Die Schönheit, so heißt es, liegt im Auge des Betrachters. Doch was ist schön, was ist hässlich? Diese Frage wirft Regisseur und Stückeschreiber Jan Radermacher in seiner Fassung des Märchenklassikers „Schneewittchen“ bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau auf, die am Wochenende erstmals auf der Bühne des Amphitheaters gezeigt wurde. Ist es das makellose, glatte Gesicht der Prinzessin, oder sind es die üppigen Bärte der Zwerge, die Schneewittchen widerwillig bei sich aufnehmen?
„Nacktbacke“ nennen sie das hübsche Mädchen abfällig, während Schneewittchen die Bartbehaarung, den ganzen Stolz der Zwergenfamilie, abstoßend findet. Wie im Märchen üblich nähert man sich natürlich im Lauf des Geschehens einander an, bis man am Ende ganz zueinander findet. Bis dahin entwickelt Radermacher ein rasantes Wechselspiel von Gut und Böse sowie von innerer und äußerer Schönheit. Magische Stimmung, Zauberkräfte und eine Prise Humor ergeben ein Stimmungsbild, das auch Erwachsenen zwei spannende, unterhaltsame Stunden garantiert.

Radermacher, auch Ko-Intendant der Festspiele, hat dem Festival schon etliche gelungene Inszenierungen geschenkt. Auch dieses Mal ist es ihm geschickt wie einfallsreich gelungen, den Blick auf das Original der Brüder Grimm vom ersten Moment an zu bewahren, um gleichzeitig den Inhalt hin und her zu wenden, neue Blickwinkel zu schaffen und überraschende Elemente einzubauen. So entstehen bei ihm immer wieder eigene Erzählungen mit philosophischen Anklängen. Im Jahr 2014 gewann Radermacher mit dem „Märchen von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“ den ersten Autorenwettbewerb der Grimm-Festspiele. Danach schrieb und inszenierte er unter anderem Stücke wie „Rotkäppchen“, „Rumpelstilzchen“, „Hänsel und Gretel“ sowie in der Klassikreihe des Festivals den „Sommernachtstraum“ von Shakespeare. „Schneewittchen“ wird als Familientheater mit Musik überschrieben, die Kompositionen von Timo Riegelsberger sowie die Choreographien von David Hartland, hervorragend ausgeführt vom gesamten Team, würden allerdings auch der Kategorie Musical gerecht werden.
Schneewittchen hat keine Ahnung von der Welt
In der Rolle des Schneewittchens glänzt Rosa Alice Abruscato im doppelten Sinne. Ihr blutrotes Kleid, die langen schwarzen Haare und der rot geschminkte Mund in bleichem Gesicht strahlen förmlich auf der Bühne. Noch glänzender ist ihr Spiel: Wie schon in Radermachers Märcheninszenierungen von „Hänsel und Gretel“ oder „Der Sterntaler“ dominiert Abruscato wie ein Wirbelwind die Bühne. Dazu kann sie auch noch singen. Sie verkörpert ein Schneewittchen, das zunächst eitel und oberflächlich daherkommt. Weitgehend abgeschirmt, hat sie keine Ahnung von der Welt. Doch die Vertreibung durch die Königin und Stiefmutter (Johanna Haas) zerbricht ihre gewohnte Ordnung. Wie viele andere Helden der grimmschen Märchen muss sie nun eine Bewährungsprobe durchlaufen, bevor sie zu ihrem wahren, besseren Ich findet. Eine Hürde auf dem Weg ist Prinz Florin (Marius Schneider). Der tritt früh auf den Plan. Schneewittchen sieht in ihm den Retter und Garanten für ein künftiges Luxusleben. Doch Florin – mit schulterlangem, blondem Haar und fedrig-hüpfendem Gang an Otto Waalkes erinnernd – erweist sich als Niete. Er hat es nur auf die Schätze von Schneewittchens Reich Veldorian abgesehen.
Der wahre Prinz befindet sich in den Reihen der Zwerge, die den Charakter der Inszenierung entscheidend mitprägen. Es ist kein Geheimnis, dass Radermacher ein Tolkien-Fan ist. Auch in „Schneewittchen“ nimmt er die Zuschauer ein Stück weit mit in die Welt von Mittelerde. Seine Zwergenbande könnte dem Roman „Herr der Ringe“ oder „Der Hobbit“ entsprungen sein. Sie tragen keine roten Zipfelmützen und singen auch kein fröhliches „Hoho“. Dafür haben die Frauen Bärte, wie bei Tolkien. Vor vielen Jahren wurden die Zwerge von ihrem angestammten Ort unter dem Berg verbannt und sind seitdem auf der Suche nach einem Zugang zu ihrem Reich. An der Spitze ihr Anführer, der „König unter dem Berg“. Nach außen kämpferische Truppe, beherrschen die Zwerge auch die leisen Töne, etwa wenn sie düster ein Trauerlied für einen verschollenen Kameraden und später, noch ergreifender, das Totenlied für Schneewittchen anstimmen. Ähnliche Szenen finden sich bei Tolkien.
Der Spiegel, zentrales Element der Originalfassung, spielt auch in der Neufassung eine wichtige Rolle. Es ist der magische Spiegel der Wahrheit, der zudem voller Rätsel steckt. Nach und nach enthüllt er die Geschichte zweier Schwestern, die äußerlich und innerlich nicht unterschiedlicher sein könnten. Die Inszenierung lädt zum Nachdenken ein. „Vielleicht ist es das Unbehaglichste an diesem Märchen, dass es keine einfache Antwort gibt. Nur die Einladung, genauer hinzusehen – jenseits der Fassade, jenseits des Filters. Dorthin, wo echte Menschlichkeit beginnt“, sagt Radermacher dazu.
