Ein 19 Jahre alter Mann aus Rheinland-Pfalz soll Minderjährige zu Mord und anderen schweren Straftaten angestiftet haben. Er war nach Ansicht der Bundesanwaltschaft nicht nur Teil einer wachsenden Sadisten-Szene im Internet, sondern auch in rechtsextremen Gruppen aktiv. Gibt es solche Überschneidungen häufig?
Es gibt zahlreiche Überschneidungen zwischen dem Com-Netzwerk – oder der Sadisten-Szene, je nachdem, welchen Begriff man wählt – und rechtsextremen Narrativen. Eine klare Trennlinie lässt sich kaum ziehen. Das ist eine große Herausforderung, sowohl für Sicherheitsbehörden als auch für die Forschung. Gesichert wissen wir: In der Com-Szene finden sich nicht nur rechtsextreme Akteure, sondern vor allem sehr viele rechtsextreme Narrative, Symbole und Codes.

Wofür steht das Com-Netzwerk und wann ist es entstanden?
Com steht für „Community“: Die Mitglieder stacheln sich in Gruppen mit ihren Taten gegenseitig an, wollen einander überbieten. Es entsteht eine Art interner Wettkampf mit eigener Hierarchie. Die Szene ist etwa 2015 entstanden. Kommunikation und Austausch finden vor allem im Netz statt, auch wenn die Straf- und Gewalttaten dann in der analogen Welt geschehen. Im Vergleich zu anderen Extremismusformen ist das Auffällige: Im Vordergrund steht keine übergeordnete Ideologie.
Sie sprechen auch von „gewaltbereitem nihilistischen Extremismus“.
Genau. Es finden sich Menschen zusammen, die im Grunde an nichts mehr glauben, weil sie die Welt als nicht mehr lebenswert betrachten. Menschenrechte und zivile Umgangsformen lehnen sie ab.
In Hamburg läuft seit Januar der Prozess gegen einen Mann, der sich „White Tiger“ nannte und junge Frauen zu Selbstmordversuchen oder in einem Fall sogar in den Selbstmord getrieben haben soll. Wie gelingt es, so viel Macht über andere zu erlangen?
Da gibt es zwei unterschiedliche Mechanismen. Der eine betrifft Taten wie Brandanschläge, Graffiti oder Sachbeschädigung. Das sind meist Aufnahmerituale. Wer in eine Gruppe hineinwill, muss sich durch solche Taten als „würdig“ erweisen. Der zweite Mechanismus betrifft selbstverletzendes Verhalten und Gewalt gegen andere. Hier suchen Täter über soziale Medien und Gaming-Plattformen gezielt Kontakt zu Minderjährigen, vor allem Mädchen, und überschütten sie zunächst mit Aufmerksamkeit und vermeintlicher Zuneigung. Wer das im Alter von zwölf oder 13 Jahren zum ersten Mal erlebt, ist leicht überfordert. Durch manipulatives Verhalten werden erste Grenzen überschritten, häufig beim Austausch intimer Bilder. Von diesem Punkt an hat der Täter ein Druckmittel in der Hand und kann drohen: entweder die geforderte Handlung – oder die Bilder gehen an Familie, Freunde, Mitschüler.
Warum ist es für Behörden so schwierig, Täter in dieser Szene zu identifizieren und strafrechtlich zu verfolgen?
Weil nahezu alles im digitalen Raum stattfindet. Wer sich dort auskennt, tritt nicht unter Klarnamen auf, verschleiert seine Identität, postet keine Bilder von sich. Das ist das erste Hindernis. Zweitens müssen zunächst die Opfer identifiziert werden. Ähnlich wie bei sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung haben sie oft eine Hemmschwelle, sich zu offenbaren. Und drittens fallen häufig nationale Grenzen: Der Täter sitzt in Deutschland, das Opfer in Finnland oder den USA, das nächste Opfer in Brasilien. Damit überhaupt ein Gesamtbild entsteht, müssen Sicherheitsbehörden mehrerer Länder auf Täter- und Opferseite zusammenarbeiten – das ist ausgesprochen schwierig.
Woher haben Sie Ihr Wissen über die Szene? Schleusen Sie sich selbst in diese Gruppen?
Da sich viele Gruppen durch das Teilen von Bildern und Videos mit Bezug zu Kindesmissbrauch auszeichnen, ist es für Forschende sowohl aus rechtlicher Perspektive als auch mit Blick auf die mentale Gesundheit nicht möglich, sich in Gruppen einzuschleusen, wie dies beispielsweise bei anderen Extremismusformen der Fall ist. Nichtsdestotrotz gibt es öffentliche zugängliche Materialien, die für die Analyse der Szene entscheidend sind: Manifeste der Täter, Propagandamaterialien, aber auch Gerichtsprozesse, die das Vorgehen und die Motivation von Tätern beschreiben.
Sie sprechen davon, dass sich die rechtsextreme Szene und die Com-Szenen vermischen. Wo zeigt sich das konkret?
An verschiedenen Stellen. In der Forschung wird derzeit intensiv diskutiert, welchen Einfluss rechtsextreme Ideologie tatsächlich auf die Szene hat. Wir sehen auch Elemente des Dschihadismus, etwa Flaggen des sogenannten Islamischen Staats oder entsprechende Propagandavideos, die geteilt werden. Viel stärker sind aber rechtsextreme Codes verbreitet. In der Entstehungsgeschichte der Szene vor etwa zehn Jahren spielte die Gruppierung „Order of the Nine Angles“ (rechtsextrem-satanistische Gruppe aus Großbritannien, Anm. d.Red.) eine zentrale Rolle. Bei einigen in den USA festgenommenen Tätern des Netzwerks würde ich sagen: Sie glauben tatsächlich an rechtsextreme Narrative. Bei vielen anderen Mitgliedern dagegen werden entsprechende Inhalte eher geteilt, weil sie eine gruppenstiftende Wirkung haben – nicht weil man wirklich daran glaubt.
Als Grenzüberschreitung werden beispielsweise Hakenkreuze gepostet. Das hat dann eine gruppenstiftende Wirkung?
Genau. Zusätzlich spielt Desensibilisierung eine Rolle: Wenn neu rekrutierte Mitglieder fortlaufend brutale Videos sehen – etwa vom Anschlag in Christchurch – oder Enthauptungsvideos des „IS“, stumpfen sie völlig ab. Das liegt im Interesse der Führungsfiguren, weil es den Weg dafür bereitet, dass neue Mitglieder irgendwann Gewalttaten begehen oder andere zu Selbstverletzungen anstiften.
Ist die Entmenschlichung, die Sie beschreiben, gerade der Punkt, an dem die Verknüpfung zum Rechtsextremismus stattfindet?
In manchen Gruppen, ja. Im Rechtsextremismus gibt es klar definierte Feindbilder – etwa People of Color oder Menschen muslimischen oder jüdischen Glaubens –, die strukturell entmenschlicht werden. Innerhalb der nihilistischen Szene sehen wir das ebenfalls, hier vor allem gegenüber Mitgliedern der LGBTQ-Community, aber nicht ausschließlich. Manche Täter wählen ihre Opfer gezielt aus, etwa nach sexueller Orientierung, Hautfarbe oder Geschlecht. Strukturell ist das aber nicht durchgängig der Fall – Opfer werden aus den unterschiedlichsten Gründen ausgewählt, auch wenn sie etwa weiß, blond und blauäugig sind.
Kai M. aus Rheinland-Pfalz soll laut Bundesanwaltschaft Anführer einer einflussreichen Gruppe gewesen sein. Ihm wird vorgeworfen, durch Gewalttaten und öffentliche Aufrufe den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung beabsichtigt zu haben – das wäre die Voraussetzung für den Vorwurf der terroristischen Vereinigung. Wie viel Gefahr geht von der Sadisten-Szene aus?
Wenn man die Szene insgesamt betrachtet, gibt es einen kleinen Teil, der sich als „militanter Akzelerationismus“ versteht – eine dezidiert terroristische Strömung, die genau das anstrebt, was dem Beschuldigten vorgeworfen wird: die Gesellschaft an den Rand des Zusammenbruchs zu treiben, Chaos zu erzeugen und dieses Chaos in einen Bürgerkrieg beziehungsweise „Rassenkrieg“ zu treiben. Solche Bestrebungen gibt es sowohl innerhalb des Com-Netzwerks als auch bei separaten Gruppierungen, die vor allem in Osteuropa entstanden sind, aber auch international operiert haben. Zeitlich weiter zurück gab es zudem einen deutschen Ableger der „Atomwaffendivision“ (rechtsterroristische Gruppe aus den USA, Anm. d. Red.) mit demselben Ziel. Insofern ist das, was dem Beschuldigten vorgeworfen wird, in der Szene ein bekanntes Muster. Wie konkret die Pläne waren und ob er sie allein oder mit wenigen anderen hätte umsetzen können, steht auf einem anderen Blatt. Aber selbst wenn sich nur fünf schwer bewaffnete Personen zusammentun, kann erheblicher Schaden entstehen. Das zu verhindern, wäre bereits ein großer Erfolg.
Wie groß ist die Szene eigentlich?
Belastbare Zahlen zur Größe gibt es kaum. Erste Forschungsprojekte versuchen derzeit, die Szene zu kartieren. Das Problem: In großen Telegram-Gruppen mit teils Tausenden Mitgliedern ist die überwiegende Mehrheit stiller Mitleser. Ob man die tatsächlich als Teil der Szene mitzählen kann, ist eine offene Frage – das Radikalisierungspotential ist jedenfalls vorhanden.
Was ist aus Ihrer Sicht sinnvolle Prävention, die Eltern und Schulen leisten können?
Das größte Potential sehe ich bei den Betreibern sozialer Plattformen, besonders Gaming-Plattformen wie Minecraft oder Roblox. Wir wissen, dass sich dort Menschen radikalisiert haben oder angeworben wurden, weil der Erstkontakt sehr niedrigschwellig ist. Würden Plattformbetreiber Kinder und Jugendliche dort besser schützen, wäre bereits viel gewonnen. Darüber hinaus müssen sich Schulen und Eltern der Gefahr bewusst sein und das Gespräch mit ihren Kindern suchen. Umfragen zeigen: Ein nicht kleiner Teil von Kindern und Jugendlichen hat im Netz bereits problematische, gewaltverherrlichende Inhalte gesehen. Viele junge Mädchen haben bereits Erfahrungen mit Grooming gemacht, Erwachsene bahnen im Internet den Kontakt zu Minderjährigen an. Entscheidend ist, dass zu Hause und in der Schule eine Atmosphäre entsteht, in der sich Kinder und Jugendliche im Ernstfall jemandem anvertrauen können.
