Es kommt nicht alle Tage vor, dass Bundestagsabgeordnete aus dem Urlaub zurückgerufen werden. Auch nicht, dass sie sich dann zur Fraktionssitzung im ehrwürdigen Plenarsaal des Reichstagsgebäudes treffen. Diese Woche war es aber so. Die Abgeordneten von CDU und CSU mussten ihre Ferien für einen Tag Berlin unterbrechen, um einen neuen Fraktionschef zu wählen. Da, wo sie sich sonst treffen, ist aber Baustelle. Also ab ins Ausweichquartier.
Ausnahmezustand herrschte sowieso. Der bisherige Fraktionschef Jens Spahn war zurückgetreten, und der Kanzler stolperte sich durch seinen Kabinettsumbau, dass selbst die SPD vor Sorge verstummte.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Immerhin, das Schlimmste scheint erst mal überstanden, als die Abgeordneten an diesem Mittwochmittag im Reichstag eintrudeln. Ein paar Stunden zuvor war Merz beim Bundespräsidenten. Der ernannte die neuen Minister und entließ ihre Vorgänger. Nun steht noch die Wahl von Spahns Nachfolger als Fraktionschef an. Würde er ein gutes Ergebnis bekommen? Angespannte Gesichter bei manchen CDU-Leuten, als sie ins Parlament eilen. Entspannte Gesichter dafür in der Cafeteria nur wenige Meter vom Plenarsaal weg. Es ist kurz nach ein Uhr mittags, noch eine knappe Stunde bis Sitzungsbeginn. Zeit für ein warmes Essen.

Es ist „Vegetarischer Mittwoch“
Laut Speiseplan ist „Vegetarischer Mittwoch“, es gibt ein Curry mit Süßkartoffeln und gebackenem Blumenkohl mit Tahini-Sauce zur Auswahl. Außerdem das, was es immer gibt, sogar in den Ferien: Obst, süße Snacks, eine kleine Dessert- und Kuchenauswahl. Und Kaffee aus den berühmten Marienkäfertassen. Käfer, weil so die Betreiberfirma der Cafeteria heißt. Kaffee, weil den hier eigentlich jeder immer brauchen kann.
Es ist wenig los. Ein paar Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung, die über ihre Ferienpläne sprechen. Ein paar Journalisten, die sich stärken, bevor sie gleich über die Sitzung berichten. Und Abgeordnete?
Tatsächlich, da kommen ein paar. Darunter sogar eine der Protagonistinnen des Tages, Nina Warken, heute Morgen noch Gesundheitsministerin, jetzt schon Kanzleramtschefin. Ein seltsamer Moment: Während auf dem Fernseher über der Theke noch Nachrichten laufen, sie neben Steinmeier, sie neben Merz, Bilder vom Vormittag, strebt sie, noch im selben Outfit, mit ihrem Tablett zum verstecktesten Tisch, im Schatten der Geschirrrückgabe.
Da isst sie mit Kollegen, ein munteres Gespräch ist im Gange. Manchmal treten Abgeordnete dazu, gratulieren ihr, gehen wieder. Drum herum Normalbetrieb. Dass Minister hier schnell was essen, ist schließlich auch Normalbetrieb. Kurz vor zwei leert sich die Cafeteria. Für die CDU-Abgeordneten beginnt jetzt harte Arbeit. Eine Stunde später haben sie den neuen Fraktionschef gewählt. Nun kann auch der Kanzler mal kurz in die Ferien.
