Am Dienstag wurde in Berlin ein Prozess fortgesetzt, der nun schon seit ein paar Wochen dort verhandelt wird: Ein Mann soll mehr als 50 Frauen betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt haben. Ein Fall, der die Öffentlichkeit allerdings kaum interessiert. Regelmäßig wird die Verhandlung in einen kleineren Saal verlegt.
Dieser Umstand kommt einige Stunden später in einem Berliner Kinosaal zur Sprache. Es ist die Vorstellung des Films „That’s Why the Lady is a Champ“, die wahre Geschichte der Boxerin Christy Salters Martin (gespielt von Sidney Sweeney), die als Boxerin in den USA berühmt und gefeiert, als Privatperson aber Opfer häuslicher Gewalt wurde. Präsentiert wird der Film von einer „Filmpatin“: Collien Fernandes. Fernandes selbst wurde Opfer digitaler Gewalt und machte vor einigen Monaten öffentlich, dass es sich bei dem mutmaßlichen Täter ebenfalls um ihren Partner, den Schauspieler Christian Ulmen, handelte. An diesem Abend, der mit einem von Fernandes moderierten Panel aus Expertinnen für Gewalt gegen Frauen schließt, kommt dieser Fall allerdings nicht zur Sprache. Vielmehr stellt Fernandes ihren Gästen zugewandt und interessiert Fragen, in denen es nicht nur um den Film, sondern vor allem um das Thema geht, von dem er erzählt.
Eine Diskussion über „That’s Why the Lady is a Champ“ hat zwangsläufig zwei Ebenen: Da ist einerseits der Film, ein konventionell erzähltes Biopic, das in chronologischer Abfolge die wichtigen Stationen in Salters’ Leben nacherzählt. Und, andererseits, die, so betonen es an diesem Abend die Frauen des Panels mehrmals, durchaus getreue Darstellung einer Realität, über die die Öffentlichkeit oft hinwegsieht. Dass selbst sie, sagt Aline Haag von der Berliner Interventionsstelle S.I.G.N.A.L. e. V., erst heute aus der Presse von dem erwähnten Berliner Prozess erfahren habe, zeige doch nur, wie wenig Aufmerksamkeit (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen noch immer bekomme. Filme wie dieser, so die Hoffnung des Abends, könnten daran vielleicht etwas ändern.
„Brich ihr eine Rippe, wenn es sein muss“
„That’s Why the Lady is a Champ“ (im Original schlicht „Christy“) beginnt im Jahr 1989 in West Virginia. Die Heldin lebt noch bei ihren Eltern, spielt Basketball und ist in ihre Schulfreundin Rosie verliebt, was für ihre konservative, auf den guten Ruf bedachte Mutter ein immenses Problem ist. Da trifft es sich, dass bei einem lokalen Boxwettbewerb, an dem sie aus Spaß teilnimmt, ihr Talent entdeckt wird. Denn die Karriere bringt sie weg von zu Hause, weg von Rosie und unter die Fittiche ihres neuen Trainers Jim Martin (Ben Foster), der wenig später ihr Ehemann werden und für etliche Jahre bleiben wird.
Dass diese Beziehung nicht nur wegen Christys sexueller Orientierung schiefgehen wird, kündigt sich früh an: Schon beim ersten Treffen bittet Martin, betont genervt, einen anderen Boxer, ihm Christy vom Hals zu schaffen („Brich ihr eine Rippe, wenn es sein muss“). Dieser Plan scheitert, und Christy schlägt ihren Gegner k.o., so wie sie es im Lauf des Films noch zahlreiche Male mit ihrem jeweiligen Gegenüber tun wird. Da entwickelt Martin dann plötzlich doch Interesse, denn er wittert Talent, sprich: Geld.
Ein Strudel von Abhängigkeit, Gewalt und Kontrolle
Die Filmmusik, eine ständige Ankündigung drohenden Unheils, ist nur einer von vielen Hinweisen auf das, was kommen wird. Aus filmischer Sicht ist das nicht sonderlich interessant, so wie die Erzählung überhaupt mitunter eher eindimensional ist. Da spielen, zum Beispiel, Christys (sporadische) sportliche Niederlagen so lange keine Rolle, bis sie das Symbol einer viel größeren Katastrophe sind – des Strudels von Abhängigkeit, Gewalt und Kontrolle, in den sie geraten ist.
Allerdings ist der sportliche Aspekt der Geschichte, auch wenn er viel Raum einnimmt, letztlich nicht das, worum es hauptsächlich geht. Vielmehr wird hier die Frage verhandelt, wie eine Frau, noch dazu eine Boxerin, an einen Mann geraten konnte, der sie so behandelt, und warum es ihr jahrelang nicht gelingt, sich aus dieser Verbindung zu lösen. Die Antwort darauf ist vielschichtig und wird nach der Filmvorführung ausgiebig besprochen. Doch auch der Film selbst will eine Antwort geben. Nicht nur über seine Geschichte, sondern ganz wortwörtlich: Am Ende verliest Christy vor Gericht ein Statement, das so eindeutig nach Aufklärungsbroschüre klingt, dass Nua Ursprung von der Landeskoordinationsstelle „BIG“ nach der Vorstellung kommentiert: „Was soll ich noch sagen? Sie hat alles gesagt.“
Sie will die Beste, aber keine Feministin sein
Man kann darüber streiten, ob es nicht subtilere Formen gegeben hätte, die Botschaft ans Publikum zu bringen. Andererseits: Ist es nicht auch gut, dass ein prominent besetzter Hollywood-Film in einer so dringlichen Angelegenheit eindeutig Position bezieht?
Fast nebenbei erzählt der Film auch etwas über den Feminismus der Neunziger und der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts. Denn Christy ist, trotz ihres Vordringens in eine Männerdomäne, nicht daran interessiert, daraus ein politisches Anliegen zu machen, gar Kolleginnen zu helfen. Sie will die Beste, aber bloß keine Feministin sein. Es hilft, dass sie zu ihrem Talent noch phantastisch aussieht, was man nicht erwähnen müsste, läge darin nicht eine Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit besser zu verkaufen – nicht als aggressive „Kampflesbe“, sondern „als ganz normale Ehefrau, die ab und zu für Geld Leute umhaut“.
Einer „ganz normalen Ehefrau“, so vermittelt es einem die Gesellschaft bis heute, widerfahren nicht solche Dinge, wie Christy sie erlebt. Auch hier liegt ein Teil der Antwort auf die Frage, warum Frauen so lange in missbräuchlichen Beziehungen bleiben: weil sie sich schämen und weil ihnen nicht geglaubt wird. Schließlich geraten ganz normale Ehefrauen ja nicht an Männer, die sie schlagen und mit Sexvideos erpressen. Oder doch? Die Gesellschaft sollte sich etwas intensiver mit dem Thema beschäftigen.
