
Als „China-Schock 2.0“ wird der Rückgang der Industrieproduktion in westlichen Ländern, vor allem in Deutschland, in den vergangenen Jahren bezeichnet, der auf Chinas Exportüberschuss zurückgeführt wird. Dieser übertraf im vergangenen Jahr die Marke von einer Billion Dollar, also 1000 Milliarden Dollar. Der erste „China-Schock“ hatte nach dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation im Jahr 2001 zu einem Rückgang der Industrieproduktion in den USA und Westeuropa geführt.
Wie groß ist der China-Schock?
Wie groß der „China-Schock 2.0“ ist, ist in der Wissenschaft umstritten. Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft schrieben kürzlich, die Einbußen Deutschlands auf dem Weltmarkt erklärten sich nur zu rund einem Drittel durch Chinas Aufstieg. Zwei Drittel gingen auf deutsche Wettbewerbsverluste gegenüber anderen nicht chinesischen Exporteuren zurück. Sie verwiesen stattdessen auf andere Probleme Deutschlands wie die mangelnde europäische Integration oder hohe deutsche Energiepreise.
Chinas Ministerpräsident betreibe „Gaslighting“, also psychologische Manipulation, sagte Sander Tordoir der F.A.Z. Der Chefökonom der Denkfabrik Centre for European Reform war Ende Mai Ko-Autor einer Studie unter dem Titel „China-Schock 2.0: Die Kosten der deutschen Selbstzufriedenheit“ und hatte die Debatte um die unausgeglichenen Handelsbeziehungen zu China damit stark befeuert. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) soll nach der Lektüre der Studie seine Position in Bezug auf Schutzinstrumente gegen chinesische Einfuhren überdacht haben.
Neues „Plaza-Abkommen“?
Merz sagte öffentlich, die chinesische Währung sei um 20 bis 30 Prozent unterbewertet, und forderte eine Neuauflage des „Plaza-Accord“, um den Yuan aufzuwerten. Eine schwache Währung macht Ausfuhren günstiger; eine Aufwertung würde Chinas Exportprodukte verteuern und den Exportüberschuss senken. Mit dem „Plaza-Abkommen“ einigten sich die USA, Japan, Deutschland und andere 1985 auf eine Abwertung des Dollars und eine Aufwertung des japanischen Yens und der D-Mark. Nach Darstellung Pekings führte dieses Abkommen zu den „verlorenen Jahrzehnten“ in Japan, in denen das Land mit Deflation und niedrigem Wachstum kämpfte. Diese Darstellung ist indes umstritten.
Li machte mit seiner Rede jedenfalls deutlich, dass Peking nicht gedenkt, auf europäische Beschwerden über Chinas hohen Exportüberschuss einzugehen. „Der eigentliche Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Produkte“ liege in Durchbrüchen in der Forschung „und nicht, wie manche mutmaßen, vor allem in staatlichen Subventionen“. Dafür habe Chinas Regierung das Geld gar nicht.
Diese Subventionen werden im Westen häufig als Hauptgrund für Chinas Exportüberschuss angesehen. Der Internationale Währungsfonds bezifferte Chinas Industriepolitik, die etwa aus direkten Subventionen, Steuernachlässen, vergünstigten Krediten oder Grund und Boden besteht, auf rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
China hat „unser Modell“ nachgebaut
Man müsse zwischen Qualität, Subventionen und einer unterbewerteten Währung unterscheiden, mahnte Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, vergangene Woche im Interview mit der F.A.Z. Es gebe aber „unfaire Wettbewerbsverzerrungen, auf die wir reagieren müssen“. Bisher seien die Instrumente der EU dafür aber zu langsam und zu wenig punktgenau. China habe es zudem geschafft, „unser Modell nachzubilden – die Symbiose aus Innovation und Produktion für technisch hochwertige Produkte“.
Ministerpräsident Li verwies in seiner Rede auf ebendiese Symbiose. Jedes Jahr gebe es in China rund sieben Millionen Absolventen in den Bereichen Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Landwirtschaft und Medizin. Chinas Fortschritte in der Raumfahrt, der Künstlichen Intelligenz, der Kernfusion oder der Quantentechnik seien durch harte Arbeit erkämpft worden.
Man habe über das ganze Land verteilt spezialisierte Industriecluster aufgebaut. Er nannte die Elektronik rund um Shanghai, den Motorradbau rund um Chongqing oder das Robotik-Tal in Shenzhen. „Daraus sind zahlreiche Hochtechnologieunternehmen und spezialisierte ‚kleine Giganten‘ hervorgegangen“, sagte Li. Die „kleinen Giganten“ sind Pekings Ausdruck für technologische erfolgreiche Mittelständler, die in Deutschland als „Hidden Champions“ bekannt sind.
