
Das zweite Quartal 2026 war an den Börsen der Welt ein historisches. In seinem IPO-Barometer stellt das Beratungsunternehmen EY das größte globale Emissionsvolumen seit Beginn seiner Messungen im Jahr 2023 fest. Dabei ist die Zahl der Börsengänge (IPO, Initial Public Offering) global nur leicht gestiegen im Vergleich zum zweiten Quartal 2025.
Mitverantwortlich für dieses Ungleichgewicht ist der Börsengang von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX am 12. Juni in New York. Mit einem Emissionsvolumen von 86,2 Milliarden Dollar stellte das Unternehmen alle anderen weltweit getätigten Börsengänge zusammengenommen in den Schatten. Insgesamt betrug das globale Emissionsvolumen 144,8 Milliarden Dollar. Heißt: Der Rest der Welt brachte es nur auf 58,6 Milliarden Dollar.
Während global im vergangenen Jahr im gleichen Zeitraum 246 Unternehmen den Schritt auf das Börsenparkett wagten, waren es im zurückliegenden Quartal 250. Im Vergleich zum Hochpunkt der Börsenkonjunktur während der Corona-Pandemie, als im vierten Quartal des Jahres 2021 insgesamt 663 Unternehmen an die Börse gingen, ist diese Zahl noch relativ niedrig. Martin Steinbach, der für EY Unternehmen in ihren Vorbereitungen von Börsengängen unterstützt, sagt, dass die Märkte grundsätzlich bereit für Neuemissionen seien. Allerdings wählten Investoren stark nach den aktuellen Trendthemen aus: „Kapital ist vorhanden, doch Investoren konzentrieren sich auf große, gut vorbereitete Unternehmen mit belastbarer Equity-Story und klaren Wachstumsperspektiven.“
In der Branchenunterteilung von EY dominierte im zweiten Quartal die Kategorie „Advanced Manufacturing“ mit 44 Börsengängen und einem Volumen von 98,1 Milliarden Dollar. Die Berater verstehen unter dieser Kategorie einen Querschnitt aus verschiedenen Branchen, in denen Fertigung und Produkte durch digitale Technologien eng miteinander vernetzt werden. Reine Technologieunternehmen brachten es dagegen auf 51 Börsengänge und 19,2 Milliarden Dollar Emissionsvolumen.
Was Einzelmärkte betrifft, war China inklusive Hongkong Spitzenreiter. Nach 55 Börsengängen im zweiten Quartal 2025 gab es im gleichen Zeitraum in diesem Jahr 77 Börsengänge. In den USA wurden mit 45 Unternehmen sechs weniger als im Vorjahr notiert. In Europa stieg die Zahl von 17 auf 24. Einer davon fand in Deutschland statt. Electrovac, das hermetische Verpackungen für Zivil- und Rüstungsgüter herstellt, erlöste im April 33,5 Millionen Euro an der Frankfurter Börse.
Vier weitere Börsengänge in Deutschland?
Kapitalerhöhungen oder Verkäufe von größeren Aktientranchen durch Großaktionäre fließen nicht in die Berechnungen von EY ein – auch wenn die Eigentümer des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB es als „Re-IPO“ sehen, dass sie am 26. Juni frische Aktien an der Frankfurter Börse platzierten. Schon zuvor war ein kleiner Anteil der Aktien des Satellitenherstellers in Streubesitz und frei handelbar. Gelungen war die Kapitalerhöhung dennoch: Das Unternehmen konnte sich 482 Millionen Euro über die Börse besorgen. An den bisherigen Großaktionär KKR gingen noch einmal 400 Millionen Euro.
Basierend auf den Zahlen des ersten Halbjahres zeigt sich EY-Fachmann Martin Steinbach zuversichtlich für das deutsche IPO-Geschehen: „Mit dem Momentum aus einem guten Jahresstart erwarten wir im deutschen Markt weitere Börsengänge von Unternehmen, insbesondere aus dem Verteidigungsbereich.“ Nach sechs Börsengängen im ersten Halbjahr hält Steinbach noch vier weitere im zweiten Halbjahr für möglich, vor allem in der Rüstungsindustrie. Mit dem Panzerhersteller KNDS hat sich vermeintlich schon für den Juli ein großer Kandidat aus diesem Bereich angekündigt.
KI-Unternehmen jagen nach Billionenbewertung
In den USA planen zudem zwei weitere Schwergewichte ihre Börsengänge. Am 1. Juni hat das KI-Unternehmen Anthropic seinen Antrag für einen Börsengang bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC abgegeben. Nach der Prüfung durch die Aufsicht könnte der Hersteller des KI-Chatbots Claude seine Aktien an die Börse bringen. Bei der letzten Finanzierungsrunde im vergangenen Mai wurde Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet. Wann genau der Börsengang geplant ist, ist noch offen.
Anthropic liefert sich dabei ein Rennen mit dem Konkurrenten Open AI, dem Hersteller des KI-Chatbots ChatGPT. Open AI wurde in einer Finanzierungsrunde im März mit 865 Milliarden Dollar bewertet. Die amerikanische Zeitung „New York Times“ berichtete in der vergangenen Woche mit Berufung auf Insider, dass Open-AI-Chef Sam Altman eine Bewertung von einer Billion Dollar anstrebt und deshalb mit dem Börsengang noch bis ins kommende Jahr warten könnte. Der Antrag für den IPO liegt indes schon bei der amerikanischen Börsenaufsicht.
