Wer fast 27 Jahre im Deutschen Bundestag verbracht hat, taugt nur bedingt als neutraler Gutachter des eigenen Systems. Man ist schnell verdächtig: zu parteiisch, zu betriebsblind, zu sehr Teil jener politischen Klasse, deren Handeln und Selbstinszenierung im Zentrum der Kritik stehen. Ich nehme diesen Verdacht ernst – und schreibe dennoch. Denn wenn es einen Ort gibt, an dem sich die Risse des parlamentarischen Systems besonders deutlich zeigen, dann ist es der Maschinenraum, nicht die Besuchertribüne.
Fast drei Jahrzehnte lang habe ich im Parlament mitgestritten, mitgestaltet, mitverantwortet, habe Koalitionen kommen und gehen, Kanzlerinnen und Kanzler aufsteigen und scheitern, Krisen ganze Legislaturperioden dominieren sehen. Es gab Tage, an denen ich stolz auf dieses Haus war – und andere, an denen ich es vor mir selbst entschuldigen wollte.
Ich war Teil von Entscheidungen, die ich für notwendig und richtig halte, und von Kompromissen, die sich rückblickend als zu vorsichtig oder zu spät herausstellen. Wenn ich im Folgenden von einer Krise des Parlamentarismus spreche, dann nicht als empörter Beobachter am Spielfeldrand, sondern als jemand, der lange mitgespielt hat und nun versucht, das Spiel ehrlich zu beschreiben – inklusive eigener Fehlpässe.
Aus dem politischen Alltag
Meine Erfahrungen ersetzen keine systematische Studie. Aber sie sind Material: Beobachtungen aus einem politischen Alltag, der sich von innen anders anfühlt, als er von außen aussieht.
Der deutsche Parlamentarismus leidet weniger an einem Mangel an Verfahren und Beteiligungsformaten als an einer Verbindung aus Vertrauens‑, Repräsentations‑, Vermittlungs‑ und Geschwindigkeitskrise. Er ist in Teilen zu langsam, zu risikoavers, zu sehr auf Vorsorge fixiert – in einer Zeit, in der technologischer Wandel und geopolitische Umbrüche Entscheidungen unter Unsicherheit erzwingen.

Gerade deshalb plädiere ich für einen stärker risikobewussten Parlamentarismus, der schneller entscheidet, Fehlbarkeit institutionell einkalkuliert und Korrekturen systematisch ermöglicht. Das ist kein Ruf nach autoritärer Effizienz und keine Geringschätzung demokratischer Vorsicht. Es ist die Frage, ob eine liberale Demokratie lernen kann, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben, ohne Verantwortung zu entsorgen; ob sie sich weniger an der Illusion der Fehlerfreiheit orientiert und stärker an der Fähigkeit, Irrtümer zu erkennen, einzugestehen und zu korrigieren.
„Krise“ ist ein inflationär gebrauchter Begriff. Umso wichtiger ist es, genauer zu sagen, worin die Krise des Parlamentarismus besteht. Ich unterscheide drei Ebenen: eine Vertrauenskrise, eine Repräsentationskrise und eine Vermittlungskrise. Von einem unmittelbar bevorstehenden Systemzusammenbruch kann in Deutschland nun wirklich keine Rede sein. Der Bundestag tagt, beschließt Gesetze, stützt Regierungen und kontrolliert die Exekutive wenigstens in Grenzen. Aber die bloße Funktionsfähigkeit einer Institution sagt noch nichts darüber, wie sie draußen ankommt – und ob sie in einer verdichteten Krisenlandschaft noch angemessen reagiert.
Vertrauen, Repräsentation, Vermittlung
Die Vertrauenskrise zeigt sich in einem Satz, den ich seit Jahren in Bürgersprechstunden, auf Marktplätzen und bei Veranstaltungen höre: Die da oben reden nur, es passiert ja doch nichts. Die Repräsentationskrise liegt in der wachsenden Distanz zwischen politischem Personal und gesellschaftlicher Vielfalt, in dem Gefühl vieler Bürgerinnen und Bürger, ihre Lebensrealität spiele in den Debatten keine erkennbare Rolle. Und die Vermittlungskrise zeigt sich darin, dass der Parlamentarismus komplexe Konflikte immer schwerer so bearbeiten und erklären kann, dass sie außerhalb des politischen Betriebs noch nachvollziehbar bleiben. Zugleich gerät er von zwei Seiten unter Druck: von einer Exekutive, die in Krisen naturgemäß an Gewicht gewinnt, und von populistischen Kräften, die Parlamente als Quasselbuden diffamieren und den Gegensatz zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“ immer neu verschärfen.
Der Bundestag ist damit im Vergleich mit anderen Parlamenten liberaler Demokratien kein Sonderfall, sondern exemplarisch: institutionell stark, historisch erfolgreich – und gerade deshalb ein gutes Labor, um zu beobachten, wie ein reifer Parlamentarismus massiv unter Druck gerät. Wer hier nur von Kommunikationsproblemen spricht, unterschätzt die Tiefe der Bewährungsprobe. Wer den Untergang beschwört, verkennt die Ressourcen dieses Systems. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, beides zugleich ernst zu nehmen: reale Krisendynamiken und das Potential innerer Reform.
Innensicht: Krise. Außensicht: Selbstreferenziell
Ein wachsender Teil der Bevölkerung traut dem Parlament nicht mehr zu, die großen Probleme der Zeit zu lösen. Diese Wahrnehmung trifft auf ein Entscheidungsgefüge, das aus der Innensicht längst im permanenten Krisenmodus arbeitet, aus der Außensicht aber oft langsam, zögerlich und selbstreferenziell wirkt.
Die Erfahrung beschleunigter Krisen – Klimawandel, Krieg in Europa, Inflation, Migration, Digitalisierung, demographischer Wandel – kollidiert mit einem Politikbetrieb, der im Takt von Ausschuss‑ und Fraktionssitzungen, Koalitionsrunden und Koordinierungsgremien läuft. Daraus entsteht eine paradoxe Wahrnehmung: Politik erscheint vielen zugleich als überfordert und übergriffig. Überfordert, weil sie oft nur noch reaktiv wirkt; übergriffig, weil sie – sobald sie handelt – tief in Lebensbereiche eingreift, von der Eindämmung einer globalen Pandemie bis zu Energie‑ und Mobilitätsfragen.
Populisten und Demagogen haben früh begriffen, dass Parlamente die verwundbarste Stelle repräsentativer Demokratien sind. Regierungen wechseln, Ministerinnen und Minister kommen und gehen. Das Parlament aber verkörpert das institutionalisierte Establishment, das man als Kaste, System oder Regime verunglimpfen kann. Wer das Parlament zur Quasselbude erklärt, greift deshalb nicht nur einzelne Abgeordnete an, sondern die Idee repräsentativer Vermittlung selbst – und damit auch die Legitimität von Kompromissen.
Parlamentsrede als Rohmaterial für den nächsten Clip
Ich habe im Plenum erlebt, wie sich mit dem Einzug der AfD der Ton schleichend verschoben hat: vom harten, aber kollegialen Streit hin zur kalkulierten Provokation mit dem Ziel maximaler Resonanz in sozialen Medien. Die klassische Parlamentsrede, adressiert an das ganze Haus und eine interessierte Öffentlichkeit, wird zunehmend zum Rohmaterial für virale Clips. Das Mikrofon im Bundestag ist heute nicht nur Instrument der Auseinandersetzung, sondern Requisite einer politischen Castingshow.
Als ich in den Bundestag kam, war relativ klar, wo die politische Hauptarena lag: im Plenum, in Ausschüssen, ergänzt durch klassische Medien. Fehler hatten Folgen, aber oft mit Verzögerung; sie konnten erklärt, korrigiert, manchmal auch ausgesessen werden. Heute ist diese Arena verflüssigt. Ein Satz ist kaum ausgesprochen, da läuft er schon in geschnittenen, aus dem Zusammenhang gerissenen Sequenzen durch digitale Netzwerke. Die Reaktion folgt in Minuten, nicht in Tagen.
Ich habe diese Dynamik selbst erlebt. Nachdem Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten das Dani‑Karavan‑Kunstwerk in Berlin, das den Grund‑ und Freiheitsrechten gewidmet ist, mit Farbe attackiert hatten, habe ich mich in den sozialen Medien klar dagegengestellt. Binnen Stunden wurde mir in der anschließenden Empörungswelle unterstellt, ich hätte Klimaaktivisten mit den Taliban gleichgesetzt. Das hatte ich nicht getan. Aber es passte in das Bild, das viele sehen wollten.
Solche Episoden sind mehr als persönliche Ärgernisse. Sie zeigen, wie fragil Diskursräume geworden sind und wie sehr parlamentarische Kommunikation heute in eine Logik permanenter Skandalisierung eingebettet ist.
Erregung frisst Mehrdeutigkeit
Die Erregungsökonomie hat eine gefährliche Nebenwirkung: Sie frisst Ambiguität. In Debatten, in denen es eigentlich um tragische Abwägungen geht, setzt sich rasch ein Freund‑Feind‑Schema durch.
Die Auseinandersetzungen über Waffenlieferungen an die Ukraine waren dafür ein Lehrstück. Wer dafür eintrat, wurde von nicht wenigen als Kriegstreiber gebrandmarkt; wer zögerte, galt anderen als naiv oder verantwortungslos. Der Raum für differenzierte Begründungen schrumpfte.
Parlamentarismus lebt aber davon, Ambivalenzen sichtbar zu machen und auszuhalten. Er ist das institutionalisierte Eingeständnis, dass politische Entscheidungen selten eindeutig richtig oder falsch sind, sondern meist in Grauzonen konkurrierender Güter, knapper Ressourcen und widersprüchlicher Interessen getroffen werden.
Der Umfang des Bundestags
Zu den Strukturproblemen des Bundestages gehört die permanente Kontroverse um seine Größe. Auf den ersten Blick wirkt die Debatte technokratisch: Überhang‑ und Ausgleichsmandate, Sitzzahlen, Verrechnungsformeln. Tatsächlich berührt sie eine Grundfrage: Wie viel Parlament wollen wir – und wofür?
Über Jahre ist der Bundestag gewachsen, ohne dass automatisch mehr politische Substanz sichtbar geworden wäre. Die Wahlrechtsreform der Ampelkoalition kam viel zu spät und in einem Klima wechselseitiger Unterstellungen. Die größte Oppositionsfraktion CDU/CSU zeigte sich empört über den gefundenen Kompromiss. Zurück blieb bei vielen der Eindruck: Hier schützt sich ein System vor sich selbst.
Größe allein wäre kein Problem, wenn Struktur und Arbeitsweise mitgewachsen wären. Stattdessen haben wir ein Parlament, das zugleich überkomplex und unterklar ist: eine kaum noch durchschaubare Gremienlandschaft, Regeln, die Insider kennen und Außenstehende irritieren, Fraktions‑ und Koalitionslogiken, die sich schwer vermitteln lassen. Von außen sieht man nicht repräsentative Vielfalt, sondern vor allem Kompliziertheit. Das ist nicht nur ein Wahrnehmungsproblem, sondern ein praktisches: In einem System, dessen innere Mechanik selbst den Beteiligten Mühe macht, wird es schwer, Verantwortung klar zuzuordnen.
Mindestens ebenso wichtig ist aber ein Punkt, der in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen ist: das Verhältnis von direkt gewählten Wahlkreisabgeordneten und Listenabgeordneten. De facto hat sich das Gewicht zugunsten der Listenmandate klar verschoben. Das hängt mit dem legitimen Ziel zusammen, die Gesamtzahl der Sitze zu begrenzen.
Aber die Nebenfolge ist gravierend: Die Rolle der Wahlkreisabgeordneten wird geschwächt – in einem System, das sich doch gern auf die Nähe „vor Ort“ beruft. Damit wächst die Schwerkraft innerparteilicher Strukturen. Wer über die Liste ins Parlament will, muss sich zuerst und vor allem in Gremien, Parteitagen und internen Machtachsen durchsetzen. Das ist nicht illegitim. Aber es verstärkt eine Binnenorientierung, die wir uns gerade jetzt immer weniger leisten können.
Direktmandate und Listenmandate neu justieren
Ich halte es deshalb für notwendig, das Gleichgewicht zwischen Direkt‑ und Listenmandaten neu zu justieren. Natürlich ist mir bewusst, dass kleinere Parlamente größere Wahlkreise bedeuten können. Aber das ändert nichts am Kern des Problems: Ein Parlament braucht das produktive Spannungsverhältnis zwischen Abgeordneten, die unmittelbar im Wahlkreis verankert sind, und jenen, die über Listen ins Haus kommen. In den Wahlkreisen direkt gewählte Abgeordnete sind nicht die besseren Volksvertreterinnen und Volksvertreter. Aber meine politische Unabhängigkeit beruhte immer auch auf der Gewissheit, vor allem vom Vertrauen der Menschen in meinem Wahlkreis getragen zu werden und weniger vom Gutdünken parteiinterner Delegiertenlogik.
Hinzu kommt ein Rekrutierungsproblem. Wir holen weiterhin überproportional Menschen ins Parlament, die im politischen Betrieb sozialisiert wurden – und zu wenige, die andere berufliche und soziale Erfahrungswelten mit eigenem Selbstbewusstsein einbringen. Formell sind Abgeordnete nur ihrem Gewissen verpflichtet. Praktisch ist Fraktionsdisziplin eine harte Währung. Das ist nicht per se illegitim; Regieren braucht Verlässlichkeit. Aber wenn jede begründete Abweichung als Illoyalität gilt, verengt sich der innere Pluralismus. Dann wird das Parlament zur verlängerten Regierungsbank statt zu ihrem konstruktiven Gegengewicht.
Was die Ampel-Jahre lehren
Die letzten Jahre der Ampelkoalition bieten dafür ein lehrreiches Beispiel. Diese Koalition ist nicht nur an der Schwere der Probleme gescheitert, sondern auch an ihrer eigenen Art, Politik zu organisieren und zu kommunizieren. Öffentlich ausgetragene Dauerstreitereien, nächtliche Krisenrunden mit kurzer Halbwertszeit, Demütigungen per Interview – all das verstärkte den Eindruck eines zerrissenen Establishments.
Besonders fatal war die rhetorische Selbstinszenierung: Jede beteiligte Partei reklamierte für sich, die eigentliche Mitte und Stimme der Vernunft zu sein, während sie sich zugleich demonstrativ vom eigenen Bündnis distanzierte. So wirkt die Mitte schwach, und ihre Gegner wirken konsequent. Eine Koalitionsdemokratie, in der die Akteure vier Jahre lang so tun, als führten sie einen Dauerwahlkampf gegeneinander, beschädigt die Wahrnehmung der Mitte als problemlösungsfähig.
Tragischerweise hat die von Bundeskanzler Friedrich Merz geführte Koalition aus Union und SPD nichts aus dem Scheitern ihrer Vorgängerin gelernt. Dass es noch schlimmer zu kommen vermag, hätten auch die pessimistischsten Beobachter kaum für möglich gehalten. Aber aus Sicht einer eindeutigen Mehrheit der Bevölkerung ist diese Regierung nach gut einem Jahr Verantwortung „unten durch“.
Über Jahre haben wir uns daran gewöhnt, dass die großen Linien der Politik im Kanzleramt, in Koalitionsrunden oder informellen Exekutivzirkeln vorgezeichnet und im Parlament nur noch abgearbeitet werden. Der Bundestag fungiert dann allzu oft als gut organisiertes Vollzugsorgan – mit gelegentlichen Protestgesten, aber ohne starke eigene Agenda. Das ist bequem für Regierungen und Mehrheitsfraktionen, aber gefährlich für die Balance der Gewalten. Ein Parlament, das seine Agenda weitgehend aus der Exekutive bezieht, verliert nicht nur an Selbstachtung, sondern auch an Attraktivität für jene, die Politik als Gestaltung und nicht primär als Karriere begreifen.
Selbstgespräche
In vielen Debatten des Bundestages hatte ich zudem den Eindruck, dass wir vor allem mit uns selbst sprechen. Reden richten sich dann weniger an Bürgerinnen und Bürger als an die eigenen Reihen, an Koalitionspartner oder innerparteiliche Lager. Man hört es an den Formulierungen, an Insidercodes, an Anspielungen, die außerhalb des Hauses kaum jemand versteht.
Der Bundestag spricht in diesem Modus nicht mit dem Land, sondern mit und über sich. Das ist nicht bloß ein Stilproblem, sondern eine Machtfrage. Wer seine Politik nicht erklären kann, verliert das Mandat, sie zu gestalten. Es geht nicht darum, komplexe Sachverhalte auf drei Slogans einzudampfen. Es geht darum, Konflikte offenzulegen: Welche Optionen liegen auf dem Tisch? Welche Kosten und Risiken sind mit ihnen verbunden? Wo beginnt Unsicherheit?
Die Antwort auf diese Krise kann nicht darin bestehen, das Parlament in eine noch bessere Show zu verwandeln. Schlechteres Theater schafft keine bessere Politik.
Es geht vielmehr darum, parlamentarische Arbeit dort sichtbar zu machen, wo sie tatsächlich stattfindet: in Ausschüssen, Anhörungen, Berichterstattergesprächen, in mühsamer Verständigung. Das Parlament könnte mehr sein als Bühne für fertige Positionen – nämlich ein Ort, an dem Suchbewegungen, Zweifel und Kurskorrekturen sichtbar werden. Das klingt unspektakulär, wäre aber ein Kulturbruch in einer politischen Öffentlichkeit, die Eindeutigkeit belohnt und öffentliches Nachdenken eher sanktioniert.
Verständlichkeit ist dabei kein dekorativer Zusatz, sondern ein Teil demokratischer Macht. Wer einschneidende Entscheidungen trifft, muss sie so erklären, dass Menschen außerhalb des politischen Betriebs die Konfliktlage erkennen können. Das heißt nicht, Komplexität zu leugnen. Es heißt, sie nicht hinter technokratischer Sprache zu verstecken.
Konflikte öffentlich verhandeln
Damit bin ich beim Kern meines Plädoyers. Parlamente sind – in ihrer besseren Form – Orte institutionalisierter Ambiguität. Sie existieren, weil gesellschaftliche Konflikte nicht verschwinden, sondern öffentlich verhandelt und in Entscheidungen übersetzt werden müssen.
Diese Entscheidungen fallen selten unter Bedingungen voller Klarheit. In Deutschland ist das Vorsorgeprinzip tief verankert, besonders im Umwelt‑ und Gesundheitsrecht. Dort ist das richtig und wichtig. Übertragen auf Politik insgesamt hat sich aber eine übersteigerte Vorsorgelogik eingeschlichen: der Anspruch, Risiken möglichst auszuschließen, bevor entschieden wird.
In einer Welt beschleunigten technologischen und geopolitischen Wandels stößt das an Grenzen. Entscheidungen über digitale Infrastruktur, Künstliche Intelligenz, Energie‑ oder Sicherheitspolitik müssen unter Bedingungen getroffen werden, in denen zentrale Nebenfolgen noch gar nicht vollständig bekannt sind. Wer in solchen Lagen so lange warten will, bis kaum noch ein Risiko bleibt, entscheidet oft gar nicht mehr – oder so spät, dass andere längst Fakten geschaffen haben: autoritäre Regime, globale Konzerne, technische Pfadabhängigkeiten.
Nachsorge als Ergänzung
Ich plädiere deshalb nicht für die Abschaffung des Vorsorgeprinzips, sondern für seine Ergänzung um eine politische Nachsorge‑Logik. Ein reifer Parlamentarismus akzeptiert, dass Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden und dass Verantwortung auch darin besteht, Irrtümer institutionell zu erkennen und zu korrigieren. Kurz: weniger Fixierung auf Fehlervermeidung, mehr Konzentration auf Korrekturfähigkeit.
Das ist auch der Punkt, an dem Demokratien ihren eigentlichen Vorteil gegenüber autoritären Systemen haben könnten. Autokratien wirken oft schneller, weil sie ohne offenen Streit entscheiden. Aber sie sind meist schlechter darin, Irrtümer sichtbar zu machen und Kurswechsel einzugestehen. Demokratien können das prinzipiell besser – wenn sie den Mut haben, diesen Lernvorteil bewusst zu kultivieren.
Dafür braucht es eine andere politische Kultur. Eine Kultur, in der Positionsänderungen möglich sind, ohne sofort als Verrat zu gelten; in der Fraktionen begründete Abweichungen in begrenztem Rahmen zulassen; in der Untersuchungsausschüsse nicht nur parteipolitische Tribunale sind; und in der nicht jeder politische Fehler augenblicklich zum moralischen Weltgericht wird. Wir können nicht gleichzeitig verlangen, dass Parlamente schneller, mutiger und risikobewusster handeln – und jeden Irrtum sofort zur Systemfrage erklären. Beides zusammen funktioniert nicht.
Gerade in Deutschland ist diese Spannung ausgeprägt. Wir wünschen uns oft eine Politik, die jede Nebenfolge vorausberechnet, jede Unsicherheit ausräumt und jede Entscheidung moralisch unangreifbar macht. Aber eine Demokratie, die sich selbst nur noch unter der Bedingung vermeintlicher Fehlerfreiheit legitimieren kann, wird entweder gelähmt oder zynisch: gelähmt, wenn sie aus Angst vor Empörung nicht entscheidet; zynisch, wenn sie entscheidet und anschließend so tut, als sei alles alternativlos und von vornherein eindeutig gewesen.
Krisengesetze befristen
Institutionell heißt das vor allem: weniger Überversicherung, mehr Korrekturfähigkeit. Krisengesetze könnten häufiger befristet werden. Für zentrale Gesetze sollten Evaluationen und Berichtspflichten von Anfang an mitgedacht werden. Parlamente sollten riskante Entscheidungen nicht länger bequem der Exekutive zuschieben, um sich später von ihr distanzieren zu können. Und sie sollten den Abgeordneten in bestimmten Fragen mehr Beinfreiheit zugestehen, statt jede Abweichung zur Existenzfrage zu machen.
Ein Parlament, das solche Instrumente ernst nimmt, sendet ein anderes Signal: Wir wissen, dass wir irren können – und schaffen Vorkehrungen, um Irrtümer zu erkennen und zu korrigieren. Das ist Ausdruck institutioneller Stärke, nicht von Schwäche.
Dazu gehört auch, Verfahren differenzierter zu denken: ein gründliches Normalverfahren für grundlegende Weichenstellungen, beschleunigte Verfahren für klar umrissene zeitkritische Materien und vereinfachte Wege für technische Anpassungen. Schnelligkeit darf deliberative Qualität nicht ersetzen, wohl aber zeitlich anders organisieren. Mehr Nachsorge statt der Illusion perfekter Vorsorge – darauf liefe ein moderner Parlamentarismus hinaus.
Was auf dem Spiel steht
Parlamentarismus ist kein Naturgesetz. Es gibt keine Garantie, dass Parlamente in zwanzig Jahren noch die zentrale Bühne demokratischer Entscheidung sein werden. Man kann sich ohne Weiteres eine Zukunft vorstellen, in der Exekutiven, Gerichte, Algorithmen und Märkte den Raum der Politik endgültig beherrschen – und Parlamente zur Kulisse schrumpfen, die demokratische Normalität simuliert, während anderswo entschieden wird.
Auf dem Spiel steht deshalb mehr als die Frage nach Sitzzahlen oder Redezeiten. Es geht darum, ob wir Orte bewahren, an denen Konflikte öffentlich, transparent und friedlich ausgetragen werden können; Orte, an denen Kompromisse nicht als Verrat gelten, sondern als Kunst, widerstreitende Interessen zu balancieren; Orte, an denen Politik nicht Wünsche erfüllt, sondern Zumutungen begründet.
Ich schreibe das als jemand, der lange Teil dieses Systems war und weiß, wie verführerisch es ist, sich in Routinen einzurichten und Angriffe nur noch abzuwehren. Aber wenn Parlamente mehr sein sollen als Kulissen, müssen sie den Mut haben, sich selbst zu verändern: schneller zu werden, ohne flach zu werden; risikobewusster zu handeln, ohne verantwortungslos zu werden; offener zu werden, ohne beliebig zu sein.
Das eigentliche Versprechen des Parlamentarismus liegt nämlich darin, Bürgerinnen und Bürger nicht als Kunden zu behandeln, die ein fertiges Produkt erwarten, sondern als Mitverantwortliche in einem politischen Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist. Das ist keine bequeme Aussicht. Aber es ist ein Versprechen, das sich zu erneuern lohnt.
