Als Carl Friedrich von Siemens gegen Ende des Ersten Weltkriegs den Vorsitz des gerade gegründeten Zentralverbands der Deutschen Elektrotechnischen Industrie (ZVEI) übernahm, wartete er mit einer visionären Rede auf: Deutschland und Frankreich müssten den Krieg beenden, alte Konflikte begraben und neue Wege gehen. Hin zu einer wirtschaftlichen Verflechtung und politischen Allianz. Einen Krieg und zwei Generationen später sollten auf die Worte erste Taten folgen.
Heute ist die Digital- und Elektroindustrie die zweitgrößte Branche im Land – und die einzige, die nachhaltig wächst. 225 Milliarden Euro Jahreserlös, fast eine Million Beschäftigte, mehr als 40 Prozent Wertschöpfungsquote. Sie kommt auf 13.000 Patentanmeldungen im Jahr, ist Impulsgeber für jede dritte Innovation im verarbeitenden Gewerbe und stellt ein Sechstel aller „Hidden Champions“ im Land.
Nun macht sich mit Daniel Hager ein Unternehmer daran, die ZVEI-Verbandsspitze zu übernehmen und damit die ganz große wirtschaftspolitische Bühne zu betreten, der in dritter Generation und anderthalb Jahrzehnte lang die im Saarland residierende Hager-Firmengruppe seiner Familie zu neuen Höhen geführt hat. Deutscher Mittelstand. Drei Milliarden Euro Jahresumsatz, 12.000 Mitarbeiter, zwei Dutzend Fabriken, weltweiter Auftritt.
Vor drei Jahren zog sich Hager aus dem operativen Geschäft in den Aufsichtsrat der Firma zurück. Er ist in leitenden Funktionen der Branchenverbände in Deutschland wie auch in Frankreich tätig. Er steht dem Aufsichtsrat des 1. FC Saarbrücken vor. Und er stellt sich in dieser Woche zur Wahl zum Präsidenten des ZVEI. Der unternehmerische Mittelstand müsse wieder mehr politische Verantwortung übernehmen, sagt er. Damit ist er nicht allein.

Peter Leibinger aus der Unternehmerfamilie der schwäbischen Trumpf-Gruppe steht seit Januar 2025 an der Spitze des mächtigen Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Bertram Kawlath, geschäftsführender Gesellschafter von Schubert & Salzer, führt seit Oktober 2024 den einflussreichen Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer VDMA. Hager will im ZVEI nun gleichziehen und wagt sich in große Fußstapfen.
Mit Siemens hatte der erste Präsident des Verbandes einst die bis heute gültigen wirtschaftsliberalen und politisch verbindlichen Grundlinien vorgegeben. Mit dem Präsidenten der zurückliegenden sechs Jahre, Gunther Kegel, wurde das Haus in der Frankfurter Bürostadt nicht nur gut durch überaus stürmische Zeiten gesteuert. Kegel hat dem ZVEI auch ein scharfes Profil verpasst und eine gewichtige Stimme gegeben. Hager weiß, auf was er sich einlässt.

Hatten doch Kegels mahnende Worte so schwer gewogen, dass sich jede der während seiner Amtszeit amtierenden Bundesregierungen in zentralen Entscheidungen für die deutsche Industrie in die Bresche warf. Ob bei den Lockerungen rigider Corona-Restriktionen; ob die Nachjustierung der überregulierten europäischen Sorgfalts- und Lieferkettenpflichten; oder, wie zuletzt, ob die Ausnahme von strikten KI-Bestimmungen der EU zugunsten industriell erfasster digitaler Daten.
Ein Jahr lang hatte der Verband für Augenmaß bei der Einhegung der Risiken von Systemen der Künstlichen Intelligenz geworben. Ein Jahr lang hatte Kegel von der Politik das nötige Fingerspitzengefühl bei der Regulierung industriebasierter KI-Systeme angemahnt. Auf der Industriemesse in Hannover im April nahm sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) der Mahnungen an. Heute sind die höchsten Hürden für die Entwicklung sogenannter Industrie-KI aus dem Weg geräumt.
Gewichtige Worte
„Wir können in Deutschland und Europa also immer noch schnell handeln“, sagte Daniel Hager in kleiner Runde in Saarbrücken. Das sei doch schon einmal ein gutes Zeichen. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass die gesamte EU auf allen Ebenen und über alle Länder hinweg ein gewaltiges Bürokratie-Problem habe. Der sogenannte Draghi-Bericht zur Lage der EU sei nun anderthalb Jahre alt. Doch Taten ließen auf sich warten.
„Da müssen wir uns doch fragen, warum bei den Amerikanern und auch bei den Chinesen so viele Probleme so viel schneller angepackt, gelöst und ad acta gelegt werden als bei uns“, sagt Hager und schiebt die Antwort gleich nach: Europa ist in vielen Dingen zu ängstlich und zu vorsichtig. Große Innovationen werden andernorts gemacht. Das koste Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand. „Wir müssen uns wieder auf unsere Stärken besinnen.“
Ein Satz macht die Runde
Welche Stärken? Erfindergeist und Unternehmertum, Innovations- und Durchsetzungskraft, sagt Hager. „Können wir doch alles. Haben wir doch in den vergangenen hundertfünfzig Jahren alles immer wieder gezeigt.“ Bosch und Siemens, Chemie, Pharma, Autos und Elektrotechnik. Hager, der vor seinem BWL-Studium mal Geschichte hatte studieren wollen, kann ein Beispiel nach dem anderen aus der rhetorischen Geschichtskiste holen.
Und dann sagt er einen Satz, der in deutschen Industriekreisen derzeit oft und gern zitiert wird: Amerika habe das Silicon Valley, Deutschland habe den unternehmerischen Mittelstand. Das Rückgrat der hiesigen Wirtschaft. Während das Valley aber prosperiere, verliere der Mittelstand an Schwung. Warum? Das Valley kann sich auf die Politik verlassen, Teile des hiesigen Mittelstands sehen sich hingegen von der Politik verlassen.
„So kann es in Deutschland nicht mehr weitergehen“, sagt Hager. Die deutsche Wirtschaft wachse nicht mehr, die Industrie verliere jeden Monat rund 10.000 Arbeitsplätze, in vielversprechenden Wachstumsfeldern rangiere Europa hinter Amerika und China. „Wir wissen ja eigentlich, was zu tun ist. Wir wissen aber auch, dass wir immer dickere Bretter bohren müssen, um etwas bewegt zu bekommen.“ In diesem Zusammenhang werde im Verband immer mal wieder die Frage aufgeworfen, für wen oder was man eigentlich arbeite: für die Shareholder oder für den Standort. Die Antwort sei bislang immer die gleiche gewesen, sagt Hager. „Für den Standort.“ Bislang gebe es da keine größeren Diskussionen – und das seit mehr als hundert Jahren.
