Herr Giesa, am Wochenende werden wieder Zigtausend Fans zu Connichi, der Manga-Messe, nach Wiesbaden strömen. Warum sind Manga, japanische Comics, so beliebt?
Als Manga um die Jahrtausendwende anfingen, sich erfolgreich auf dem westlichen Markt zu etablieren, waren sie vor allem aufregend und interessant für die damaligen Kinder und Jugendlichen, weil sie nicht die Comics der Elterngeneration waren. Die Community, die sich in der Zwischenzeit um Manga herum gebildet hat und zum Beispiel solche Messen organisiert, ist auch heute interessant genug, um immer wieder neue Kinder und Jugendliche anzusprechen. Außerdem werden Manga in Anime, Zeichentrickfilme oder -serien, adaptiert, es gibt Games und auch Light Novels, ein spezielles Romanformat. Ich kann also zum Beispiel über eine Serie im Fernsehen oder im Streamingportal aufmerksam werden und dann den Manga lesen, weil die zweite Staffel noch nicht erschienen ist.
Was ist denn anders in Manga als in „Asterix“ oder „Donald Duck“?
Manga sind ursprünglich hochgradig nach Zielgruppen ausgerichtet, was derzeit etwas abnimmt. Sie bieten aber weiter ein nach Alter, Geschlecht und spezifischen Interessen je eigenes Angebot. Es gibt eine thematische Breite und Vielfalt, die schlicht jede Vorliebe bedient. Und im Unterschied etwa zum Superheldencomic oder den traditionellen franco-belgischen Comics haben Manga erstmals eine wirklich große weibliche Leserinnenschaft erschlossen, die auch heute noch vermutlich gut die Hälfte ausmacht. Manga ist auch längst nicht mehr nur japanisch, seit einigen Jahren erscheinen auch vermehrt Manhwa und Manhua, südkoreanische und chinesische Comics. Wichtig für den Erfolg von Manga ist ihr transmedialer Charakter.
Wieso liest man sie eigentlich von rechts nach links und vom Buchende aus nach vorn – selbst wenn die Mangas auf Deutsch erscheinen? Ist das nicht ein bisschen künstlich?

Von Romanen her betrachtet mag das so sein. Aber bei Manga geht es vor allem um Bilder. Die kann ich in der deutschen Version nicht einfach nur andersherum sortieren, und dann habe ich eine westliche Leserichtung. Man müsste die Bilder spiegeln, damit der Inhalt Sinn ergibt. Es führt zu kuriosen Ergebnissen, wenn man nicht einen riesigen Aufwand betreibt. Tatsächlich haben die westlichen Verlage das zu Beginn versucht. Man hat die Manga auch koloriert und versucht, sie im typisch westlichen Heft-Format zu vertreiben. Das kostete um die 30 Deutsche Mark und es hat in der Breite nicht funktioniert. Manche der Hefte haben heute Sammlerwert. Interessant daran ist aber vor allem, dass die so vermarkteten Manga gar nicht für Kinder gedacht waren, sondern sich an Erwachsene gerichtet haben, die damals eine starke Zielgruppe auch für Comics gewesen sind. Das wichtigste Beispiel ist sicher Katsuhiro Otomos „Akira“ aus den Achtzigerjahren. Manga haben aber seit den späten Neunzigerjahren das typische Taschenbuchformat.
Was unterscheidet Mangas außer der Leserichtung von Comics?
Neben der Leserichtung sicher am augenfälligsten sind die Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die historisch mit günstigeren Produktionsbedingungen zusammenhängen. Ästhetisch wird oft mit expressiver Mimik gearbeitet, die Linienführung wirkt deutlich fließender. Es wird viel auf einer symbolischen Ebene erzählt, und je nach Handlung ist das Tempo enorm hoch.

Viele Eltern können die Manga-Liebe ihrer Kinder nicht verstehen. Sie hätten lieber, dass sie „etwas Richtiges“ lesen. Was sagen Sie als Fachmann für Jugendliteratur und Mangas dazu?
Das hat man den Comics jahrzehntelang auch vorgeworfen. Das Vorurteil lautete, dass man sich den Inhalt des Bildes, das Gezeigte, ja nicht mehr imaginieren müsse und daher die intellektuelle Leistung deutlich geringer sei. Aus einer lese- und literaturdidaktischen Perspektive heraus kann man jedoch ganz klar sagen, dass Manga lesen durchaus „etwas Richtiges lesen“ ist. Literarische Sozialisation erfolgt ja nicht nur über das Lesen kanonisierter Texte, sie beschränkt sich sogar nicht einmal auf das Lesen. Literarisches Wissen eigne ich mir auch beim Hören von Hörspielen, beim Theaterbesuch, beim Serienschauen und selbstverständlich auch beim Lesen von Bildgeschichten an. Sonst wäre das Bilderbuch nicht so wichtig für die frühe literarische Sozialisation.
Ältere Leser wiederum können mit Manga oft nichts anfangen. Verpassen die etwas?
Wer schon bei der Lektüre von Comics angestrengt ist, dem wird Manga lesen sicher nicht leicht fallen. Vor allem aber scheint mir viel entscheidender zu sein, was ich auch sonst genremäßig bevorzuge: Wenn Romantik und Liebe, auch und vor allem queere, mich nicht interessieren, dann wird mich dieses riesige Feld bei den Manga auch nicht ansprechen. Wenn man aber grundsätzlich einen Zugang zum Erzählen mit Bildern hat, dann findet man mit Sicherheit auch als Erwachsener einen Manga, der einem gefällt.
Offenbar gibt es aber viele Manga, die nur für Erwachsene sind, die zum Beispiel extreme sexuelle Themen oder Gewalt enthalten. Wie kommt das?
Ja, das gibt es – genauso wie in der Literatur, dem Film oder in Games. Das ist nichts, was sich Manga pauschal vorwerfen lässt. Inhalte, die sich nicht mit dem Jugendschutz decken, werden entsprechend nur eingeschweißt ins Regal gestellt. Das soll nicht heißen, dass es nicht auch grenzwertige Darstellungen in Manga gibt. Die gibt es auf jeden Fall. Aber wie jedes Erzählmedium existieren Manga innerhalb einer Gesellschaft, in der extreme sexuelle Themen und Gewalt Realität sind, und sie sind ein Produkt dessen.
Gibt es auch Manga von deutschen Autoren?
Ja! und die deutschen Verlage investieren in den letzten Jahren sehr in den eigenen Nachwuchs. Bei einem deutlich kleineren Markt und einer global schwierigeren Vermarktung gehen sie dabei durchaus auch Risiken ein – was wiederum von der Community wohlwollend unterstützt wird. Es ist allerdings ein überschaubares Feld, die Bedingungen sind einfach grundsätzlich sehr anders als in Japan.
Wie bei der Frankfurter Buchmesse wird man bei Connichi viele Cosplayer sehen, also Fans, die als ihre Lieblingsfiguren verkleidet sind. Ist es typisch für Manga, dass sich die Figuren aus den Büchern sozusagen „herausbewegen“ in Verkleidung, Filme, Fanartikel?
Das ist typisch für den Anime und Manga, wenn auch nicht darauf beschränkt. Spätestens seit „Captain Kirk“ wollen Fans in die Rollen ihrer Heldinnen und Helden schlüpfen. Ein Massenphänomen ist Cosplay jedoch mit dem globalen Erfolg von Anime und Manga nach der Jahrtausendwende und dem gleichzeitigen Aufkommen der sozialen Medien geworden. Zentral ist der Community-Gedanke, der sehr sozial und auf Gemeinsamkeit ausgerichtet ist.
Das Institut für Jugendbuchforschung, an dem Sie arbeiten, sammelt in seinem Comic-Archiv auch Mangas. Es gibt eine Flut davon. Haben Sie Schwerpunkte?
Das ist in der Tat so, und die Produktion ist seit der Corona-Pandemie exponentiell gestiegen. Das Comic-Archiv hat aktuell keine Schwerpunkte, wir versuchen möglichst flächendeckend die deutschsprachige Produktion abzudecken. Allerdings können wir das personell und räumlich nicht mehr bewältigen und arbeiten derzeit an einem schärferen Sammlungsprofil. Das wird dann selbstverständlich auch die Manga betreffen.
Wenn Sie ein Seminar zu Manga anbieten, werden Sie sich wahrscheinlich vor Studenten kaum retten können, weil die alle schon mit Manga sozialisiert sind?
Tatsächlich kann ich das nicht bestätigen. Allerdings haben sich die Studierenden vor zehn Jahren eher noch geniert zu sagen, dass sie in ihrer Jugend Manga gelesen haben. Das findet sich so heute nicht mehr. Es gibt auch deutlich mehr Studierende, die auch weiterhin Manga lesen; aber längst nicht alle. Grundsätzlich wissen wir aber sehr wenig über die Mangasozialisation der heutigen Zehn- bis Dreißigjährigen. Das ist eine Frage, der ich mit meiner Kollegin Anke Vogel von der Gutenberg-Universität Mainz im Rahmen eines von den Rhein-Main-Universitäten geförderten Projekts nachgehen möchte.
Lesen Sie selbst Manga, und haben Sie einen Lieblingstitel?
Ich lese Manga, wenn auch aus Zeitgründen bei Weitem nicht so viel, wie ich gerne würde. Lieblingstitel sind ja immer so eine Sache, aber Titel, auf die ich gerne zurückkomme, sind etwa „Lone Wolf and Cub“, im Original „Kozure Ōkami“ von Kazuo Koike und Gōseki Kojima, ein großer Samurai-Klassiker, oder „Gute Nacht, Punpun“ („Oyasumi Punpun“) von Inio Asano, ein Entwicklungsroman im Mangaformat.
