Der kanadische Historiker Quinn Slobodian und der Technologieexperte Ben Tarnoff haben ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, das in den USA unter dem bezeichnenden Titel „Muskism: A Guide for the Perplexed“ erschienen ist. Wenn man die deutschsprachige Version in die Hand nimmt, könnte man auf den ersten Blick vermuten, dass es sich um eine Autobiographie von Elon Musk als einer der unbestritten schillerndsten Persönlichkeiten unserer Zeit handelt. Diesen falschen Eindruck vermitteln auch das vom Verlag gewählte Cover mit Elon Musk als Technoking – offenbar als Marketing-Gag gedacht – und die irritierende Übersetzung des Originalbuchtitels in „Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking“.
Die Einleitung der Autoren macht indessen klar, dass das Buch keine Autobiographie ist, sondern dass es sich um eine professionell recherchierte kritische Analyse der gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich überaus bedeutsamen Entwicklungen handelt, die Elon Musk mit seiner Heerschar von Followern bereits angestoßen hat oder anzustoßen beabsichtigt. Es geht dem Autorenduo nicht nur um die Person Elon Musk, sondern in erster Linie um die Sezierung eines neuartigen postliberalen, dabei keineswegs libertären Weltverständnisses, das der Avatar Elon Musk initiiert hat und vehement propagiert. Die Autoren haben hierfür den treffenden Begriff Muskismus gewählt. Muskismus steht aus Sicht seiner Protagonisten für ein umfassendes Modernisierungsprojekt (auch mit der Kettensäge!). Angesichts der in letzter Zeit immer bizarreren, stark rechtslastigen Auftritte und Tweets von Elon Musk ist eine profunde Sezierung des Muskismus, die aufklärt und der überforderten, perplexen Öffentlichkeit Orientierung bietet, dringend vonnöten.
An Wahnsinn grenzende Maßlosigkeit
Die Lektüre macht deutlich, dass sich in der Person Elon Musk Genialität und eine an Wahnsinn grenzende Maßlosigkeit vereinigen. Musk ist überzeugt davon, dass man Gehirn-Computer-Schnittstellen schaffen könne, um auf dieser Basis den Menschen und die intelligente Maschine miteinander zu verbinden zu einem Cyborg (ein Mischwesen aus einem lebenden biologischen Organismus und digitaltechnischen Komponenten). Er will zusammen mit seinen immer zahlreicheren Followern unsere Gesellschaften in kybernetische, steuerbare Kollektive verwandeln und dafür die alternativlose Infrastruktur (Starlink, die Plattform X, den KI-Assistenten Grok) liefern. Musk will den Mars besiedeln und eine neue Weltordnung schaffen. Kurz gesagt geht es ihm darum, ein auf der modernsten Silicon-Valley-Technologie basierendes neues Betriebsmodell für die Wirtschaft und Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu kreieren, das den Menschen und auch den Regierungen Autarkie durch hochgezüchtete Technologie verspricht, sie aber paradoxerweise in die völlige Abhängigkeit der Silicon-Valley-Techno-Oligarchen bringt. Diese verdienen daran kräftig und können ihre Macht in einer cleveren Symbiose mit den Regierenden – man denke an Donald Trumps Amtseinführung – immer weiter ausbauen.
Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil, der unter dem Titel „Foundation“ steht, untersuchen die Autoren, wie die prägenden Stationen in Musks Leben in den alles andere als ideologisch fundierten Muskismus mündeten, etwa seine schwierige Jugend in Südafrikas Apartheid-Staat sowie seine Sozialisierung in der Silicon-Valley-Community, aber auch seine stets disruptiven unternehmerischen Vorstöße, etwa bei Paypal und Tesla, bei denen er vor allem von Niedrigzinsphasen profitierte. Die Autoren haben sich dabei von dem klugen Gedanken leiten lassen: Um zu verstehen, was für eine Welt Musk erschaffen will, müssen wir die Welt verstehen, die Musk hervorgebracht hat.

Im zweiten Teil, der bezeichnenderweise unter dem Titel „Cyborg“ steht, analysieren Slobodian und Tarnoff sachkundig die Facetten des vom Muskismus propagierten Betriebsmodells des 21. Jahrhunderts und das Leben einer ausgewählten weißen westlichen Minderheit von Menschen in dieser schönen (?) neuen Welt. Für Musk steht fest, dass die bestehende Welt in der Sprache der Informationstechnologie ein beschädigter Programmcode ist, der radikal nicht zuletzt durch Vertreibung gereinigt werden müsse. Dem Leser kommen dabei die Übergriffe der US-Einwanderungsbehörde ICE in den Sinn. Das neue, auf Technosouveränität abzielende Betriebssystem müsse geschützt werden gegen das weitere Einschleppen des – wie es heißt – „woken Virus“, ein Wort, das im Umfeld von Donald Trump oft fällt. Zum aktiv zu betreibenden Schutz des Systems gehören unter anderem Säuberungen der sozialen Netzwerke und die ideologische „Reinigung“ von KI-Modellen. Die ausgewählte Gemeinschaft müsse in einer mit überlegener Technologie ausgestatteten Festung geschützt werden gegen Eindringlinge – gemeint sind wohl auch Zuwanderer. Den Generalschlüssel zu dieser Festung hat bezeichnenderweise Musk. Über den Muskismus soll die westliche Zivilisation gerettet werden, nicht zuletzt durch Vertreibung und Ausgrenzung. „Wenn Toleranz das Ende der westlichen Zivilisation bedeutet“, verkündete Musk seinen 225 Millionen Followern im August 2025, „dann dürfen wir nicht tolerant sein.“
Die lohnende Lektüre des futuristischen Buches ist kein erheiternder Sonntagsspaziergang. Die im Muskismus angedachten politischen und gesellschaftlichen Disruptionen lassen schaudern. Ob die Welt sich tatsächlich à la Muskismus verändern wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob wir und unsere Politiker uns von den Sirenentönen einlullen lassen. Die Autoren rufen zu Recht dazu auf, den Muskismus ernst zu nehmen. Sein Erfolg sei nicht garantiert, aber die aktuell zu beobachtende Erosion von wichtigen gesellschaftlichen Institutionen öffne dem kruden Gedankengut Türen. Wer das Buch gelesen hat, kann sich ein Bild davon machen, was auf uns zukäme, wenn der im wörtlichen Sinne radikale Muskismus zum Mainstream werden sollte.
Quinn Slobodian und Ben Tarnoff: Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 281 Seiten, 22 Euro
