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Dass sich die führenden Vertreter der taiwanischen Chipindustrie zur Eröffnung ihrer Branchenmesse Semicon zu einem öffentlichen „Kamingespräch“ zusammensetzen, ist neu. Normalerweise ist die Leitkonferenz zum Beginn der jährlichen Leistungsschau eine Aneinanderreihung von Jubelarien. Die Führer der großen Techkonzerne aus Amerika, Asien und Europa wechseln sich in ihren Keynotes mit ihren Zulieferern aus Taiwan darin ab, ihre neuesten technischen Errungenschaften zu feiern.
Doch dieses Mal herrscht ein anderer Ton, fast nachdenklich, manchmal sogar besorgt. Die Kaminrunde mit dem Titel „Technologie, Vertrauen und Verantwortung des Fortschritts“ setzt dazu einen passenden Schlusspunkt. Der rasante Aufstieg der Künstlichen Intelligenz führt zwar zu einem nie gesehenen Anstieg der Nachfrage nach Halbleitern aus den taiwanischen Fabriken und entsprechend blendenden Geschäften. Doch schon seit einiger Zeit kann die Branche nicht mehr mithalten mit dieser Nachfrage, muss im Eiltempo neue Kapazitäten aufbauen und dabei auch noch dafür sorgen, dass all ihre Zulieferer im gleichen Maße ihre Möglichkeiten erweitern.
20 neue Fabriken seien nicht genug
„Wir bauen gerade 20 Fabriken in der ganzen Welt und können trotzdem nicht die Nachfrage erfüllen“, sagt Cliff Hou, Vorstandsmitglied des weltgrößten Auftragschipherstellers TSMC, der unter anderem für den KI-Pionier Nvidia die Hochleistungshalbleiter für Rechenzentren baut. Schon einfache Bauarbeiter für all diese Fabriken zu finden, sei kaum noch möglich. Tien Wu von dem Chipzulieferer ASE verweist auf die Knappheit an Reinräumen und Wartungsarbeitern, S.C. Chien von dem Leiterplattenhersteller Unimicron auf den Umstand, dass sein Unternehmen für viele Materialien auf kleine Lieferanten aus dem Ausland angewiesen sei, die ihre Kapazitäten nicht so rasch ausbauen könnten.
„Wir alle in der Lieferkette spüren einen immensen Druck, unsere Kapazitäten aufzubauen“, sagt Liu Young, der Vorstandschef des Auftragsherstellers Foxconn. Aber alle hätten auch die Sorge darum, wie nachhaltig diese Kapazitäten eigentlich gebraucht würden.
Wie schnell es in der neuen KI-Welt zu folgenschweren Fehlern kommen kann, verdeutlichte CQ Tang, KI-Vorstand des Facebook-Konzerns Meta, anhand von 10.000 aneinandergebundenen Sportwagen. Die KI-Rechenzentren arbeiteten vergleichbar mit 10.000 verbundenen Hochleistungsgrafikkarten. Wenn nur eine von denen eine Schwäche zeige oder ausfalle, verlangsame das die gesamte Rechenleistung des Datencenters. Wenn es an irgendeiner Stelle in den komplexen Systemen zu einer unbemerkten Fehlberechnung kommt, kann sich das ebenfalls rasch durch das ganze Rechenzentrum ziehen. Wenn dort gerade eine KI trainiert wird, könne ein solcher Fehler, im Fachjargon „Silent Data Corruption“ genannt, schnell zu Kosten in Milliardenhöhe führen, sagte Tang.
Meta habe schon eine Partnerschaft mit Techkonzernen wie AMD, Google und Microsoft gebildet, um gegen diese Herausforderungen vorzugehen. Wichtig sei nun aber eine noch engere Zusammenarbeit mit den Chipherstellern, um Fehler möglichst früh zu erkennen und zu beheben, sagte Tang.
„Moore’s Gesetz auf Steroiden“
Der Ruf nach engerer Zusammenarbeit, um in dem rasanten Geschäft mithalten zu können, zog sich durch die Konferenz. Da es noch einige Zeit dauern wird, bis die neuen Fabriken das Angebot an Chips spürbar erhöhen können, sucht die Branche fieberhaft nach Möglichkeiten, aus den bestehenden Kapazitäten die meiste Speicher- und Rechenleistung herauszuholen – durch die Verbindung verschiedener Chips in einem Prozessor, das Stapeln in mehreren Lagen und den Zusammenschluss mehrerer Rechenzentren miteinander. Doch das bringt neue Herausforderungen, etwa für die Hitzeentwicklung in den Prozessoren und den Energieverbrauch.
Ein deutscher Zulieferer der Branche ist der Chemiekonzern Merck, der im vergangenen Jahr eine weitere Produktionsstätte für Halbleitermaterialien in Taiwan eröffnet und 500 Millionen Euro investiert hat. Elektronik-Vorstand Benjamin Hein warb in seiner Rede auf der Semicon für eine engere Zusammenarbeit der Chiphersteller mit ihren Zulieferern. Schließlich würden für Verbesserungen inzwischen nicht mehr nur einzelne Komponenten in Prozessoren ausgetauscht, sondern oft das gesamte System verändert. „Die Geschwindigkeit, mit der sich die Technologie weiterentwickelt, hat die gesamte Industrie überrascht“, sagte Hein. „Wir sehen gerade Moore’s Gesetz auf Steroiden“, sagte er mit Blick auf den lange gültigen Grundsatz zur Steigerung der Leistungsfähigkeit von Computerchips. Die neue Komplexität erfordere von allen Beteiligten, dass sie sich mehr für Zusammenarbeit öffnen sollten.
Mit einem eigenen Stand auf der Messe vertreten ist die Standortinitiative Silicon Saxony. Der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) kam anlässlich der Messe eigens nach Taiwan und besuchte auch TSMC. Der Konzern baut gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP derzeit eine Halbleiterfabrik in Dresden. Der Bau laufe nach Plan, sagte er der F.A.Z. Ein neuer Verbindungsmann, der ehemalige Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens, solle dafür sorgen, dass die Ansiedlung auch der taiwanischen Facharbeiter in Sachsen reibungslos verlaufe. Insgesamt erwarten die Sachsen 1400 Taiwaner und ihre Familien. Zudem wirbt der Wirtschaftsminister um die Ansiedlung weiterer Zulieferer aus Taiwan und womöglich auch weiterer Kapazitäten von TSMC. Mit Blick auf die Vereinigten Staaten und Japan, wo der Auftragsfertiger gleich mehrere neue Fabriken gebaut hat, sagte er: „Wenn TSMC eine Fabrik baut, haben wir an anderen Standorten gesehen, dass auch noch mehr Musik drin sein kann.“
