
Chinas humanoide Roboter, die schneller rennen als einst Usain Bolt, sorgen auf der ganzen Welt für Schlagzeilen. Peking hofft auf das Entstehen einer neuen Milliardenindustrie, die Chinas technologischen Aufstieg fortsetzt. Derweil ist es um eine andere Zukunftsbranche in der Volksrepublik erstaunlich ruhig geworden: Chinas Flugtaxis.
Noch vor zwei Jahren schien die Niedrigflugwirtschaft, wie die Branche um Flugtaxis und Drohnen in Peking genannt wird, in der Gunst der Regierung deutlich vorn zu liegen. 2024 schaffte sie es als möglicher „neuer Wachstumsmotor“ erstmals in den wichtigen Arbeitsbericht der Regierung, den Ministerpräsident Li Qiang im Frühjahr dem Nationalen Volkskongress präsentiert. Von humanoiden Robotern oder der „verkörperten Intelligenz“, wie Peking die Branche inzwischen nennt, war in dem Bericht noch keine Rede. Wenige Monate später scheiterten die deutschen Träume in der Branche: Das Start-up Lilium verkündete das Aus, Volocopter wurde an chinesische Investoren verkauft.
Welthauptstadt der eVTOL
In China gab es derweil vollmundige Ankündigungen, dass die Flugtaxis, auch als auch als eVTOL bekannt, (electric Vertical Take-Off and Landing aircraft, also elektrisch angetriebene Fluggeräte, die senkrecht starten und landen können) bald abheben werden. „Es wird erwartet, dass der kommerzielle Betrieb von eVTOL Ende 2025 oder Anfang 2026 beginnen wird“, wurde Cheng Tao, Generalsekretär des Industrieverbandes der Niedrigflugwirtschaft in Shenzhen, Anfang 2024 in chinesischen Medien zitiert.
Cai Wuqun, ein Anbieter von Hubschrauberflügen in Shenzhen, sagte voraus, dass „bis 2025/2026 zahlreiche eVTOL-Unternehmen in China Zertifikate erhalten“, mit denen sie fliegen können, und schrittweise den Betrieb aufnehmen werden. Im ganzen Land richteten Provinzregierungen Testgebiete mit großzügigen Förderungen ein. Drei Viertel aller Provinzen und Regionen übernahmen die Niedrigflugwirtschaft in ihre eigenen Arbeitsberichte, mehr als die Hälfte veröffentlichte eigene Pläne für die Förderung der Branche.
So gab in Shenzhen die Stadtregierung Anfang des Jahres bekannt, bis zur Hälfte der Betriebskosten von einigen Projekten zu tragen. Shanghai veröffentlichte einen Plan, um „Welthauptstadt der eVTOL“ zu werden und versprach besonders wichtigen eVTOL-Entwicklungsprojekten bis zu 100 Millionen Renminbi, umgerechnet rund 13 Millionen Euro, an Förderung. Tatsächlich aber hat sich seit diesen Ankündigungen und Plänen wenig getan.
Bescheidener Umsatz, Aktie unter Druck
Es gibt Dutzende Start-ups im ganzen Land und eigene Messen nur für eVTOL. Bis heute aber ist das Unternehmen Ehang aus Guangzhou das einzige chinesische Unternehmen, das alle notwendigen Zertifikate hat, um mit seinen Flugtaxis überhaupt Flüge zu absolvieren. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) besuchte das Unternehmen im Mai. Bei den Flügen handelt es sich aber nicht um Taxidienste, sondern um kurze touristische Flüge, in denen es um das Erlebnis des Fliegens mit dem autonomen Fluggerät geht, nicht um Fortbewegung.
Ehang verkaufte im ersten Halbjahr 40 Fluggeräte nach 63 im ersten Halbjahr 2025, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Der Umsatz lag bei bescheidenen 15,2 Millionen Dollar, nach knapp 21 Millionen im Vorjahreszeitraum. Der operative Verlust summierte sich auf knapp 38 Millionen Dollar. Die Aktie hat seit Jahresbeginn mehr als zwei Drittel ihres Wertes verloren, büßte nach der Bekanntgabe am Dienstag weitere sieben Prozent ein und liegt weniger als halb so hoch wie zum Tag des Börsengangs vor knapp sieben Jahren.
Kleinflugzeuge bleiben am Boden
Die Branche hatte ohnehin schon Mühe, die hochfliegenden Versprechungen zu halten. Dann flog Ende Juni ein Kleinflugzeug in einen Wolkenkratzer in Peking. Der Pilot, der ums Leben kam, konnte unbehelligt in einen der am stärksten kontrollierten Flugräume der Welt fliegen. Das Hochhaus des staatseigenen Finanzkonzerns Citic, in das der Pilot flog, liegt wenige Kilometer entfernt vom politischen Zentrum Pekings am Tiananmen-Platz und vom Viertel Zhongnanhai, wo die Parteispitzen wohnen.
Seitdem treten die Aufseher noch viel stärker auf die Bremse. Im ganzen Land wurden Flüge von Kleinflugzeugen für nicht essenzielle Zwecke wie den Tourismus ausgesetzt. Bisher gibt es keinen Hinweis, dass diese Flüge wieder aufgenommen wurden. Ein Flugverein in Shanghai sagte der F.A.Z., man dürfe aktuell nicht fliegen. Ein Flugverein in Nanjing sagte der F.A.Z., aufgrund des Vorfalls in Peking gelte im ganzen Land weiterhin ein Verbot.
Ehang nimmt Prognose zurück
Ehang, das in den USA gelistet ist und sich deshalb äußern muss, räumte die heftigen Auswirkungen des Unfalls auf die Branche am Dienstag ein. „Ein schwerer Unfall mit einem bemannten Leichtsportflugzeug“ habe zu „größerer Vorsicht bei der Regulierung der Sicherheit im Luftverkehr“ gesorgt und „beeinträchtige das Tempo der Genehmigungen für den kommerziellen Passagierbetrieb“, wird Huazhi Hu, Gründer und Chef von Ehang in der Mitteilung zitiert. „Wir verstehen diesen regulatorischen Ansatz vollkommen“, sagte er.
Doch das Unternehmen ist hart getroffen. Ehang nahm seine Umsatzprognose von 600 Millionen Renminbi (umgerechnet knapp 90 Millionen Euro) für dieses Jahr zurück. Ein neues Ziel gebe es erst, wenn sich die „regulatorische Sichtbarkeit“ wieder erhöhe, hieß es von Finanzchef Conor Yang.
Vergangene Woche hielt die chinesische Aufsichtsbehörde für die zivile Luftfahrt CAAC eine Sitzung des Sicherheitsausschusses ab, um „Risiken der Branche zu analysieren und jüngste Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen“. Es gelte der Grundsatz „Sicherheit zuerst“. Ähnliche Sitzungen gibt es jedes Jahr zur Hauptreisezeit im Sommer, doch die Betonung der Sicherheit wirkte ausgeprägter als in den Vorjahren.
Wintereinbruch für die Branche
„Der Winter ist angebrochen für den eVTOL-Sektor“, sagt Han Lin der F.A.Z. Er ist China-Chef der Denkfabrik The Asia Group mit Sitz in Shanghai. „Die Regulierung hat sich als viel fordernder und zeitaufwändig erwiesen, als die Investoren ursprünglich behauptet haben.“ Einen humanoiden Roboter könne man an eine Fabrik verkaufen und dann weiter verbessern. „Man kann nicht fünf Passagiere in ein eVTOL stecken und sagen: Wir verbessern die Software später weiter.“
Der Vorfall in Peking sei eine „Warnung für die Regulierer gewesen, dass sie die Kontrollen über den Luftraum nicht allzu schnell und breit lockern können“, sagt Ni Tao, der als Berater für einige chinesische eVTOL-Start-ups arbeitet und eine Internetseite über das Tech-Ökosystem in Shanghai und Umgebung betreibt. Aktuell laufe ein Programm, in dem die nationalen Behörden die Kontrolle des Luftraums zwischen 300 und 600 Metern, in dem die Flugtaxis unterwegs sein sollen, an die lokalen Behörden übergeben werden. „Nach dem Vorfall in Peking gehe ich davon aus, dass sich das verzögert.“
Industriepolitik mit Risiken
Die Entwicklung in der Branche unterstreicht die Risiken, die von Pekings Industriepolitik ausgehen. Diese sucht sich gezielt neue Branche aus, die die Behörden als vielversprechend identifizieren. Lokalregierungen folgen den Pekinger Leitplanken und investieren viel Geld in lokale Unternehmen. Mit nicht wenigen Branchen, etwa der Solar- und Automobilindustrie, war dieser Ansatz erfolgreich. Inzwischen aber wagt sich der Staat an Branchen, die erst noch geschaffen werden müssen. Ob das Produkt aber wirklich abhebt oder Hindernisse wie der Flugzeugcrash sie ausbremsen, weiß auch Peking nicht.
„Keine einzelne Behörde kann voraussehen, welche Technologie oder Industrie letztlich überlebensfähig sein wird“, warnte Wu Jinglian Ende vergangenen Jahres auf einer Konferenz der chinesischen Wirtschaftspublikation Caixin. „Diese Idee ist losgelöst von der Realität und unmöglich zu erreichen“, sagte der hochbetagte Wu, der einst einer der Architekten der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik war und bis heute einer der bekanntesten Ökonomen des Landes ist.
„Pekings Auswahl von Industrien verläuft in Zyklen“, sagt Berater Ni. „Gestern war es die Niedrigflugwirtschaft, heute KI und Robotik, morgen vielleicht Quantencomputer und kontrollierte Kernfusion.“ Dass eine Industrie besonders viel Aufmerksamkeit erhalte, liege daran, „dass Peking dazu neigt, sich für gewisse Zeit auf einen bestimmten Sektor zu konzentrieren“.
Vorerst habe „der Liebling von gestern“, die Niedrigflugwirtschaft, an Momentum verloren, sagt Ni. Doch es bleibt abzuwarten, ob der Flugzeugcrash in Peking die Branche nur ausbremst oder ganz abwürgt. Ni jedenfalls setzt weiter auf die Industrie und die politische Unterstützung: „Ich glaube nicht, dass die Liebe zur Niedrigflugwirtschaft vorbei ist, nur wegen eines einzelnen, zufälligen Vorfalls.“
