Beim ersten Mal dachte man: Kann passieren! Beim zweiten Mal dachte man dann schon: Wie kann das denn passieren? Spätestens aber beim dritten Mal, als Matwei Safonow, der Torhüter Paris Saint-Germains, den Ball in der Arena in München ins Aus schoss, dachten dort wohl auch die Spieler des FC Bayern: Was passiert hier?
Er hat es nie zugegeben, aber viel deutet darauf hin, dass es eine List war, die sich Safonows Trainer Luis Enrique ausgedacht hat. Man wird sie anders als jene von Odysseus oder Themistokles nicht noch in Tausenden von Jahren weitererzählen. Doch wenn man sich in der ersten Woche der neuen Champions-League-Saison nun noch mal die Frage stellt, warum vor vier Monaten eigentlich nicht der FC Bayern ins Finale gekommen ist, dann lautet eine Antwort: Er ist auf der Seite überlistet worden, auf der er mit seinem besten Spieler den Gegner überlisten wollte.
Auf der Seite des Einwurfs gibt es mehr Gegenspieler und weniger Platz. Und wenn es mehr Gegenspieler und weniger Platz gibt, dann wird es selbst für Olise eng. In dem Rückspiel ist der französische Außenstürmer, so steht es auf der Statistikseite „sofascore.com“, neunmal in ein Dribbling rein-, aber dann nur dreimal als Sieger rausgegangen. Und damit im Vergleich zum Hinspiel, als acht von zehn seiner Dribblings erfolgreich waren, einer der großen Verlierer gewesen.
Hat diese Bayern-Mannschaften ihren Höhepunkt schon erreicht?
In dieser Woche sind die Nominierten für den Ballon d’Or, also für den Preis des besten Fußballspielers des Jahres, bekanntgegeben worden. Unter den dreißig Spielern sind auch drei Stürmer aus München: Harry Kane, Luis Díaz und Michael Olise. Die Manager des FC Bayern führen schon seit Wochen eine Kampagne für Kane, mit dem sie den am Ende dieser Saison auslaufenden Vertrag verlängern wollen. Doch Luis Enriques List hat gezeigt, dass Paris Saint-Germain, die beste Fußballmannschaft der Welt, nicht Kane am meisten fürchtete.
Wenn der FC Bayern an diesem Donnerstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) mit einem Heimspiel gegen FK Bodö/Glimt in die Hauptrunde der Champions League einsteigt, sind die Erwartungen in München noch höher als sonst. Seit dem Halbfinale gegen Paris glauben sowohl Manager als auch Spieler, dass sie ganz nah dran sind. Doch werden die Bayern in dieser Saison wieder so weit kommen wie in der vergangenen – oder sogar weiter?
Man kann antworten, dass diese Mannschaft ihren Höhepunkt erst vor sich hat. Weil sie das, was in den ersten beiden Saisons unter dem Trainer Vincent Kompany entstanden ist, in der dritten noch verfeinern und vor allem verbessern kann. Und weil sie mit Nathaniel Brown und Ismael Saibari zwei neue Spieler hat, die auf so vielen verschiedenen Positionen eingesetzt werden können, dass sie einem wie vier neue Spieler vorkommen.
Man kann aber auch antworten, dass die Mannschaft ihren Höhepunkt schon erreicht hat. Weil nicht erwartet werden kann, dass die Ü-30-Spieler Manuel Neuer (der sogar ein Ü-40-Spieler ist), Harry Kane, Joshua Kimmich und Serge Gnabry nochmal so eine konstant gute Saison spielen. Und weil das selbst von einem U-30-Spieler wie Luis Díaz nicht erwartet werden sollte.
Doch selbst wenn man die zweite Antwort für die realistischere hält, gibt es noch ein Szenario, das einen statt an eine Regression an eine Progression glauben lassen kann. In diesem Szenario schafft es Michael Olise, 24 Jahre alt, nicht nur der beste Stürmer der Bundesliga, sondern der beste Spieler der Champions League zu werden.
Als es darum geht, ob Olise bleibt, bleibt Dreesen defensiv
Zwischenfazit: Damit die beste deutsche Fußballmannschaft in dem anspruchsvollsten europäischen Fußballwettbewerb wieder so weit kommen kann, wird sie ihren besten Spieler brauchen. Doch je dringender sie ihn braucht, desto drängender wird die Frage: Wie lange braucht er noch seinen Klub?
Am Sonntag ist Jan-Christian Dreesen, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, in der „Sport1“-Sendung „Doppelpass“ gefragt worden, ob er den Fans seines Klubs versprechen könne, dass Olise, Vertragsende: 30. Juni 2029, in München bleibe. Seine Antwort: „In dem Geschäft was zu versprechen, ist ne heikle Geschichte – ohne dass jetzt jeder irgendwas schreibt.“
Man muss zu diesem Satz nichts schreiben, sondern kann sich auf den nächsten konzentrieren: „Aber genauso ein Unfug war, dass dieses Jahr im Sommer uns dutzendweise Angebote auf dem Tisch gelegen haben.“ Und auf nochmalige Nachfrage: „Wir haben kein Angebot auf dem Tisch gehabt.“
Jetzt muss man aber doch etwas schreiben: Dass der FC Bayern kein Angebot auf dem Tisch gehabt hat, heißt nicht, dass sich kein Klub für Olise interessiert hat. Und weil auch Dreesen das wissen dürfte, sagte er: „Ob wir ihn dauerhaft werden halten können, das werden wir dann im nächsten Jahr im Sommer wieder neu besprechen.“ So defensiv hat man einen Manager des FC Bayern selten über einen Spieler sprechen gehört, der noch die nächsten drei Saisons unter Vertrag steht.
Die Vorsicht Dreesens ist verständlich, weil es in seinem Verein schon lange keinen Spieler mehr gegeben hat, der so jung, aber im internationalen Vergleich schon so viel besser als die allermeisten war. Die Marke Bayern München wird wahrscheinlich immer größer bleiben als die Marke Michael Olise. Doch in der neuen Fußballwelt, in der Spieler ihre eigenen Marken sein wollen, wird sich Olise sicher fragen, ob Madrid oder Paris zu seiner eigenen Marke besser passen als München, ob die Premier League besser passt als die Bundesliga.
Fürs Erste dürfte er aber weiter eine Antwort finden, warum er den FC Bayern braucht: Er hat dort einen Trainer, der auf ihn setzt und ihm zugleich eine glaubhafte Chance gibt, die Champions League zu gewinnen. Und vielleicht ist das aus der Sicht des Klubs auch die größere Gefahr: dass nicht Michael Olise, sondern Vincent Kompany schon bald zu groß für ihn sein könnte.
