In einem Fernseh-Interview, das Günter Gaus im Jahr 1963 mit Gustaf Gründgens in dessen Haus auf Madeira führt, antwortet der Schauspieler und Intendant auf die Frage, ob ihm seine Stellung als Theaterleiter immer Vergnügen bereitet habe: „Ich muss die Zeit zwischen 1933 und 1945 ausnehmen. Da war ich nicht bewusst Intendant.“ Gründgens berichtet davon, wie er während der Nazi-Diktatur einige hundert Meter entfernt vom Gestapo-Hauptquartier als Intendant des Staatlichen Schauspielhauses Theater gemacht habe, erzählt, wie er auf dem Drahtseil zwischen äußerlicher Anpassung und innerer Abscheu balanciert sei, weist jede Vorstellung eines „Kicks“ durch die Gefahr von sich. Er habe diesen Abschnitt seines Lebens ohne Bewusstsein verbracht, so Gründgens, und fügt exkulpierend hinzu, dass es ihm in seiner Karriere überhaupt an Lebenswillen gefehlt habe: „Ich habe immer zu viel gearbeitet und vergessen zu leben. Jetzt will ich kurz vor Toresschluss noch rasch lernen, wie man lebt.“
Gründgens ist zu diesem Zeitpunkt 63 Jahre alt. Kurz darauf stirbt er an einer Überdosis Schlaftabletten in einem Hotel in der philippinischen Hauptstadt Manila. Ein Selbstmord oder ein Versehen? Eine der bis heute nicht geklärten Fragen, die dieses von Widersprüchen gezeichnete Leben umstellen.
Als Intendant wurde Gustaf Gründgens von Hermann Göring protegiert und war also einerseits eindeutig Profiteur der nationalsozialistischen Herrschaft. Andererseits nutzte er seine Stellung, um jüdische und kommunistische Freunde zu schützen und sie vor dem Konzentrationslager zu bewahren. Gründgens ist eine paradigmatische Kippfigur, eine deutsche Schicksalsgestalt. Dass er das nicht nur war, sondern es auch immer wieder spielte, provoziert bis heute.
Umschwärmter Theatermann
Klaus Mann, sein ehemaliger Freund, Schwager und wahrscheinlich auch Geliebter, hat sich von dieser Provokation schon früh zu einem Schmähtext hinreißen lassen, der Gründgens als diabolischen Opportunisten verdammt. 1936 erschien Manns „Mephisto“-Roman, der die ersten Jahre des Hitler-Regimes und dabei insbesondere seine mentalen Voraussetzungen, den Opportunismus und die Schönfärberei der Menschen, schildert. Das Buch, das ursprünglich den Arbeitstitel „Der Intendant“ trug und rasch verboten wurde, findet im umschwärmten Theatermann Hendrik Höfgen den Paradetypus des niederträchtigen Karrieristen und lässt ihn mit dem Teufel verwandt sein.
In einer der Schlüsselszenen des Buches lässt der „Dicke“, also Göring, den Mephisto-Darsteller in der Pause der „Faust“-Premiere in seine Loge bitten, um ihm die patriotische Deutung seiner Rolle mitzuteilen: „Sie haben mich den Kerl erst so richtig verstehen lassen, mein Lieber“, so der Generalfeldmarschall. „Das ist ja ein toller Bursche! Und haben wir nicht alle was von ihm? Ich meine: Steckt nicht in jedem rechten Deutschen ein Stück Mephistopheles, ein Stück Schalk und Bösewicht? Wenn wir nichts hätten als die faustische Seele – wo kämen wir denn da hin? Das könnte unseren vielen Feinden so passen!“

Ein Satz, eine Szene, die eine andere, kleinere, deutsche Theaterschicksalsgestalt interessiert hat: 90 Jahre nach Erscheinen adaptiert der ergraute Theatermogul der Berliner Republik, Frank Castorf, den Schlüsselroman von Klaus Mann. Er tut das ohne besondere Anstrengung, ohne besonderen Aplomb. Mit leicht angezogener Handbremse, so kommt es einem vor, als ob er erst mal schauen will, was passiert, wenn man so eine Figur heute auf die Bühne stellt. Ohne diese Bühne zum Abbild der Gegenwart zu machen, denn die AfD kommt an diesem sechsstündigen Abend nicht vor. Und auch sonst bleibt Castorf zusammen mit seinem langjährigen Bühnenbildner Aleksander Denic ganz im Stimmungsbereich des Theatermilieus; rote Vorhänge, Schminktische und leuchtende Glühbirnen prägen das Geschehen.
Kein 1933-ist-Jetzt-Gefühl, keine rappelnde Ideologie-Schleudertrommel und auch kein typisches Castorf-Ensemble. Alle neun Schauspieler, die hier an diesem Abend im Berliner Ensemble auftreten, arbeiten zum ersten Mal mit dem ehemaligen Volksbühnen-Clan-Chef zusammen. Das spürt man sofort, ist aber gar nicht schlecht, denn so muss sich das Selbstverständliche aufs Neue erklären, so muss zum Beispiel die notorische Videosequenz hart erarbeitet werden und geht nicht so lümmelnd locker vonstatten, wie man es zuletzt in Castorf-Inszenierungen mitansehen musste.
Unterhaltsam bis anrührend
Die meisten fügen sich schnell und charmant ein in den ausladenden Assemblage-Stil des Regisseurs: Max Gindorff hat als Klaus Mann zu Beginn großartig erotische Auftritte, Constanze Becker brilliert in der Doppelrolle als jüdische Schauspielerin und Göring-Geliebte und mischt souverän ein paar Castorf-Manierismen in ihr ansonsten klar konturiertes Spiel. Genauso wie Sebastian Zimmler, der den Nazi und den Kommunisten auf ähnliche Weise mitreißend spielt. Oder Sascha Nathan, der als Alter Ego von Thomas Mann wunderbar nöligen Kulturpessimismus von sich gibt. Marina Galic gibt Erika Mann, also die zeitweilige Verlobte von Gründgens, mit burschikos eigensinnigem Unterton. Und auch all die anderen, Annabelle Lengronne, Kathleen Morgeneyer und Lili Epply und vor allem der Saxophon-Musiker Roman Ott als pausbäckiger Göring, machen einen unterhaltsam anrührenden Eindruck.

Nur eben der eine passt nicht ganz und passt sich auch nicht so richtig ein: der, der den Höfgen spielt, Jens Harzer, im Grunde der absolute Gegentypus zum Castorf-Schauspieler, sensibel und vorsichtig, mit sich und nicht mit der Welt beschäftigt, einer, der den Parolen Paroli bietet und aus dem Inneren heraus radikal wirkt. Der also gibt hier den Teufelsspieler. Kaugummikauend pest er umher, den Hut auf dem Kopf, die Hand nah am Schritt, es fehlt zum abgekanteten Impresario nur noch der wehende Schal. Er versucht sich im „aasigen Lächeln“, das bei Klaus Mann sein Leitmotiv ist; aber noch mehr hält er sich an andere Beschreibungen von Höfgen: „Im aufgeschwemmten, grau-weißen Gesicht fiel der überanstrengte, empfindliche und leidende Zug auf, der von den hochgezogenen blonden Brauen zu den vertieften Schläfen lief.“
Überanstrengt, leidend, empfindlich – das sind schon eher Harzer-Kategorien. Von hier aus legt er sich seine Rolle an, zwischen Snob und Schausteller changierend, sich in riskante Gesellschaft begebend, sei es eine Sadomaso-Domina, sei es ein Reichsminister, aber im Grunde immer doch auf einen Ausweg hoffend. Manchmal flüstert er einen Satz, der auch im Gaus-Interview fällt: „Ich weiß es nicht.“ Und dann muss er schnell wieder in die Maske.
Harzer versucht sein Möglichstes, um dem Stil dieses Regisseurs zu entsprechen; er geht dafür auch an seine Grenzen, aber zum Glück nicht darüber hinaus. Im ersten Teil des Abends hat man das Gefühl, hier würden sich zwei konträre Theaterenergien gegenseitig neutralisieren, als würde dadurch eine dramaturgische Patt-Situation erzeugt. Nach der Pause wird es dann ein wenig beschwingter, gibt es komödiantische Szenen zwischen Harzer und Galic und auch einige bewegende Arbeiterlieder. Aber im Großen und Ganzen, um das es diesem Regisseur ja immer geht, bleibt der Abend doch hinter seinen Erwartungen zurück. Die Fragen, die man an diese deutsche Schicksalsfigur hat, bleiben unbeantwortet. Und so kehrt man noch in der tiefen Nacht zurück nach Madeira, zum Gaus-Gespräch mit Gründgens, und schaut noch lang in dieses vom Schicksal überschminkte Gesicht.
