Kerzengerade steht Noah Atubolu am Samstag in der Mixed-Zone des Waldstadions vor den Journalisten. Ein Kraftpaket von Fußballprofi, 1,90 Meter groß und rund 96 Kilo schwer. Der Eintracht-Torhüter macht Eindruck mit seiner athletischen Statur. Seine Hände hat Atubolu, der noch seine leuchtend gelbe Arbeitskleidung trägt, hinter dem Rücken verschränkt. Feuer frei für Fragen.
Er ist sehr aufmerksam. Besonders, als eine Journalistin von ihm wissen will, ob er im Heimspiel gegen seine ehemaligen Freiburger Kollegen mit seiner starken Aktion kurz vor der Halbzeitpause sein wohl weniger gelungenes Abwehrverhalten beim 1:1-Ausgleichstreffer (34. Minute) ein bisschen wettgemacht habe. Denn der Schuss des Freiburger Derry Scherhant schien auch auf den zweiten Blick nicht unhaltbar gewesen zu sein. Elf Minuten später gab es in dem spannenden Spiel aber keine zwei Meinungen: Mit einer sehenswerten Rettungstat – Atubolu lenkte den Freistoß von Scherhant mit den Fingerspitzen an den Pfosten – verhinderte der Torwart zumindest in diesem Augenblick das 2:2.
Obwohl Atubolu genau zugehört hat, versteht er die Frage zunächst nicht. Er schaut irritiert. Die Fragestellerin muss ihr Anliegen wiederholen und es ihm mit anderen Worten erklären. Womöglich war der Torhüter ja auch inhaltlich mit der Frage nicht ganz einverstanden. So oder so: Kurz und knapp bewertet er dann seine Leistung beim 1:1. Er habe „probiert, den Ball zu halten. Es hat nicht gereicht.“ Mehr gibt es aus seiner Sicht nicht zu sagen.
Über seine Glanztat spricht Atubolu wenig später ähnlich emotionslos: „Ich will jeden Ball halten. Ich weiß jedoch, dass man nicht jeden Ball halten kann.“ Als noch der Name des langjährigen Spitzenkönners Manuel Neuer fällt, verweist Frankfurts Torhüter darauf, dass selbst der ehemalige Nationaltorwart nicht jeden Ball abgewehrt habe. Keiner widerspricht Atubolu.
„Wir haben ein bisschen ein Problem nach der Halbzeit“
Die ganze Zeit über bleibt er höflich. Atubolu ist ein aufgeschlossener Mensch. Einer, der die Dinge beim Namen nennen kann. „Wir haben ein bisschen ein Problem nach der Halbzeit“, sagt der Torwart denn auch im Hinblick auf Frankfurts Schwachstellen. „Da kriegen wir zu schnell die Gegentore.“ Diesmal dauert es am vierten Bundesligaspieltag gerade mal drei Minuten, bis Yuito Suzuki fulminant zum 2:2 einschoss.
Zuvor war dem in der 46. Minute für Noel Aseko eingewechselten Oscar Højlund ein schlimmer Fehler unterlaufen. Diesen vermeidbaren Gegentreffer nannte Trainer Adi Hütter hinterher ein „sehr billiges Tor, wir sind ja klar in Ballbesitz. Das müssen wir schleunigst abstellen“, forderte der Österreicher in strengem Tonfall und zeigte „kein Verständnis“ für das in seinen Augen wenig professionelle Verhalten. Insgesamt schon dreimal beklagte die Eintracht direkt nach dem Seitenwechsel ein Erfolgserlebnis des Gegners. Sie kommt zur zweiten Schicht auf dem Platz offenbar besonders schwer ins Spiel. Die Konzentrationsmängel beim Personal sind offensichtlich.
Bisher verhält es sich bei den Frankfurtern, bei denen sich Mittelfeldspieler Raphael Onyedika am Samstag an der Schulter verletzte, spieltechnisch in dieser Saison immer gleich. Nach den ersten 45 Minuten liegen sie jeweils noch vorn. Fünf Treffer erzielten die Hessen dabei in der ersten Viertelstunde, sie sind formidable Frühstarter. Im Duell mit den Freiburgern hatten vor der Bestmarke von 60.100 Zuschauern die Stürmer Younes Ebnoutalib zum 1:0 (10.) und Jonathan Burkardt zum 2:1 (36.) getroffen. Doch bis auf die Begegnung in Mainz (3:1) brachten sie ihren Vorsprung nicht über die Zeit. So steht die Eintracht in der Tabelle für ihre Ansprüche eher bescheiden mit fünf Punkten aus vier Spielen da. Durchschnitt statt Spitzenklasse.
Die Frankfurter hätten in ihrem zweiten Saisonheimspiel „gerne mehr mitgenommen“, bilanzierte Hütter bei der Pressekonferenz. „Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mit dem Punkt zufrieden bin, weil unsere Leistung nicht gut genug war. Um gegen ein starkes Freiburg zu gewinnen, muss man eine ganz andere Leistung bringen.“ Der Trainer ist mit seiner Einschätzung aufrichtig.

Indem der Fußballlehrer mit großer Anerkennung die Freiburger Fähigkeiten beschrieb, brachte er gleichzeitig Frankfurts Defizite schonungslos zur Sprache. „Freiburg war gut organisiert und hat so gut wie alle zweiten Bälle geholt. Wir standen zu weit auseinander. Freiburg war im Block stabiler und agiler, das haben wir vermissen lassen.“ Das alles sei dementsprechend ins Gewicht gefallen. Hütter resümierte: „Wir hatten eine Phase, in der wir das dritte Tor schießen können. Zum Ende haben wir aber auch das Glück, den Punkt mitgenommen zu haben.“ Der Kopfball von Lucas Höler verfehlte in der 87. Minute nur knapp das Eintracht-Tor.
Es wäre die zweite Heimniederlage im zweiten Spiel gewesen. Nicht zum ersten Mal in dieser Runde stellte sich auf Eintracht-Seite die Frage nach der Kraft. Am Samstag war Robin Koch von sich aus der Erste, der das Thema ansprach. „Hintenraus haben wir ein bisschen die Kraft verloren, nach vorne zu spielen“, sagte der Kapitän, um kurz darauf in diesem Zusammenhang sogar von „wenig Kraft“ zu sprechen. Im Hinblick auf den nötigen Kraftaufwand über die vollen 90 Minuten gelte es in Zukunft „die richtige, eine gute Mischung zu finden“, führte Koch aus.
Momentan seien die Frankfurter sicherlich noch nicht da, wo sie kräftemäßig sein könnten, räumte wiederum Hütter ein. Weil im Duell mit dem Sportclub die „letzte Spritzigkeit und Agilität“ gefehlt hätten, auch deswegen habe die Eintracht das Spiel über 90 Minuten nicht in den Griff bekommen, sagte der Trainer. Gleichwohl sei es ihm zu einfach, jeweils aus den verspielten Führungen einen kausalen Zusammenhang mit fehlender Fitness herzustellen, fügte Hütter hinzu.
Wie Robin Koch hob auch Noah Atubolu trotz der Probleme das große Potential hervor, das in der Frankfurter Mannschaft stecken würde. Schöpften es die Hessen in den kommenden Wochen und Monaten aus, könne die Saison „richtig, richtig gut werden“. Im letzten Heimspiel des Monats September genoss der Torhüter die „Wucht des Stadions im Rücken“. Auf seine alten Mannschaftskameraden getroffen zu sein, machte es für ihn ebenfalls zu einem außergewöhnlichen Arbeitstag.
Nachdem Atubolu eine Dreiviertelstunde vor Spielbeginn die Eintracht-Fans begrüßt hatte, richtete er mit seinem Arm auch einen kurzen Gruß in die gut gefüllte Freiburger Fankurve. Und hinterher wurde der Torwart gefragt, ob er schon in der Kabine des SC gewesen sei. Nein, antwortete Atubolu, er habe ein Interview nach dem anderen gehabt. Als er schließlich sein Programm in der Mixed-Zone beendet hatte, verschwand der Torwart aber in die „falsche“ Richtung. Atubolus später Anlaufpunkt war die Kabine mit seinen langjährigen Arbeitskollegen. Zu bereden gab es einiges.
