Herr Lange, in der Nähe des Leipziger Flughafens ist eine weitere Drohne und Sprengstoff gefunden worden. Hatten die Täter einen größeren Anschlag geplant als bisher gedacht?
Es war schon bekannt, dass wir nur knapp an einer Katastrophe vorbeigekommen sind. Wer noch eine Bestätigung brauchte, dass das eine professionelle Operation war, hat sie spätestens jetzt bekommen. Wie beim ersten Fund in Leipzig handelt es sich wieder um einen militärischen Sprengstoff, diesmal Hexogen. Das ist kein Hobbyprojekt, sondern professionelle Angriffsplanung. Das Ziel war offenbar, eine erhebliche Katastrophe am Flughafen Leipzig/Halle auszulösen. Es gibt nur wenige Akteure, die das können, und das Muster weist nach wie vor klar auf Russland hin.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt ist in dieser Frage sehr zurückhaltend. Er spricht von „fremden Mächten“.
Ich verstehe nicht, dass die Regierung sich mit einer klaren Zuordnung so schwertut. Schon 2013 hat der russische Generalstabschef in der Gerassimow-Doktrin das Ziel formuliert, die Außen- und Sicherheitspolitik anderer Staaten auf die russischen Interessen auszurichten und dafür Instrumente zu nutzen, um die staatliche Ordnung in anderen Ländern zu unterminieren. Wir wissen also seit Jahren, dass Russland einen hybriden Krieg gegen uns führt. Aber erst jetzt fangen wir an, unsere Nachrichtendienste zu stärken. Wir hängen sehr stark zurück.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat neue Erkenntnisse zum Leipziger Fall angekündigt. Den Angreifern drohte er mit den Worten: „Sie werden dafür bezahlen.“ Was könnte jetzt passieren?
Bisher ist unsere große Schwäche, dass wir als Bundesrepublik keine Konsequenzen ziehen. Seit vielen Jahren erleben wir Sabotage, Cyberangriffe, Luftraumverletzungen, Drohnenüberflüge. Nichts von alldem hatte Folgen. Wenn Gegenmaßnahmen dazu führen, dass die Angreifer künftig Kosten erleiden, finde ich das richtig. Man muss dafür nicht Drohnen auf russische Flughäfen fliegen.
Russland trifft man bei Energie, bei Geld, bei den Reisemöglichkeiten der Eliten. Es gibt eine ganze Reihe von Russen, die noch Schengen-Visa haben. Die könnte man entziehen und in Zukunft gar keine Schengen-Visa mehr an Russen austeilen. Außerdem sollten wir die Schattenflotte in den Fokus nehmen und dafür sorgen, dass deren Schiffe die Ostsee nicht mehr passieren können. Wenn die andere Seite merkt, da passiert etwas, dann ändert sich auch die Kalkulation für die nächsten Angriffe. Insofern kann ich den Bundeskanzler nur ermutigen, das nicht nur anzukündigen, sondern auch umzusetzen.

Für solche Maßnahmen wäre die Bundesrepublik auf Partner angewiesen.
Deutschland steht nicht allein da, auch andere Länder sind Opfer dieses hybriden Krieges. Es wäre sinnvoll, wenn sich die europäischen NATO-Partner darauf einigen, Russland als den Angreifer zu benennen und gemeinsam zu reagieren – und zwar so, dass die Regierung in Moskau es spürt. Wir müssen uns was trauen und auch mal abgebrüht zu Werke gehen. Mit juristischer Oberkorrektheit kommen wir gegen Russlands hybride Kriegsführung nicht an. Diese Art von Angriffen findet in einer Grauzone statt, die genutzt wird, damit die offiziellen russischen Streitkräfte und Sicherheitsbehörden sagen können: „Wir waren das nicht.“ Dem können wir nicht begegnen, indem wir eine langwierige Beweisführung unternehmen und dann lange über Reaktionen debattieren.
Was ist an einer mit Sprengstoff beladenen Drohne eigentlich noch „hybrid“?
„Hybrid“ an solchen Angriffen ist, dass sie häufig von Akteuren ausgeführt werden, die nicht Teil der regulären Streitkräfte oder Sicherheitsbehörden eines Landes sind. Die Drohne in Leipzig kam auf klandestine Weise ins Land, genau wie die mit Sprengstoff beladene Seedrohne, die vor einigen Tagen in Rumänien abgeschossen wurde. In solchen Fällen bezahlt Russland oft Leute, die gar nicht wissen, für wen sie arbeiten und was das Ziel ist.
Sie meinen sogenannte Low-Level-Agenten oder Wegwerfagenten?
Mit den Begriffen bin ich vorsichtig, weil „Agent“ das falsche Wort ist. Im Grunde sind das Handlanger, die von russischen Geheimdiensten angeworben werden: Kleinkriminelle, Leute aus der organisierten Kriminalität, Leute, die vielleicht ein Drogen- oder Alkoholproblem haben. Sie werden als Laufburschen eingespannt, um Aufgaben auszuführen, ohne Spuren zu den Hintermännern zu hinterlassen. Viele von denen wissen wahrscheinlich gar nicht, dass sie Agenten sind.
Gehen Sie davon aus, dass es solche Handlanger auch in Leipzig gab?
Nach allem, was man bisher weiß, ist es plausibel, dass so jemand die Drohnen von A nach B gebracht hat. Gesteuert wurden sie aber vermutlich aus der Ferne von Profis. Das ist nämlich gar nicht so einfach, dafür muss man trainiert haben. Die Drohnen waren mit SIM-Karten ausgestattet. Über das Mobilfunknetz lässt sich ein solches Gerät von einem weit entfernten Ort fernbedienen.
Auf welchem Stand ist unsere Drohnenabwehr?
Wir debattieren in Deutschland viel, packen die Probleme aber nicht an. Wo zum Beispiel bleiben die Sensoren zur Drohnenerkennung? Einige skandinavische Staaten haben Stromleitungen, Unterwasserkabel und andere zivile Infrastrukturen mit Sensoren ausgestattet. Sie können Drohnen detektieren und Routen nachzeichnen. Die Ukraine setzt eine Technologie ein, die Anomalien im Mobilfunknetz erkennen kann, weil Drohnen häufig über SIM-Karten gesteuert werden. Bei uns dagegen findet man auf einem Feld neben dem Leipziger Flughafen eine weitere Drohne, hat aber keine Daten dazu, wo sie gestartet wurde und wo sie lang geflogen ist.
Ermittler haben nahe Berlin ein Depot mit zwei Handfeuerwaffen und Munition gefunden. Der „Spiegel“ berichtet von einem Ukrainer, der als Kurier fungiert haben soll.
Dass man jemanden dafür bezahlt, ein Depot anzulegen und dort etwas abzulegen, das ist ein Muster sowjetischer Geheimdienste und erinnert an die 60er- bis 80er-Jahre. Mit solchen Vorgehensweisen haben wir im Westen nach dem Kalten Krieg aufgehört. In Russland wurde nahtlos damit weitergemacht. Und man muss annehmen, dass auch mit diesen Waffen ein Anschlag geplant war.
