzers in realer Größe vor. Der Konzern bedient sich dabei der Technik aus beiden Konzerneinheiten: Basierend auf dem deutschen Leopard-2-Fahrgestell kommt der Turm inklusive Ascalon-Kanone von KNDS Frankreich. „Der Panzer der Zukunft hat zehn Jahre Verspätung“, stellte die französische Verteidigungsministerin Catherine Vautrin am Montag in der Zeitung „Les Echos“ mit Blick auf MGCS klar – und man könne nicht warten. Frankreich arbeite deshalb an einem Zwischenpanzer mit eigenständigem Turm, der mit Drohnen und Robotersystemen vernetzt sei. Diese Arbeiten seien im Militärprogrammgesetz verankert und finanziert.

Bei KNDS ist man bemüht, die Sprengkraft dieser deutsch-französischen Divergenzen in der Panzerentwicklung herunterzuspielen. Bei Rheinmetall nimmt man dagegen kein Blatt vor den Mund. Er schließe nicht aus, dass Frankreich bei MGCS aussteige, hatte der Vorstandsvorsitzende Armin Papperger am Wochenende der „Welt am Sonntag“ gesagt. Man habe „null Entscheidungen über das finale Budget“. Die Konsolidierung der Rüstungsindustrie wird nach Pappergers Aussage „behindert über Regierungen“. Bei Staatsbetrieben wollten diese ihren Einfluss haben, „und natürlich wollen sie die Konsolidierung nicht“, fügte er an – eine Spitze gegen KNDS, wo der französische Staat Anteilseigner ist und nun auch der deutsche Staat einsteigen will. Unabhängig von MGCS und den deutschen Brückenpanzern entwickelt Rheinmetall mit dem Panther auch einen eigenen Kampfpanzer für die kommenden Jahre.
