Geht es nach der schwarz-roten Regierung, soll künftig eine kapitalgedeckte Vorsorge das Umlageverfahren ergänzen. Die Idee erhält Lob von allen Seiten. Fast: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Partei „Die Linke“ sind dagegen – wobei zwischen beiden Organisationen kaum noch ein Unterschied zu erkennen ist. „Sichere Renten, statt Zocken an der Börse“ steht in fetten Lettern auf Plakaten des DGB.
Zocken an der Börse hat niemand vor. Das würde ja bedeuten, dass ein künftiger Rentenfondsmanager munter drauflosspekulieren und in großen Mengen Rheinmetall- oder SpaceX-Aktien kaufen könnte. Das kann er nicht. Der schwedische staatliche Rentenfonds, der den Deutschen zum Vorbild dient, investiert zu hundert Prozent in Aktien, diversifiziert sein Portfolio aber weltweit. Seit 2010 konnten die schwedischen Rentner mit jährlich bis zu zweistelligen Renditen rechnen.
So sicher wie Gewitter an einem heißen Sommertag
Utopisch sind solche Erwartungen nicht, schaut man sich zum Beispiel das Renditedreieck der F.A.Z. an. Nur wenige Verlustjahre sind dort zu sehen. Selbst größere Einbrüche wie die Finanzkrise von 2008 oder die Corona-Jahre tun auf Dauer der positiven Entwicklung von durchschnittlich acht Prozent keinen Abbruch.
Indes: Finanz- und Wirtschaftskrisen sind im Kapitalismus so sicher wie Gewitter an einem heißen Sommertag. Dass ein solches Gewitter zuweilen auch reinigend sein kann, wissen wir seit der jüngsten Hitzewelle. Niemand garantiert, dass Kursverluste in kurzer Zeit wieder ausgeglichen werden. „Finanzkrisen sind die Kehrseiten einer enormen Wachstumsdynamik“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe in seinem Standardwerk über „Wirtschaftskrisen“ von 2010. Ohne Krisen kein Kapitalismus; ohne kapitalistische Krisen kein Wohlstand im Alter.
Blicken wir 150 Jahre zurück nach Wien in das Jahr 1873. Am 9. Mai, einem Freitag, platzte an der Wiener Börse eine Aktien- und Immobilienblase. Die Kurse gingen um fast fünfzig Prozent in den Keller. Unter den zahlreichen Anlegern aus Hochadel, Bürgertum und einfachem Volk brach Panik aus. Die eben noch so erfolgreichen Bankiers und Börsenhändler fürchteten plötzlich um Freiheit und Leben. Manche griffen zu drastischen Mitteln, berichtet Plumpe: Einige Börsenhändler fingierten einen Selbstmord, „indem sie ihre alten Kleider an einer Donaubrücke niederlegten und in neuen das Weite suchten“.
1873 war eine Zeitenwende. Seither bezeichnet man diesen Freitag als „Schwarzen“ Freitag. Wenn später an einem Tag die Börsen einbrachen, sprach man ebenfalls von schwarzen Tagen: Es gibt schwarze Montage (1929, 1987). Und einen schwarzen Donnerstag (ebenfalls 1929). Der 9. Mai 1873 ist sozusagen die Mutter aller Börsencrashs. Es folgte die „Gründerkrise“ (der Begriff ist umstritten); eine kollektiv depressive Stimmung war der Nährboden für den aufkommenden Antisemitismus und Populismus. „Jüdische Spekulanten“ und Bankiers mussten als Sündenbock für die Krise herhalten. Nationalismus und Protektionismus wurden in vielen Staaten salonfähig.
Geschichte wiederholt sich nicht, reimt sich aber
Weil mein Kollege Gerald Braunberger mit Verweis auf Mark Twain regelmäßig betont, Geschichte wiederhole sich nicht, reime sich aber, lohnt ein prüfender Blick auf eine Strukturähnlichkeit des späten 19. und des frühen 21. Jahrhunderts. Dazu empfehle ich ein neues Buch des Pulitzer-Preisträgers Liaquat Ahamed mit dem Titel „1873“ (Penguin Verlag).
Dem Crash von 1873 vorausgegangen war ein schwindelerregender Boom. Die Aktienkurse lagen um 300 Prozent über dem Durchschnitt der vorausgegangenen drei Jahre. Hunderte von Start-ups, wie man heute sagen würde, waren an die Börse gegangen. Nicht nur die Kurse, auch das Handelsvolumen explodierte. Aktien zu kaufen war Volkssport geworden: Oberkellner der Wiener Kaffeehäuser gaben einander Börsentipps. Generäle, Herzoginnen samt Dienstmädchen, selbst die Schuhputzer, alle waren vom Fieber ergriffen.
Dem Gründerkrach vorausgegangen war der Gründerboom: 1873 bedeutete das Ende eines Aufschwungs des vorausgegangenen halben Jahrhunderts – und zwar nicht nur in Österreich-Ungarn, sondern in der ganzen Welt. Überall fuhren jetzt Eisenbahnen, neue Binnenschifffahrtswege beschleunigten den Handel, transatlantische Unterseekabel verkürzten die Kommunikationswege. Zugleich wurde das Finanzsystem modernisiert: Staaten finanzierten sich systematisch über Staatsanleihen; für die Emissionen dieser Anleihen hatten sich die Rothschilds angeboten, das führende globale Bankhaus mit Sitz in London, Paris, Wien und Frankfurt und Vertretungen in Sankt Petersburg und New York City.
Der Börsencrash in Wien blieb nicht der einzige Schock. Einer Pandemie gleich kam es nacheinander zu Krisen in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und den wenig entwickelten Ländern (zum Beispiel Ägypten). Weltweit folgte ein schwerer und anhaltender konjunktureller Einbruch. Die Preise fielen, die Investitionen brachen ein. Eine Deflation folgte, die zwar faktisch nur bis 1879 dauerte, aber das Klima bis in die 1890er-Jahre bestimmte, so Werner Plumpe.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Zu entscheiden, ob die Deflation eine direkte Folge des Crashs war oder aber, wie Liaquat Ahamed argumentiert, darauf zurückzuführen ist, dass die Regierungen das internationale Währungssystem auf Goldbasis (statt wie zuvor auf Gold und Silber) umbauten, überlasse ich den Finanzexperten. Klar ist: Wer auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase Aktien oder Immobilien gekauft hatte, brauchte sehr lange, um wieder auf seinen Einstand zu kommen. Wer breiter investiert war, musste weniger lange leiden. Gläubiger oder Lohnempfänger profitierten. Kulturell zählt die Wiener Moderne (von Hofmannsthal über Freud und Wittgenstein bis zu Mach, Mahler und Schumpeter) zu den ideenreichsten Jahren der Geschichte. Träger der Moderne waren nicht selten die Söhne und Töchter der Crash-Pleitiers. Doch in der Breite hatte sich eine depressive Unzufriedenheit ausgebreitet. Der Liberalismus war in Verruf gekommen.
Was heißt das jetzt für die neue Aktienrente? Wer Altersvorsorge auf Kapitaldeckung gründet, muss den Bürgern keine Crashfreiheit versprechen. Die Börse ist keine Sparkasse mit schwankender Verzinsung, sondern ein Ort, an dem Risiko in langfristige Rendite verwandelt wird. Aber auch die Umlagerente ist bekanntlich nicht sicher, Norbert Blüm zum Trotz. Beruhigend ist: Seit dem Crash von 1873 verliefen alle Krisen milder – das beweist die Lernfähigkeit von Wirtschafts- und Geldpolitik. Andererseits weist der milliardenschwere Boom der Künstlichen Intelligenz große Ähnlichkeit auf mit der Eisenbahn-Blase des 19. Jahrhunderts. Sorgen müsste man sich, dass Politik, Notenbanker und Öffentlichkeit beim ersten großen Börseneinbruch die Nerven verlieren.
