
Mehrere Male setzt Lea Corzilius an, um mit ihren Erläuterungen zu den Veränderungen der übertariflichen Zulagen zu beginnen. Immer wieder gehen die Worte der für das Personalressort verantwortlichen Managerin im Vorstand des Autozulieferers ZF im Getöse unter. Buhrufe, lautes Pfeifen und Gebrüll übertönen Mikrofon und Lautsprecher, sodass die rund 5000 Mitarbeiter in der Betriebsversammlung in der Friedrichshafener Messehalle vor knapp zwei Wochen die Ausführungen von Corzilius nicht hören können. Hintergrund der aufgeheizten Stimmung ist der Plan des angeschlagenen Unternehmens, zwei übertarifliche, am Standort Friedrichshafen gezahlte Sonderzulagen in eine am Gewinn gekoppelte variable Erfolgsprämie umzuwandeln. Als Corzilius das Podium verlässt, bricht der Versammlungsleiter die Veranstaltung kurz danach ab.
Es steht der Verdacht im Raum, dass der Betriebsrat diesen Abbruch geplant und orchestriert hat. Mehrere Mitarbeiter berichten, dass Auszubildenden vor der Veranstaltung erläutert wurde, wann sie pfeifen sollten. Zudem hat ZF-Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich auf Info-Veranstaltungen des Betriebsrats in den Tagen zuvor angedeutet, dass es immer die Möglichkeit gebe, die Versammlung in der Messehalle abzubrechen, um die Proteste auf dem Platz vor der Hauptverwaltung des Traditionsunternehmens fortzuführen. Auf diesen Info-Veranstaltungen sprach auch Dietrichs Ehefrau Helene Sommer, die als Erste Bevollmächtigte die IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben führt.
Nun hat die abgebrochene Betriebsversammlung für den ranghöchsten Arbeitnehmervertreter von ZF ein Nachspiel vor dem Arbeitsgericht. Die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) hat eine einstweilige Verfügung beantragt, „dem Betriebsratsmitglied Achim Dietrich die weitere Amtsausübung bis zum rechtskräftigen Abschluss des Amtsenthebungsverfahrens aus dem Betriebsrat zu untersagen“. Vor der Kammer Ravensburg des Arbeitsgerichts Ulm kommt es am Dienstag zu einer ersten Anhörung.
Konkurrenzgewerkschaft bemängelt fehlende Neutralität
Die CGM wirft Dietrich vor, dass er bei den Info-Veranstaltungen vor der Betriebsversammlung gegen seine Neutralitätspflicht verstoßen habe, weil er gemeinsam mit IG-Metall-Funktionärin Sommer immer als „Team IG Metall“ aufgetreten sei. Zudem habe er durch den provozierten Abbruch der Betriebsversammlung verhindert, dass die Belegschaft in Friedrichshafen sich ein eigenes Bild über die Veränderungen der Zulagen machen könne. „Durch die Unruhe und die abgebrochene Betriebsversammlung wurde unserer Meinung nach absichtlich verhindert, dass der Arbeitgeber ein konkretes Angebot kommunizieren kann und die Verhandlungen offen und transparent geführt werden können“, sagt Sabine Jastrob, Geschäftsführerin der CGM Friedrichshafen. Am Standort Friedrichshafen hält die CGM im Betriebsrat sechs von 60 Mandaten in zwei Gremien.
Weder sei die CGM in die Vorbereitung der Info-Veranstaltungen einbezogen noch darüber informiert worden, dass der Betriebsrat die IG Metall mit der „Durchführung einer Urabstimmung mandatiert“ habe. Der Wortlaut der Abstimmungsfrage laut Klageschrift, die der F.A.Z. vorliegt: „Soll der Betriebsrat gemeinsam mit der IG Metall mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Streichung der übertariflichen Zulagen kämpfen?“
Die CGM kritisiert insbesondere, dass der Betriebsrat für die Urabstimmung einen externen Server der IG Metall genutzt habe und dafür persönliche Daten wie Personalnummern und Geburtsdaten an die Gewerkschaft „weitergegeben haben muss“, damit die Mitarbeiter sich für die Abstimmung einloggen können. Trotz des Hinweises der CGM, „dass hier eine grobe Obliegenheitsverletzung vorliegt, führte der Beklagte weiterhin den Auftritt des Betriebsrats als Team IG Metall fort“.
Betriebsrat nennt Vorwürfe „haltlos“ und „diffamierend“
Der Betriebsrat weist die Vorwürfe zurück. „Die Anschuldigungen sind haltlos und – insbesondere was die Person von Achim Dietrich betrifft – diffamierend“, sagt ein Sprecher der Arbeitnehmervertretung auf Anfrage der F.A.Z. „Das Verfahren wird genutzt als Bühne, um das Ansehen des Betriebsratsvorsitzenden und das der ZF öffentlich zu beschädigen und die Position der Mitbestimmung zu schwächen, nur um sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken.“ Auch die IG Metall reagiert mit einer scharfen Erwiderung. „Der Versuch der CGM, den mit übergroßer Mehrheit gewählten Betriebsratsvorsitzenden Achim Dietrich aus purem Eigeninteresse per Gerichtsverfahren aus seinem Amt zu drängen, ist abstoßend“, erklärt die Erste Bevollmächtigte der Friedrichshafener Geschäftsstelle, Sommer. „Es ist schlicht der falsche Kampf, zur falschen Zeit, gegen die falschen Gegner.“
ZF steckt seit Jahren in der Krise – vor allem die Transformation des Antriebsstrangs macht dem einstigen Getriebespezialisten zu schaffen. Durch die Restrukturierungsaufwendungen hat sich der Nettoverlust des Unternehmens im Jahr 2025 mehr als verdoppelt. Er stieg von 1,059 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 2,147 Milliarden Euro. Positiv wirkten sich die Sparprogramme auf das operative Geschäft aus. Der bereinigte operative Gewinn (Ebit) stieg 2025 um 19 Prozent auf 1,748 Milliarden Euro, was bei einem Umsatz von 38,8 Milliarden Euro einer Umsatzrendite von 4,5 Prozent entspricht. Das Unternehmen kommentiert die Klage nicht. „Zu einem so sensiblen Thema können wir uns nicht äußern, zumal es sich um ein laufendes Verfahren vor Gericht handelt“, sagt ein Sprecher des Autozulieferers. Die beiden Zulagen, die ZF in eine Erfolgsprämie umwandeln will, machen für den einzelnen Mitarbeiter zwischen sieben und 13 Prozent des tariflichen Grundgehalts aus.
Vor mehr als zehn Jahren hat schon einmal eine Fraktion im ZF-Betriebsrat Dietrich die Verletzung der Neutralitätspflicht vorgeworfen. 2015 kritisierte die Gruppe „Wir ZF’ler“ den Arbeitnehmervertreter und warf ihm vor, die Vorbereitung des Wahlkampfs für die Betriebsratswahl der IG Metall als „Weiterbildung für den Betriebsrat“ verkauft zu haben, die dann der ZF-Konzern bezahlen musste. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs ein, dass erst nach mehreren Jahren eingestellt wurde, nachdem ein hochrangiger ZF-Personalmanager plötzlich erklärte, die Wahlkampfvorbereitungen als „Teambildung-Maßnahme“ für den Betriebsrat erlaubt zu haben.
