Nur sehr langsam kommt die private Initiative voran, die den vor der Insel Poel in der Wismarer Bucht gestrandeten Buckelwal retten will. Zwar kündigte deren Initiator, der Mediamarkt-Gründer Walter Gunz, gegenüber der „Bild“-Zeitung an, dass es am Sonntag losgehen sollte mit der Aktion, den Wal in die richtige Richtung zu bewegen. Doch zunächst geschah wenig. Ein Bagger begann, den Weg freizuschaufeln, auf dem der Wal ins offene Meer transportiert werden sollte; mehrere Taucher waren im Wasser und richteten offenbar die Plane und das Netz im Wasser aus, die dort schon am Vortag aufgebaut worden waren.
Die Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert, die die Initiative offenbar anleitet, hatte am Samstag die Schuld für das nur langsame Vorankommen der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern gegeben. Es sei alles sehr schwierig, sagte Bahr-van Gemmert, weil jeder Schritt genehmigt werden müsse. Es müssten Anträge gestellt werden, das führe immer wieder zu Verzögerungen. Alles, was nicht zu 100 Prozent dem vorgegebenen Konzept entspreche, brauche eine Genehmigung.
Backhaus widersprach den Vorwürfen
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) widersprach den Vorwürfen gegenüber dem NDR. Die Verzögerung liege nicht am langsamen Genehmigungsprozess. Ohnehin brauche es keine Genehmigung, so Backhaus. Das Land dulde den Rettungsversuch nur und schaue sich Hinweise an, wenn vom verabredeten Konzept abgewichen werde – etwa den später umgesetzten Vorschlag der Helfer, dem Wal Zinksalbe auf den Rücken zu schmieren.
Die Landesregierung übt sich angesichts der Initiative in einem Spagat. Denn die Initiative handelt entgegen der früheren Entscheidung des Landes, sie wird von diesem aber geduldet. Grundlage dafür ist laut Backhaus das Bundesnaturschutzgesetz, wonach jede Person ein verletztes oder hilfloses Tier aufnehmen kann, um es zu pflegen und anschließend wieder auszuwildern. Laut Backhaus ist das vorgelegte Konzept als „Anzeige einer Inobhutnahme“ zu bewerten, die das Land nur untersagen oder dulden konnte. Da das Konzept laut Backhaus einen vorsichtigen Ansatz verfolgt, entschied man sich für die Duldung.
Rettungsversuche könnten enormen Stress für den Wal bedeuten
Allerdings steht der Rettungsversuch in deutlichem Widerspruch zur Einschätzung von Fachleuten, auf deren Grundlage das Land zuvor entschieden hatte, den Wal in Ruhe in der Bucht verenden zu lassen und keine weiteren Rettungsversuche zu unternehmen. In einem gemeinsamen Gutachten des Meeresmuseums Stralsund und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) heißt es, der Zustand des Wals sei schlecht. „Da die Erfolgsaussichten des Tieres bei einer Lebendbergung (…) sehr gering sind und mit einem hohen Verletzungsrisiko einhergehen, sollte von einer Lebendbergung des Tieres abgesehen werden.“ Die Einschätzung deckt sich mit jener internationaler Fachleute, die zudem darauf verwiesen haben, dass Rettungsversuche enormen Stress für die akustisch sehr sensiblen Tiere bedeuten und bei einem kranken Tier in keinem Verhältnis zum möglichen Erfolg stehen.
Von der nun aktiven Rettungsinitiative kam dazu Widerspruch. Alle seien sich einig, „der Wal hat eine Chance da draußen“, sagte Bahr-van Gemmert am Samstag. Ihn in Ruhe verenden zu lassen, sei kein Tierschutz. Außerdem gebe es dort keine Ruhe. Der Wal – von den Helfern „Timmy“ oder „Hope“ (Hoffnung) genannt – sei sehr munter, habe eine „Superaktivität“, reagiere auf die Helfer „ganz entspannt“. Am Freitag hatte der Wal mit seiner Schwanzflosse auf das Wasser geschlagen und seine Ausrichtung verändert. Ähnlich hatte er auch schon bei einer früheren Strandung in der Lübecker Bucht reagiert. Fachleuten zufolge kann das am Stress durch Geräusche von Booten und die Annäherung von Menschen liegen.

In die private Initiative sind das Meeresmuseum und das ITAW nicht eingebunden. An der fachlichen Eignung der Teilnehmer der Initiative gibt es Zweifel. Bahr-van Gemmert hat Veterinärmedizin in Gießen studiert, in ihrer Tierarztpraxis auf Föhr kümmert sie sich ihrer Website zufolge um alle möglichen Haustiere, aber nicht um Wale. 2010/2011 gründete sie eigenen Angaben nach das Robbenzentrum Föhr zur Rettung der Meeressäuger. Laut eigenen Angaben hat sie auch schon kleinere gestrandete Wale gerettet – nicht aber Buckelwale.
„DIESES TIER WILL LEBEN!“
„Dass das alles dilettantisch läuft, stimmt nicht. Wir tun unser Bestes“, sagte Bahr-van Gemmert am Samstag. Sie verwies darauf, dass im Rettungsteam weitere Tierärzte seien, zudem auch Biologen. Um wen es sich dabei handelt, war zunächst unklar. Aus Hawaii ließ die Initiative Jenna Wallace einfliegen, laut Bahr-van Gemmert eine „Expertin“. Wo sie in Hawaii derzeit tätig ist, blieb vorerst unklar. Einem Bericht zufolge hat sie früher in einem Meeresaquarium in Miami (Florida) gearbeitet und sich danach offenbar als Tierschutzaktivistin betätigt. Auf Instagram teilte Wallace vor ihrem Abflug nach Deutschland mit: „DIESES TIER WILL LEBEN!“ Zudem erhob sie Anschuldigungen gegen die Landesregierung und gegen Fachleute.
Wallace veröffentlichte dabei die persönliche E-Mail-Adresse von Backhaus und rief dazu auf, den Minister, der die Entscheidung über das Schicksal des Tiers in Händen halte, zum Handeln zu „zwingen“. „Das hat bei den ausgesetzten Delfinen auf den Bahamas funktioniert, vielleicht funktioniert es auch bei diesem jungen Buckelwal namens Timmy“, so Wallace. Weiter schrieb sie in Richtung Meeresmuseum in Stralsund, diesem schicke sie „ein großes, dickes F@CK YOU“. Das Meeresmuseum habe offenbar schon lange ein Walskelett haben wollen und übe hinter verschlossenen Türen wahrscheinlich Einfluss auf Regierungsbeamte aus, die auf ihre nächste Geldquelle warteten, um mehr Eintrittsgelder einzunehmen.
Auf die Frage nach der Qualifizierung der Mitarbeiter der Initiative antwortete ein Sprecher von Backhaus am Sonntag gegenüber der F.A.Z., über die Mitglieder ihres Teams entscheide allein die „Privatinitiative“ zur Rettung des Wals, bei der auch die volle Verantwortung für die Aktion liege.
