Aus Paul Schraders Gesamtwerk ragt dieser Film heraus wie der alte Leuchtturm am Westend Boulevard von New Orleans, für den hier gleich zu Beginn des Films ein Mann am Flughafen Spenden sammelt. Irena geht an ihm vorbei, lächelt höflich, sucht den nächsten Fernsprecher. Sie ist der Grund, warum „Cat People“ aus Schraders Schema ausbricht. Wo der Regisseur und Drehbuchschreiber sich sonst mit harten Männern beschäftigt, die nicht so recht in die Gesellschaft passen und mit ihr klarkommen („Taxi Driver“, „American Gigolo“), steht hier eine Frau im Fokus.
Irena Gallier ist nach New Orleans gekommen, um ihren Bruder Paul zu besuchen. Sie kennt ihn nicht; die Geschwister sind seit dem Unfalltod der Eltern, zweier Zirkusdompteure, getrennt aufgewachsen. Irena kam ins Waisenhaus und zu verschiedenen Pflegefamilien. Die Erinnerungen an die Zeit mit Paul kommen langsam wieder, als sie in dessen altem Haus in einem Schrank Spielsachen entdeckt. Sie zitiert einen Kinderreim, wirft ihm Jonglierkugeln zu, der fängt sie auf, spielt sie zurück – die alten Handgriffe sitzen noch. Überhaupt sind diese Geschwister erstaunlich wendig.
Ein Panther schleicht durch schwüle Großstadtnacht
Vom Fluch des Panthergeschlechts haben wir bereits erfahren, bevor Irenas Flugzeug in Louisiana landete. In gelber Wüstenlandschaft opfert ein Stamm ein Mädchen einer schwarzen Raubkatze. Das Tier fährt die Krallen aus, der Wind wirbelt Sand auf, verschlingt die Szene. Katzenhaft schleicht danach eine andere junge Frau in eine Höhle; der darin ruhende Panther tut ihr nichts. Die Mythologie, die Schrader hier nur andeutet, entblättert sich erst nach und nach. David Bowie beschwört bereits im Titelsong den Wechsel der kühlen grünen Augen ins Blutrote und das vergebliche Ankämpfen gegen den Fluch („And I’ve been putting out fire / with gasoline“).
Beim Jonglieren können wir noch raten, ob Bruder oder Schwester zu den Panthern in irgendeiner Beziehung stehen – sowohl Nastassja Kinski als auch Malcolm McDowell legen größte Geschmeidigkeit in die Bewegungen. Und dann verschwindet Paul, und es schleicht ein echter Panther durch die schwüle Großstadtnacht und geht auf Jagd.
Ursprünglich war Schrader wenig angetan vom Gedanken, ein Remake des Horrorklassikers „Cat People“ von Jacques Tourneur aus dem Jahr 1942 zu übernehmen. Sein Zugang zum Stoff kam ausgerechnet über den Umweg von Dantes „Göttlicher Komödie“ und die Figur der Beatrice. Irenas Geschichte, ihre Liebe zu einem eigentlich bereits liierten Zoowärter, den sie zeichnend vor dem Pantherkäfig kennenlernt, erzählt Schrader aber nicht aus der Perspektive des schmachtenden Mannes, der die Angebetete auf einen Sockel stellt (wie Dante seine Herzensfrau). Obwohl Zoowärter Oliver sich fasziniert von Irena zeigt, wechselt Schrader lieber den Blickwinkel. Wir bleiben bei Irena, sehen ihr langsames Erkennen der eigenen Wurzeln, das Erwachen der Sexualität und der damit verbundenen Gefahren für die junge Frau und die Person, die sie liebt.
Vor Tourneurs Original verbeugt sich Schrader vierzig Jahre später natürlich, wie es sich für eine respektvolle Neuauflage gehört. Kleine Szenen zitiert er: die kreischende Straßenbahn, die kurz vor einer Frau zum Stehen kommt; die rätselhafte Dame, die Irena im Restaurant als „meine Schwester“ anspricht – und Olivers Verlobte, die im nächtlichen Swimmingpool ihre Runden dreht, während ein Fauchen und Grollen aus dunklen Ecken spitze Schatten lebendig werden lässt, bis die Schwimmerin schreiend um Hilfe ruft.
Schrader ergänzt aber auch wichtige Details, an die sich Tourneur noch nicht wagte. Allen voran die Figur der Female, der kreolischen Haushälterin Pauls, gespielt von Ruby Dee, die später mit Spike Lee arbeiten sollte und für ihre Rolle in Ridley Scotts „American Gangster“ eine Oscar-Nominierung erhielt. Schrader war es wichtig, New Orleans nicht nur als Kulisse für den Film zu verwenden, sondern auch das kulturelle Klima der Südstaatenstadt einzufangen.
Beim Grusel hielt er sich allerdings stark an Tourneurs Ton, setzte auf seine sensible Hauptdarstellerin statt auf wilde Effekte. „Cat People“ zieht seine fieberhafte Atmosphäre aus den Andeutungen, und das ist noch immer so sexy wie Giorgio Moroders Soundtrack – und Bowies Song.
