Ewa Pajor wirkte nach diesem Finale, als müsse sie sich erst vergewissern, dass es wirklich passiert war. Als die Schiedsrichterin das Spiel beendet hatte, sank sie auf den Rasen des Ullevaal-Stadions und weinte vor Erleichterung. Die Last, die sie über Jahre mit sich herumgeschleppt hatte, schien von ihr abgefallen. Es waren die Tränen einer Fußballerin, die endlich ihren Frieden mit diesem Wettbewerb gemacht hatte.
Fünf Endspiele hatte die polnische Nationalspielerin in der Champions League verloren: viermal mit dem VfL Wolfsburg, einmal mit dem FC Barcelona. Pajor gehört seit Jahren zu den besten Stürmerinnen Europas. Mit elf Treffern war sie – wie schon 2023 – die erfolgreichste Torjägerin dieser Champions-League-Saison. Nur der Titel war der 29-Jährigen in all dieser Zeit nie vergönnt. Bis zu diesem Abend in Oslo. Bis zu diesem 4:0 gegen Olympique Lyon, das Barça den vierten Triumph nach 2021, 2023 und 2024 bescherte – und die Karriere von Ewa Pajor nun komplettiert.
Dabei wirkte es anfangs so, als könnten die Geister der verlorenen Endspiele Pajor wieder einholen. Lyon versuchte es mit Ballbesitz, mit Torchancen und mit einem enormen Wissen über Barça, von dem kaum jemand so viel besitzt wie Trainer Jonatan Giráldez, der von 2021 bis 2024 als Chefcoach der Katalaninnen gearbeitet hatte. Lange war es ein Spiel der kleinen Verschiebungen. Dann aber kam Pajor (55./69. Minute) und entschied das Finale quasi allein. Die Treffer von Salma Paralluelo (90./90.+3) beseitigten auch noch die letzten Zweifel.
„Eine bessere Spielerin und ein besserer Mensch“
So verwunderte es dann nicht, dass Pajor, die das Toreschießen auf ein improvisiertes Tor an der Scheunenwand ihrer Eltern gelernt hat, anschließend sagte: „Das ist der schönste Tag meines Lebens.“ Es war ein Satz, der sich als emotionaler Überschwang nach einem Finale abtun ließe ‒ und doch viel über eine Karriere erzählt, die sich über Jahre an diesem einen Spiel abgearbeitet hatte. Sie habe immer daran geglaubt, dass sie es eines Tages mit diesem Team schaffen würde, sagte Pajor: „Die Mannschaft spornt mich an, eine bessere Spielerin und auch ein besserer Mensch zu werden.“
Auch ohne seinen größten Preis in den Händen gehalten zu haben, hat Pajor den europäischen Frauenfußball geprägt. Mit dem VfL Wolfsburg gewann sie fünf Meisterschaften und neunmal den DFB-Pokal, 2024 und 2025 wurde sie zudem für den Ballon d’Or nominiert. Und trotzdem beschreibt ihr Trainer Pere Romeu sie als eine Spielerin, die das Kollektiv über alles stellt, die immer erst an die Mannschaft und dann an sich selbst denkt. „Ich bin mir sicher: Wenn sie Tore verschenken könnte, anstatt sie selbst zu schießen, würde sie es tun.“
Für Pajor war dieser Abend eine Erlösung. Für den FC Barcelona könnte es etwas anderes gewesen sein – der Höhepunkt einer Spielerinnengeneration, die sich fragen muss: Wie lange kann eine Mannschaft ihre eigene Dominanz aushalten, bevor sie sich verändern muss?
Die Women’s Super League lockt
In Barcelona werden auf und neben dem Platz Maßstäbe gesetzt. Die Katalaninnen spielen einen Fußball, mit dem sie ihre Gegnerinnen nicht nur besiegen, sondern sie entmutigen. Sie stellen mit den Ballon-d’Or-Gewinnerinnen Alexia Putellas (2021, 2022) und Aitana Bonmatí (2023, 2024, 2025) die überragenden Einzelkönnerinnen des Weltfußballs. Und anders als bei der Konkurrenz trägt sich die Frauenabteilung selbst und beschert dem Verein sogar Einnahmen.
Doch die Liga ist für Barça zur Routine geworden, die Spielerinnen haben kaum (inter-)nationale Konkurrenz. Bonmatí kritisiert seit Jahren mangelnde Investitionen im spanischen Fußball: „Ich bin müde davon, meine Stimme zu erheben, ohne dass etwas passiert.“ Manchen Spielerinnen scheint es angesichts von sieben Meisterschaften nacheinander fast langweilig zu werden. Zugleich lockt die englische Women’s Super League (WSL) mit Gehältern, die der FC Barcelona angesichts des enormen Schuldenbergs der Männerabteilung nicht zahlen kann.
Mapi Léon wird den Verein verlassen, auch Alexia Putellas, Caroline Graham Hansen und Salma Paralluelo haben ihre auslaufenden Verträge noch nicht verlängert. Noch ist Barcelona nicht am Ende einer Ära, aber im Kader deuten sich Veränderungen an. Große Mannschaften zerbrechen selten an Niederlagen. Meist zerbrechen sie an der Frage, was nach der Vollendung noch kommen soll.
Insofern könnte dieser 4:0-Sieg gegen Olympique Lyon, mit acht Titeln immer noch Rekordsieger der Champions League, auch anders gelesen werden als nur als eine Demonstration katalanischer Stärke: Als der Abend, an dem Ewa Pajor endlich bekommen hat, was ihr zehn Jahre verwehrt geblieben ist – und als der Abend, an dem der FC Barcelona beginnen könnte, die Konsequenzen seiner eigenen Dominanz zu spüren.
