
Das „neue Kapitel“, das der seit April 2025 an der Vorstandsspitze von KNDS stehende Jean-Paul Alary schnellstmöglich aufschlagen wollte, nimmt Konturen an. Nach monatelangem Ringen hat sich die Bundesregierung am Mittwoch darauf verständigt, in großem Stil Kapitalanteile an dem deutsch-französischen Rüstungskonzern zu erwerben – um genauso viel Einfluss nehmen zu können wie die Regierung in Paris. Geplant ist, dass der deutsche und der französische Staat künftig je 40 Prozent der Kapitalanteile halten. Die übrigen 20 Prozent sollen bei einem Börsengang an andere Anteilseigner gehen. Die Vorbereitungen dafür sind weit gediehen, schon im Juni könnte er erfolgen.
Für KNDS endet damit eine Hängepartie. Monatelang ließ die Bundesregierung den Hersteller von Leopard-Kampfpanzern, Boxer-Transportpanzern, Haubitzen und anderem Wehrgerät über ihre Zielsetzungen im Unklaren. Zwar hatte sie schon im vergangenen Herbst deutlich gemacht, einen substanziellen Kapitalanteil erwerben zu wollen. Doch zwischen Bundeskanzleramt, Wirtschaftsministerium und Verteidigungsministerium war man bis zuletzt uneins über die genaue Höhe. Die Spanne reichte von 25 bis 40 Prozent. Dabei spielen auch die Kosten eine Rolle: Kanzleramt und Wirtschaftsministerium war wichtig, dass der Bund nicht mehr Geld ausgibt als unbedingt nötig. Der Unternehmenswert von KNDS wird auf bis zu 20 Milliarden Euro geschätzt.
„KNDS hat für die Sicherheitsinteressen Deutschlands große Bedeutung“, sagte am Donnerstag eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU): „Zum Schutz der verteidigungsindustriellen Schlüsseltechnologien“ prüfe die Bundesregierung daher einen möglichen Einstieg. Derzeit liefen hierzu Gespräche mit den Inhabern des Unternehmens. KNDS mit Sitz in Amsterdam ist 2015 aus der Fusion des Münchner Familienunternehmens Krauss-Maffei Wegmann und des französischen Staatsbetriebs Nexter enstanden. Seither halten die deutsche Wegmann-Familienholding und der französische Staat jeweils 50 Prozent der Kapitalanteile. Während die Regierung in Paris Großaktionär bleiben will, hat die Familie ihren vollständigen Rückzug angekündigt. Seit dem Tod ihres inoffiziellen Oberhaupts Manfred Bode steht sie nicht mehr so geeint hinter dem Panzergeschäft. Zudem gilt der Rüstungsboom – vor allem der Leopard 2 aus deutscher Fertigung ist gefragt – als lukrativer Zeitpunkt zum Ausstieg.
Nicht unumstritten
Sofern nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, reduziert Paris also im Zuge des Börsengangs seinen Anteil von 50 auf 40 Prozent. Zugleich übernimmt der Bund den Großteil der Wegmann-Anteile und wahrt so den deutschen Einfluss auf KNDS. Eine Zäsur wäre ein solcher Staatseinstieg im Rüstungssektor nicht. 2021 hat der Bund zum Beispiel 25,1 Prozent der Kapitalanteile am Sensorspezialisten Hensoldt übernommen, eine Abspaltung des Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus. An diesem wiederum halten der deutsche und der französische Staat jeweils 10,8 Prozent. Schon der Koalitionsvertrag lege fest, dass eine staatliche Beteiligung an der Sicherheits- und Wehrindustrie von strategischer Bedeutung sein könne, um die Verteidigungsinteressen Deutschlands zu gewährleisten, sagte die Sprecherin weiter. Dem Vernehmen nach hat die SPD in der Regierung auf eine möglichst hohe Beteiligung gedrungen.
Unumstritten bleibt der Staatseinstieg nicht. Die Union ließ sich darauf nur unter der Bedingung ein, die 40 Prozent in zwei, drei Jahren auf 30 Prozent zu verringern. Von den Franzosen erwarte man dies ebenfalls. Falls sie diesen Weg jedoch nicht gingen, sei vereinbart, dass beide Seiten dann trotz unterschiedlicher Beteiligungshöhen die gleichen Einflussrechte auf KNDS hätten.
Aus Konzernsicht sollten diese gleichwohl so gering wie möglich sein. So teilte der KNDS-Verwaltungsratspräsident Tom Enders am Donnerstag mit, die Entscheidung der Bundesregierung „zunächst einmal“ zu begrüßen. Doch er fügt hinzu: „KNDS mit 80 Prozent staatlichen Aktionären nach dem Börsengang kann natürlich nur der Anfang sein.“ Ziel müsse sein, mit der Zeit „die Staatsanteile deutlich abzuschmelzen“.
Enders betonte, dass es dafür „viele Vorbilder“ in Europa gebe. Namen nannte er zwar nicht. Doch im KNDS-Umfeld gilt schon lange der später in Airbus umgetaufte EADS-Konzern als Vorbild, den Enders jahrelang als Vorstandsvorsitzender führte. Dort hielten Deutschland, Frankreich und Spanien bis 2012 auch direkt und indirekt rund die Hälfte der Kapitalanteile, ehe sie ihre Anteile reduzierten. Auf diese Weise gewährten sie dem Konzern mehr privatwirtschaftliche Autonomie. Das stellte aus Sicht vieler Beobachter die Weichen für den von Enders verantworteten Aufstieg zum Weltmarktführer im Zivilflugzeuggeschäft.
Nationale Lösungen
„Rüstungsunternehmen brauchen grundsätzlich keine staatlichen Mehrheitsaktionäre, nationale Sicherheitsinteressen sollten in erster Linie über Aufträge und spezifische Sicherheitsvereinbarungen gewährleistet werden“, stellte der Verwaltungsratspräsident nun klar. Entscheidend in den anstehenden Verhandlungen werde zudem sein, sagte Enders, dass KNDS nun auch „eine börsentaugliche Governance und Regeln“ erhalte. Diese ermöglichten „die Agilität des Unternehmens sowie seine Wettbewerbsfähigkeit, technologische und finanzielle Exzellenz und weitere europäische Konsolidierung“.
Enders ist im vergangenen November zu KNDS gekommen. Im Gespann mit dem französischen Vorstandsvorsitzenden Alary soll seine Aufgabe nicht zuletzt darin bestehen, Brücken zwischen den Konzerneinheiten in beiden Ländern zu bauen. Dabei begegnen ihm ähnliche Herausforderungen wie seinerzeit bei EADS. Wie dort braucht die Integration deutscher und französischer Einheiten auch bei KNDS viel Zeit. In den vergangenen zehn Jahren existierten diese fast völlig getrennt voneinander. Gemeinsame Produkte zwischen KNDS Deutschland und KNDS Frankreich lassen auf sich warten.
Dabei war die Fusion zum „Airbus der Panzer“ seinerzeit mit dem Ziel erfolgt, die industriellen Kräfte beider Länder zu bündeln – und mit MGCS ein deutsch-französisches Kampfpanzersystem der Zukunft zu entwickeln, analog zum Luftkampfsystem FCAS. „Je europäischer wir uns organisieren, desto mehr können wir standardisieren und für gleiche Plattformen sorgen“, hatte Alarys Vorgänger, der langjährige Krauss-Maffei-Manager Frank Haun, einmal der F.A.Z. gesagt. Die Konsolidierung ermögliche Standardisierung und diese eine Interoperabilität von Waffensystemen. Dies führe wiederum zu mehr Kampfkraft und damit auch zu mehr Abschreckung.
Mit dem Börsengang und der neuen Eigentümerstruktur soll es nun erstmals eine gemeinsame Strategie und auch gemeinsame Produkte geben, etwa bei Roboterfahrzeugen. Ein Hemmschuh der Konsolidierung bleiben jedoch die kaum harmonisierten Anforderungen der Streitkräfte. Ob das seit Jahren diskutierte MGCS tatsächlich das Licht der Welt erblickt, ist ungewiss. Zumindest für die mittlere Frist zeichnet sich ab, dass Deutschland und Frankreich für Kampfpanzer weiter auf nationale Lösungen als Nachfolge ihrer Modelle Leopard 2 und Leclerc setzen. Bausteine dieser Panzer könnten jedoch für MGCS verwendet werden, betont man bei KNDS und in französischen Verteidigungskreisen.
