Es gibt eine Zeichnung des französischen Künstlers und Karikaturisten Jean-Jacques Sempé, die mit nur wenigen Strichen eine ganze Welt umreißt: Man sieht dort im Morgenlicht eine Dame auf einem Fahrrad in einem Kiefernwald, sie trägt ein Kleid und einen großen Hut und rollt aufrecht sitzend, als sei sie ein General, der eine Parade spalierstehender Soldaten abnimmt, unter den Schirmkronen der Bäume von der Boulangerie zurück nach Hause. Alles in diesem Bild ist leicht, sandig, luftig und heiter, die Bäume stehen mit ihren langen dünnen Stämmen so elegant da wie Giraffen, die ihre Hälse recken, die Sonne scheint, der Halbschatten fällt auf einen sandigen Boden, und man meint, das Rauschen des nahen Atlantiks zu hören.
Der 1932 in Bordeaux geborene, vor vier Jahren verstorbene Sempé, der zusammen mit René Goscinny eines der erfolgreichsten französischen Kinderbücher, den „kleinen Nick“, erfand, hatte in seinen Zeichnungen immer wieder die Stimmung der Orte seiner Kindheit bei Bordeaux festgehalten, die Erinnerung an ein sandiges, helles Paradies, an die Serenité, die Gelassenheit eines Ortes, an dem die Tage im Atlantiklicht versanden.

Wer einmal die Gegend im Süden und Westen der Gironde besuchte und wie der erfreute Tourist in einer von Sempés Zeichnungen im Abendlicht an einem „Pin maritime“ lehnte, erkennt die einzigartige Atmosphäre wieder – die Mischung aus dem Halblicht der im Wind knackenden Seekiefern, dem Rauschen des nahen Ozeans und dem intensiven Geruch nach warmem Holz und Harz im Dünensaum. Sie zog jedes Jahr Zigtausende von Campern an, die selig vor ihren Kriechzelten und Campingbussen saßen und mit Surfbrettern bewaffnet durch die Kiefernhaine zum Meer wanderten.
Sie zog auch die Pariser Hautevolee an, die zwischen dem Schriftsteller Frédéric Beigbeder und der Tochter des französischen Rockstars Johnny Hallyday am noblen Cap Ferret nach dem Genuss von zu viel Rosé bei „Chez Hortense“ gern mal mit der Méhari gegen das Garagentor ihrer millionenteuren Villa im Fischerhüttenstil knallte und sich auch ansonsten einer Luxusversion des einfachen Barfußlebens „style cabane pecheur“ hingab. Anders als im südlich gelegenen Baskenland, wo der Sand dunkler ist und oft ein feuchter Nebel von den Pyrenäen über die grünen Wiesen und Eichenwälder zieht, ist die Stimmung in den Pinienwäldern an der Küste bei Bordeaux viel heller – beziehungsweise muss man leider sagen: Sie war es.
Dieser Brand ändert alles
Seit den größten Bränden, die Frankreich je erlebt hat, ist alles anders. Eine Waldfläche von über 40.000 Hektar steht in Flammen, über 200.000 Menschen wurden evakuiert, auf der gesamten Halbinsel am Bassin von Arcachon mussten alle Touristen und Anwohner zwischen Lège und dem Cap Ferret ihre Häuser in der Nacht vom Freitag auf Samstag Hals über Kopf verlassen, und Le Porge, der Ort nahe der berühmten FKK-Kolonie im Norden, ist wohl in großen Teilen verbrannt.
Die heitere Welt ist jetzt schwarz, eine Rauchwolke verdunkelt den Himmel, der beißende Gestank zieht mittlerweile bis südlich von Mimizan und ins Zentrum von Bordeaux, wo unter einer dicken Rauchglocke eine Stimmung wie in einem modernen Pompeji herrscht: Das Feuer ist nur noch 15 Kilometer von den westlichen Vororten entfernt, der Rauch brennt in den Augen, feine Ascheflocken fallen auf die frisch servierten Austern, die von den Kellnern im „Petit Commerce“ trotzig serviert werden, als sei die Dunkelheit über ihnen nur ein aufziehendes Gewitter. Unter der fein wie vereinzelte Schneeflocken rieselnden Asche versuchen die Gäste, das neue Schreckenswort „Pyrocumulonimbus“ richtig auszusprechen, und diskutieren, ob es am Ende etwa auch die Weinberge des Médoc erwischen könnte, in denen man jetzt schon den „Smoke taint“ fürchtet, einen unangenehmen Rauchgeschmack des Jahrgangs 2026.

Die Weinberge gibt es in der Gegend schon seit der Antike, die Kiefernwälder kamen deutlich später dazu: Noch 1860 findet Hippolyte Taine südlich von Bordeaux nur „Sümpfe, Sand, einen kargen Boden, immer seltener werdende Dörfer, bald eine Wüstenei … Weiter entfernt erstreckt sich die monotone Heideebene, so weit das Auge reicht … Von Zeit zu Zeit erblickt man die Silhouette eines Hirten auf seinen Stelzen, regungslos stehend wie ein kranker Reiher.“ Das Hinterland war so gut wie unbewohnbar, eine ungesunde Sumpf- und Heidelandschaft, bevölkert von Schafhirten auf Stelzen und von Verbrechern, die sich in den unzugänglichen Sümpfen versteckten.
Es war Louis-Napoléon Bonaparte, der noch vor seiner Machtergreifung 1851 in seinem Essay „L’extinction du pauperisme“ eine Modernisierung Frankreichs forderte, die Sümpfe des Südwestens trockenlegen und die arme Region zur Werkbank eines industrialisierten Frankreichs machen wollte. Napoleon III. plante eine Handelsexpansion, dafür musste er den Schiffbau und den Ausbau der Eisenbahn vorantreiben – und für all das brauchte man Holz: Feuerholz, Holzbohlen für die Bahn, für Masten, für die Abstützung von Bergbau-Gruben, für den Hausbau. Schon Napoleon I. hatte bei einem Besuch der Stadt Bayonne 1808 angekündigt, die „Landes“ zu modernisieren und urbar zu machen.
Napoleon III. machte aus dem Wald eine Holzindustrieproduktion
Sein Neffe machte damit Ernst. Im Juni 1857 wurde ein Gesetz erlassen, das die Gemeinden der Landes und der Gascogne verpflichtet, alle Sümpfe trockenzulegen, indem der harte Boden unter dem Sumpf mit Bohren durchlöchert wird und das gestaute Wasser so ablaufen kann, und dort Strand- oder Seekiefern zu pflanzen, Fachname „Pinus pinaster“ – der übliche Name „Pinienwald“ ist eigentlich falsch, obwohl beide Bäume eng verwandt sind und es ein bisschen haarspalterisch ist, zu betonen, dass die französischen „Pins maritimes“ auf Deutsch keine Pinien, sondern „Kiefern“ sind: Gefühlt sind die Seekiefern am Atlantik den mediterranen Pinien näher als den in brandenburgischen Einöden kärglich und dürr herumstängelnden deutschen Kiefern.
Die Ausbeutung der Natur rächt sich bitter
Gut 150 Jahre nach der Aufforstungs-Anordnung von Napoleon III. ist bei Bordeaux auf gut einer Million Hektar das größte zusammenhängende Waldstück Westeuropas entstanden, das Dreieck aus Gironde, Landes und Lot-et-Garonne ist noch heute zu drei Vierteln bewaldet – wobei, „Wald“: Selten ist Natur so durchrationalisiert, rein auf Nutzung angelegt und „industrialisiert“ worden wie hier. Die Kiefern mit ihren langen Stämmen und ihren wölkchenhaften Baumkronen wirken schon optisch wie ein Echo der Schornsteine mit ihren Rauchwolken.
Das harzreiche Holz beförderte auch eine ganz neue chemische Industrie. Viele Schäfer, die ihre Beschäftigung verloren, arbeiteten danach als „Résiniers“, Harzzapfer, sie ritzten die Rinde der Kiefern an und fingen in kleinen Tontöpfen das zähe Rohharz auf, aus dem man Terpentinöl und Basisstoffe für die Herstellung von Seife, Kleber und Tinte gewinnen kann. Was Touristen heute als lichtes, nach intensiven Harzölen duftendes Naturparadies erscheint, war eigentlich eine gigantische Industrieanlage: eine Giga-Plantage mit nur einer Baumart und entsprechend wehrlos gegen Schädlinge, wegen der flachen Wurzeln anfällig für Sturm – ein Orkan ließ 2009 ganze Kiefernwälder wie Streichhölzer umknicken – und wegen des hohen Harzgehaltes extrem anfällig für Brände.
Bäume, die strammstehen wie Soldaten
Auf eine Weise sind die Monokultur-Kiefernwälder am Atlantik der Höhepunkt jener Unterwerfung der Natur unter den Gestaltungswillen des Menschen, die mit den zu geometrischen Figuren, Kuben und Kegeln zurechtgeschnittenen Pflanzen der französischen Gärten in Versailles begann. Die uniformen Kiefern stehen wie ein oben begrünter Barcode in der Landschaft, sie stehen stramm wie Soldaten, sie sind ein Massenprodukt, das der Massenproduktion des Industriezeitalters dient – und dass dessen Folgen, vor allem der Klimawandel, diesem Wald jetzt ein Ende bereitet, ist eine dunkle Folge der Dialektik der Aufklärung: Die Überformung der Natur durch einen radikalen Rationalismus führt zu den unkontrollierbarsten Katastrophen.
Seit Jahren fordern Experten, die Nutzwälder widerstandsfähiger zu machen; das Centre National de la Propriété Forestière will zwischen den Kiefern vermehrt Stiel-, Kork- und Pyrenäen-Eichen sowie Esskastanien zupflanzen, die tiefer wurzeln und weniger leicht brennen und zusammen mit dem Unterholz Feuchtigkeit besser speichern. So könnte aus der waldförmigen Industrieanlage namens „forêt landaise“ wieder ein echter Wald werden. Leicht wird das nicht – vor allem aus ökonomischen Gründen: Drei Viertel des französischen Waldes sind in Privatbesitz, und die Eigentümer hatten bisher wenig Lust, den ökologisch notwendigen, aber teuren und unrentablen Umbau ihrer naturidentischen, auf maximale Ausbeutung angelegten Holzlieferanlagen zu bezahlen. Die Brände müssten auch sie umstimmen. In der größten Naturkatastrophe, die Europa seit langem ereilt, gibt immerhin die Mythologie Hoffnung: Seit dem antiken Isis-Kult gelten Pinienzapfen als Symbole der Unsterblichkeit und der Auferstehung. Die Wälder werden sie brauchen: Die Geschichte des Nutzwaldes, wie ihn die frühe Industrialisierung als nachwachsendes Materiallager anlegte, ist mit den Bränden von Bordeaux ihr Ende gekommen.
