Bücher sind schick, keine Frage. Manche Cover kleine Kunstwerke, das Buch ein Gegenstand, der ganze Welten zusammenbringt, manchmal kleine Wunder. Sie haben es so an sich, dass man sich gerne mit ihnen schmückt. Gut bestückte Regale machen auf Social Media etwas her, aber schon lange davor waren sie die stolzen Insignien des Bildungsbürgertums oder zumindest eine Anlehnung daran.
Doch der Trend zum „bookshelf wealth“ war wohl kaum das, was Hermann Hesse meinte, als er, so erzählt man sich, sagte: „Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“
Allerdings schwer vorstellbar bleibt es, dass ihm gefallen hätte, dass bei Zara Home nun Bücher verkauft werden, als wären es Dekoartikel. Zu finden sind dort jedenfalls Fotobände von Annie Leibovitz, ein Notizbuch von Anni Albers oder Bildbände über Jean Paul Gaultier und Jil Sander. Was die Gedanken zu der Häme wandern lässt, die über Gwyneth Paltrow hereinbrach, als sie einen „Kurator für Privatbibliotheken“ beauftragte, für ihr Haus 500 bis 600 Bücher auszuwählen und dekorativ zu arrangieren. Wenn die Bedeutung eines Buches stärker über seine Außenwirkung als über den Inhalt bestimmt wird oder nicht einmal die Absicht besteht, es zu lesen, lässt die Schelte von Literaturbegeisterten eben nicht lange auf sich warten.
Bücher auf dem Laufsteg
Die Ausstattung von Immobilien mit großen Regalwänden und dekorativen Coffeetable-Books ist aber längst nicht mehr der einzige Bereich, in dem man sich gerne mit Büchern schmückt. In der Modewelt werden sie ebenfalls immer beliebter, ob als Zitat – kein wörtliches aus dem Text, sondern ein optisches – oder direkt zum Accessoire umgedeutet. Das Berliner Label Haderlump dekorierte für die Kollektion „Ex Libris“ im vergangenen Jahr einen Laufsteg mit Würfeln, die mit ausgedruckten Buchseiten beklebt waren. Bei der Berliner Modemarke Marke wurden im Winter romantisch anmutende Bücher mit vergilbten Seiten und Ledereinband in Stapeln direkt auf dem Laufsteg platziert.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Bunte Bildbände spielen in der Mode eine kleinere Rolle, vielmehr stehen Romane und Essays, die sich leicht mitnehmen, verknicken und mit Markierungen versehen lassen, im Fokus. Nicht nur schön hingelegt, sondern als portabler Gegenstand und tatsächlich zum Lesen bestimmt, fallen sie in prominenten Händen auf.
Joan Didion für die Strandliege
Zahlreiche Stars spazieren derzeit mit unter den Arm geklemmten Büchern durch die Straßen. Nicht, weil das jeweilige Buch nicht in eine Handtasche passen würde, sondern weil es zum Outfit gehört. Andere posieren lesend auf Instagram. Kendall Jenner liest auf einer Strandliege einen Essay von Joan Didion, Bella Hadid spazierte schon vor einigen Jahren mit einem Stephen-King-Roman herum, der mit dem Knallorange des Covers einen Kontrast zu ihrem grauen Anzug bildete, und ihre Schwester Gigi zeigte sich mit Albert Camus’ „Der Fremde“. Mehr als um besonders schmucke Ausgaben geht es hier darum, sich mit Bildung zu schmücken.

Gelesen wird aber auch – und dann darüber in Buchklubs gesprochen. Die Popsängerin Dua Lipa hat einen. Monatlich teilt sie Bilder, auf denen sie mit ihrem „Monthly Read“, von Ocean Vuong bis Kae Tempest, posiert. Und auch Reese Witherspoon und Dakota Johnson rufen zum gemeinsamen Lesen auf. Natürlich nur digital und aus der Ferne; die Deutungshoheit über den Stoff bleibt bei der prominenten Buchauswählerin. Auch zahlreiche Modehäuser haben mitgezogen. Miu Miu und Chanel gründeten eigene Buchklubs. Aus dem Lesen, einer Tätigkeit, die meist allein ausgeübt wird, wird ein Gemeinschaftserlebnis gemacht, die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Klubs verströmt die Aura des Exklusiven.
Die Verknüpfung von Mode und Literatur wirkt auf den ersten Blick wie ein Gegensatz. Hier die Welt der Oberflächen, von Glanz und Schein, dort die Suche nach Tiefe, nach berührenden Geschichten oder aufrüttelnden Erkenntnissen. Doch das Buch als Objekt passt erstaunlich gut in die Modewelt. Wie wir über Kleidung nicht nur ausdrücken, wer wir sind, sondern auch, wer wir gerne wären und wie wir wahrgenommen werden möchten, kann ein Buch eine ähnliche Signalwirkung entfalten.
Vor allem Frauen machen bei dem Trend mit
Doch in dem reflexhaften Zweifel, ob prominente Frauen die Bücher wirklich lesen, mit denen sie sich zeigen, stecken eine alte, patriarchale Herablassung und das überholte Vorurteil, dass diejenigen, die ihr Geld mit sozialen Medien und mit Werbedeals, Mode und ihrem Aussehen verdienen, kaum dazu in der Lage sein könnten, ihre konturierten Nasen in ein Buch zu stecken. Männern derweil, die sich etwas zu demonstrativ mit feministischer Lektüre wie Bell Hooks’ „Alles über Liebe“ zeigen, wird unterstellt, sie hätten das Buch nur dabei, um zu zeigen, dass sie einer von den Guten sind, und ihr Flirtpotential zu steigern; sie werden gerne als „performative male“ verspottet.
Auffällig ist trotzdem, dass vor allem Frauen bei dem Trend mitmachen, sich offensiv mit Büchern zu zeigen. Sie tätigen ohnehin einen großen Teil der Käufe in den Bereichen Mode und Bücher. Während lesenden Frauen vor Jahrhunderten noch unterstellt wurde, das Lesen verderbe sie und mache sie verrucht, passt es heute sehr gut in weibliche Rollenvorstellungen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Lesen die Fähigkeit schult, sich in der Auseinandersetzung mit den Geschichten und Gedanken anderer in Empathie zu üben.
Früher „Preppy Chic“, heute „Lit-Girl-Ästhetik“
Doch aus der ästhetischen Leselust ist gleich ein ganzer Styling-Trend geworden, der auf den sozialen Medien als „Lit-Girl-Ästhetik“ beschrieben wird und als neue Variante des klanglich verwandten „It-Girls“ gilt. Ein Lit-Girl richtet den gesamten Look darauf aus, belesen zu erscheinen – eine romantischere, „girly“ Spielart des Nerds. Ein Vorbild ist dafür etwa Rory Gilmore aus der Nullerjahre-Serie „Gilmore Girls“. Online kursieren dazu passend Listen aller Bücher, die Rory über die sieben Staffeln hinweg liest; sie reicht von „Ulysses“ bis zu „Krieg und Frieden“.

Mit der Uniform der Eliteschule, die sie besucht, fügt sich ihr Look gleich noch in die beliebte Stilströmung des „Preppy Chic“ ein, eng verwandt mit dem neueren „Lit-Girl-Stil“. Dieser lebt ganz besonders von Bildungssymbolen und Vintage-Teilen. Getragen werden Hemden, Strickjacken oder Pullunder, Trenchcoats, Stoffe mit Argyle-Muster und Faltenröcke. Neben dem obligatorischen Buch gehören zu den Accessoires Notizbücher, Lesebrillen, notfalls mit Fensterglas, große Taschen, in denen all das achtlos gesammelt wird, und verknotete Kabelkopfhörer. Ganz oldschool eben. Der Look erinnert auch an den Mikrotrend „Librarian Core“, bei dem die Trägerinnen Bibliothekarinnen nachahmen – oder zumindest deren popkulturelles Klischee.
Doch retro sind an dem Trend nicht nur die Kabelkopfhörer. Überhaupt verbinden es viele mit nostalgischer Sehnsucht, noch ein Buch aufzuschlagen. In Zeiten von Künstlicher Intelligenz, sozialen Medien und in schwindelerregende Höhen steigenden Bildschirmzeiten gewinnt das Analoge und Haptische an neuem Wert. Ein Buch in der Hand bedeutet, dass dieses gegen die Bildschirmkonkurrenz gewonnen hat. Die Entscheidung, zu blättern statt zu swipen, muss bewusst getroffen werden; das Versprechen dahinter lautet Entschleunigung. All das spiegelt sich auch in der Wahl der Lektüre wider. Weniger als Neuerscheinungen sind es die Klassiker, die zur ästhetischen Selbstdarstellung einladen. Bücher, die zum Kanon gehören und die auch Menschen ohne großes Literaturwissen als Hochkultur erkennen. Wer sich mit ihnen zeigt, markiert kulturelles Kapital als Statussymbol.
New-Adult-Bücher spielen als Accessoire keine Rolle
Nirgends wurde damit so humorvoll gespielt wie in der ersten Staffel von „The White Lotus“. Die Bücher, die die Urlauber am Pool, am Strand oder im Bett lesen, dienten dazu, die Figuren zu charakterisieren und zugleich Irritation zu wecken: Meinen die das ernst? Da sind die zwei woken Collegefreundinnen, die Nietzsche, Butler, Lacan und Freud lesen. Da sind auch die Braut in den Flitterwochen, die einen Roman der allseits beliebten Elena Ferrante dabeihat, und ihr Treuhandfonds-Ehemann, der abends Malcolm Gladwells Bestseller „Blink“ mit dem ironisch-vielsagenden Untertitel „Die Macht des unbewussten Denkens“ aufschlägt.
Buch ist eben auch in Stilfragen nicht gleich Buch. Mindestens ebenso wichtig wie die Tatsache, dass man überhaupt liest, ist die Frage, was man liest. Titel aus dem New-Adult-Genre etwa, die hohe Verkaufszahlen erzielen und vor allem von jungen Frauen gekauft, gelesen und online diskutiert werden, tauchen in diesem Modetrend kaum auf. Sie werden schnell als tendenziell flache Unterhaltungsliteratur ohne besonderen kulturellen Mehrwert abgetan – kein Wunder, dass sie auch optisch nicht als besonders stilvoll gelten.
Die klassischen Didion-Cover oder die zurückhaltenden Umschläge von Klassikern signalisieren dagegen mehr Eleganz – und noch dazu, dass es nicht nur um Spaß, sondern auch um Bildung geht. Wenn so tatsächlich eine Auseinandersetzung mit Stoffen stattfindet, die Menschen seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten beschäftigen, wenn sich über die Mode möglicherweise wirklich neue Wege zu alter Literatur eröffnen, ist daran nichts auszusetzen.

Die aktuelle Beliebtheit des Lesens führt in der Modebranche aber nicht nur dazu, Bücher als Accessoires einzusetzen, sondern gleich welche aus ihnen zu machen. Coach verkaufte etwa gemeinsam mit dem Verlag Penguin Random House in diesem Frühjahr sogenannte Book Charms. Dabei handelt es sich um Miniaturbücher, die als Anhänger an Taschen befestigt werden können. Zu der Kollektion, für deren Auswahl laut des Verlags Gen-Z-Leser weltweit befragt wurden, gehörten Werke von Maya Angelou und Jane Austen, aber auch jüngere Titel wie das Jugendbuch „Ich gebe dir die Sonne“ von Jandy Nelson oder Glennon Doyles Memoir „Ungezähmt“. Für rund 90 Dollar waren die Miniaturbücher, die tatsächlich lesbar waren und nun eben außen statt in der Tasche ihr Dasein fristen sollten, erhältlich.
Bei Dior stellte Jonathan Anderson unterdessen Handtaschen vor, auf denen Buchtitel abgebildet waren. Ein gelbes Modell mit roter Schrift zitierte Bram Stokers „Dracula“, andere Gustave Flauberts „Madame Bovary“ oder, in Schwarz, Truman Capotes „Kaltblütig“. Die Trägerinnen der Taschen und Buchanhänger können so ihre Vorliebe für Autorin oder Buch zeigen, ohne überhaupt ein Buch zu brauchen.
In einer Zeit, in der das allgemeine Leseverständnis sinkt und viele das Lesen als anstrengender empfinden, als abends auf dem Sofa eine Serie zu streamen, ist ein Trend, der das Buch in den Mittelpunkt stellt, durchaus begrüßenswert. Befremdlich bleibt es, wenn es zur Dekoration wird und mehr der Umschlag zählt als das, was sich zwischen den Seiten, manchmal auch zwischen den Zeilen verbirgt. Dennoch darf dem Trend mit etwas mehr Leichtigkeit als spöttisch hochgezogenen Augenbrauen begegnet werden, sowohl bei der Auswahl der Lektüre als auch bei der Bewertung derjenigen, die sich mit ihr zeigen. Das Gute an Literatur ist schließlich, dass sie niemandem allein gehört, sondern immer in den Deutungsraum vieler übergeht. Mit der Mode verhält es sich ähnlich.
