Wenn Literatur und schon gar Poesie ihre Funktion als Leitmedium verliert, wird man nachsehen dürfen und müssen, wie das in für sie günstigeren Gesellschaftskonstellationen war oder gewesen sein könnte. Die Dessau-Wörlitzer Gartenlandschaft unter Leopold Friedrich Franz (1740 bis 1817), „Vater Franz“ genannt, Fürst und dann Herzog von Anhalt-Dessau, war eine solche. Immer wieder ist sie zur gesellschaftlichen Utopie, zur lebbaren Besserwelt, zum Ideal eines hoheitlich geführten Staatswesens stilisiert worden, zu einem Ort, wo die Künste unter einem ihnen zugeneigten Herrscher das Regiment führten und alle, wirklich alle einbezogen waren, um an ihrem jeweiligen Platz mit zu agieren.
War das wirklich so? Das fragt Christian Eger, in Dessau geborener Kultur-Ressortleiter der „Mitteldeutschen Zeitung“, um überreich Antworten zu geben auf einen überreizt ins Positive gewendeten Stoff, den er nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit um und um gewendet hat, um das in eine Dissertation münden zu lassen, die nun zweibändig im Schuber in schönster Form markant illustriert vorliegt und das Attribut „akribisch“ wie eine hilflose Untertreibung erscheinen lässt. Eger schaut in seinen umfassenden und doch immer wieder auf den Punkt kommenden analytischen Untersuchungen nicht nur nach der Literatur, sondern begreift sie als eines der Elemente, mit deren Hilfe Vater Franz seinen winzigen Staat in Zeiten und im Zeichen der Aufklärung verbessern wollte und verbessert hat. So hat der vom Dichter Gellert „vortrefflicher Prinz“ Genannte für Aufmerksamkeit weit über die sehr nahe beieinanderliegenden Grenzen seines Herrschaftsgebietes hinaus gesorgt.

Dessau-Wörlitz war besonders, und fast alle kamen. Kein Problem war es, wenn der Prinz die Kosten gerne verdunkelte und sein eigenes Tun aus Prinzip nicht erklärte. Was man sehen konnte, musste genügen. Goethe war da, Wieland, Klopstock, Hölderlin, Novalis, Jean Paul, Schelling, Tieck, Wackenroder, Gleim und viele mehr. Auch Winckelmann, Rousseau und Sterne kannte der Fürst persönlich, doch am folgenreichsten waren diejenigen, die blieben: Johann Bernhard Basedow (1724 bis 1790) und Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736 bis 1800). Der eine wurde von 1771 an zum entscheidenden Projektemacher und Propagandisten des Fürsten, weil er mit seiner von Franz mitfinanzierten Publikation „Das Elementarwerk“ theoretisch untermauerte, was dann mit dem pädagogischen Unternehmen Philanthropin zum zentralen Reformunternehmen wurde. Der andere, weil er mit seinen Architekturen und Gestaltungsplänen den Anlagen ihr Gesicht verlieh.
Vor Fürst Franz existierte hier kaum kulturelles Leben
Dessau-Wörlitz – Weltkulturerbe seit 2000 – ist nicht nur ein Garten, sondern ein Gartenreich, eine auch heute immer wieder neu und anders begehbare exponierte deutsche Kulturleistung des späten achtzehnten Jahrhunderts, ein sich aus gärtnerischen, baulichen und künstlerischen Intentionen zu etwas Größerem fügendes „herrschaftliches Ensemblewerk“. Insgesamt beherbergen die Anlagen fünf Gärten, circa 120 Bauwerke und rund 300 Sichtachsen. Das ergibt einen Zusammenklang diverser Deutungsmöglichkeiten an einem Ort, wo es weder eine Universität noch nennenswerten Landadel gab. Kaum kulturelles Leben existierte vor Vater Franz.
Der vereinte hier nach dem Siebenjährigen Krieg Bildungs- mit Wohlfahrtspolitik und erreichte in seiner sechzigjährigen Regierungszeit eine Öffentlichkeit weit über das kleine Fürstentum hinaus. Sehr früh schon verzichtete er für seine Herrschaft auf eine militärische Sinngebung, um stattdessen auf „Erziehung und Kunstausübung“ zu setzen, ohne Landwirtschaft, Obstbau, Gesundheits- und Armenversorgung zu vergessen. „Man muss für Arbeit sorgen; darauf kommt alles an“, soll er noch auf seinem Sterbebett gesagt haben.
Lehrer mochte Franz auch, als „Ruhmverstärker“ – allen voran Winckelmann, den damals noch vor Goethe international bekanntesten deutschen Autor, den der Fürst 1765 aufsuchte, um von ihm fünf Monate lang in Kunstgeschichte unterrichtet zu werden: „Ich komme nach Rom, zu lernen, und ich habe Sie nöthig“ – so soll begonnen haben, was hielt bis zum dubiosen Tod des Gelehrten und Kunstschriftstellers 1768 in Triest auf dem Rückweg von einer Reise, die ihn auch nach Dessau führen sollte, wo er erstmals die Landschaft hätte sehen können, die fortan nach seinem Einfluss gestaltet wurde.
Die literarischen Neigungen eines aufgeklärten Herrschers
Erstmals erfasst Christian Eger die Lektüren des Fürsten, rekonstruiert dessen Verkehr mit den Literaten, erörtert das öffentliche Schreiben und Lesen unter Franz – Gesellschaften und Bibliotheken, Zensur und Buchgewerbe, darunter die „Buchhandlung der Gelehrten“, das erste große Selbstverlagsunternehmen der Zeit, dessen Bücherausstoß Dessau kurzzeitig in den Status einer literarischen Hauptstadt beförderte. All das nimmt Eger mit überbordender Akkuratesse und nicht geschwätzig in den Blick, misst Regalbreiten, summiert Buchbestände, zitiert Tagebücher und Referenzgrößen, hinterfragt Zweideutiges und spürt Wirkzusammenhänge auf, widerspricht scheinbar Gesichertem, um neue Thesen zu etablieren, wobei er gelegentlich Tatbestände in anderen Zusammenhängen wiederholt, was dem Lesefluss seiner gut gebauten und nahezu in jedem Satz auf Fakten vertrauenden Schreibart mitunter zuwiderläuft.
Ohne Frage markiert die üppige Arbeit, mit der er das literarische Leben in Dessau-Wörlitz um 1800 unter eine akademische Lupe legt, eine tiefer gehende Sensibilisierung für einen besuchenswerten Ort. Das ergibt eine in aller Ausführlichkeit lohnende Neuverortung der kleinen Residenzstadt, die zur herauspräparierten Zeit nur um die 8000 Einwohner hatte.

„Gute Poesie“ steht als Titel über den überquellenden Bänden, ein neuer Begriff, den Eger in Stellung bringt. Gute Poesie meint – im Gegensatz zur sich neu formierenden künstlerisch autonomen „Reinen Poesie“ – eine dienstbare, auf äußere gesellschaftlich-kulturelle Zwecke zielende Literatur, die „als Korrelat zur Guten Policey“ die zeitgemäße als eine „gute“ Fürstenherrschaft gestalten und den Einzelnen fürs Allgemeine ertüchtigen will, die einen Gebrauchswert im Sinn hat, die dient und teilnimmt.
So gehen für Eger auch die literarischen Neigungen des Fürsten „fast durchweg mit herrschaftlichen Verwertungsinteressen einher“. Überhaupt wird viel gelesen am Hofe, weil Bücher das Kernmedium jener Zeit waren. Von da wachsen Ideen, die in Dessau-Wörlitz dem Praxistest unterzogen wurden. Diesem produktiven Verhältnis steigt Christian Eger in vier umfänglich einen jeweils neuen Grund legenden Abschnitten nach. Neben dem Fürsten, Hof, Stadt und Staat sowie der National-Kultur widmet er sich auch der Fürstin. Louise von Anhalt-Dessau (1750 bis 1811) war Vielschreiberin und -leserin. 2844 Tagebuchseiten hat sie hinterlassen, die sie ihrer Rolle gemäß nicht publizierte. Bis zu vierzehn Bücher las sie pro Monat. Sie kannte Rousseau, Goethe, Klopstock und Forster. Friedrich Matthisson, der erfolgreichste Dichter der Region, vertont von Schubert und Beethoven, war ihr Gesellschafter nach der Trennung vom Fürsten im Jahr 1786. Mit exponierten schriftstellernden Frauen ihrer Zeit hatte sie Seelenbündnisse, alle „gebildet, gesellig und geschieden oder . . . getrennt lebend“ – ein unkonventionelles Netzwerk. In ihrer späteren Isolation las sie zur Zerstreuung, Identifikation, Reflexion und Erbauung. Ihre Bibliothek umfasste um die 3000 Bände.
In Dessau sollten auf dem Neuen Begräbnisplatz ohne Kirche später alle Landeskinder nebeneinander liegen, der Fürst mittendrin. Hölderlin, Novalis und Schelling haben das beschrieben, Goethe hat es in den „Wahlverwandtschaften“ verarbeitet. Am Nymphaeum im Park kann man lesen, was der Titan aus Weimar am 14. Mai 1778 an Charlotte von Stein rapportierte. „Hier ists ietzt unendlich schön. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen, Canäle und Wäldchen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen . . .“ Christian Eger relativiert auch Goethes Interesse an der Wörlitzer Parklandschaft, doch liegt genau darin eine Stärke seiner erschöpfenden Untersuchungen: dass sie immense Lust machen, den Spuren durch eine literaturrelevante Zeit nachzugehen – oder besser: hinterherzulaufen.
Christian Eger: „Gute Poesie“. Literatur, Kultur und Herrschaft in Dessau-Wörlitz um 1800. Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 2 Bd. im Schuber, 764 und 574 S., Abb., geb., zus. 98,– €.
