Es gibt eine Partie, über die Hermann Gerland in seiner Autobiographie sagt: „Das Spiel habe ich mindestens hundertfünfzig Mal verloren. Einmal hätte mir gereicht.“ Doch als er später Nachwuchstrainer beim FC Bayern wurde, hörte er immer wieder: „Erzähl doch mal von dem Spiel, als wir euch vier Tore vor gegeben haben.“ Und Gerland: „Hört auf, habe ich immer nur gesagt. Aber es hört nicht auf.“
Jetzt schon gar nicht mehr. Als die Bayern am Samstag bei Mainz 05 zur Pause 0:3 hinten lagen und am Ende 4:3 gewannen, war klar, dass Gerland das Spiel, das er „hundertfünfzig Mal“ verloren hat, nun wohl einige weitere Male verlieren wird. Denn einen 0:3-Halbzeitrückstand hatte der Rekordmeister zuvor eben erst ein einziges Mal noch in einen Sieg ummünzen können, vor fünfzig Jahren – bei jenem 6:5 in Bochum, bei dem sich Gerland, der knochenharte Verteidiger des VfL, am Ende ganz verloren fühlte.
Anders als nun in Mainz, wo Vincent Kompany nach dem vorzeitigen Gewinn der 35. Meisterschaft seine Top-Elf zunächst fast vollständig für das Champions-League-Halbfinale bei Paris St-Germain schonte, ehe die Luxus-Joker Olise, Musiala und Kane die Wende brachten, waren die Bayern damals, 1976, von Beginn an mit voller Kapelle angetreten, mit sechs Weltmeistern und Jungstar Karl-Heinz Rummenigge. Dieser schoss, als die Bochumer sogar auf 4:0 erhöht hatten, in der 55. Minute scheinbar das Ehrentor für den aktuellen Europapokal-Champion.
„Die spielten fröhlich aufs fünfte Tor“
Doch Gerland schwante da schon Böses. „Erich Miß und ich, wir riefen von hinten den anderen immer wieder zu, sie sollten zurückkommen“, so Gerland. „Aber die spielten fröhlich aufs fünfte Tor. Die sind alle abgehauen nach vorne. Manchmal standen Erich und ich praktisch allein gegen Uli und Kalle.“ Gegen seine späteren Bayern-Bosse also, die damals zu den schnellsten Stürmern Europas zählten.
Nur zwanzig Minuten nach dem 4:1 hieß es plötzlich 4:5. Jupp Kaczor gelang noch der Ausgleich zum 5:5. Doch kurz vor Schluss rannte Uli Hoeneß allen davon und schoss das 5:6. Ein TV-Bericht über das vielleicht irrwitzigste aller bisher rund 19.000 Bundesligaspiele existiert nicht. Die ARD-„Sportschau“ hatte andere Pläne und das ZDF-„Sportstudio“ technische Probleme.
Doch ein Zuschauer namens Werner David filmte Teile des Spiels mit einer Schmalfilmkamera von Platz 22 in Reihe 14 des Stadions an der Castroper Straße. Weil er nur zwei Filmrollen hatte, insgesamt 6:40 Minuten, musste er sich aufs Wesentliche beschränken – und filmte nur die fünf Bochumer Tore, keines der sechs der Bayern. Auf dem einzigen Filmdokument des Bochumer „Jahrhundertspiels“ hat der VfL also 5:0 gewonnen. „Mit dieser Version“, so Hermann Gerland, „kann ich gut leben.“
VfL Bochum – Bayern München 5:6 (3:0)
1:0 Harry Ellbracht (24.)
2:0 Josef Kaczor (38.)
3:0 Harry Ellbracht (43.)
4:0 Hans-Joachim Pochstein (53.)
4:1 Karl-Heinz Rummenigge (55.)
4:2 Georg Schwarzenbeck (57.)
4:3 Gerd Müller (63.)
4:4 Gerd Müller (74., Elfmeter)
4:5 Uli Hoeneß (75.)
5:5 Josef Kaczor (80.)
5:6 Uli Hoeneß (89.)
