Der Mann im grünen Overall ist bestens ausgerüstet. Am Gürtel trägt er ein kleines Glöckchen, eine große Spraydose mit Bärenabwehrmittel und ein orangefarbenes Röhrchen, das aussieht wie eine Taschenlampe und ein ohrenbetäubendes Pfeifen von sich gibt, wenn der Mann einen Knopf drückt. Sogar einen Schutzhelm trägt Koji Ozaki, wenn er den nur wenige Hundert Meter langen Wanderweg vom Parkplatz durch den Wald zu den Überresten der Burg Hachioji geht.
Am Rande der Lichtung, wo einst die Burg stand, bleibt der hagere Mann mit den grauen Haaren stehen und kramt ein rotes Päckchen aus seinem Bauchbeutel. Mit den Fingern nestelt er etwas heraus, legt es ins Gras und benötigt dann ziemlich lange, um ein grünes Räucherstäbchen anzuzünden. „Fünf Meter Sicherheitsabstand“, ruft Ozaki seinen Besuchern zu, ehe er sich mit seinem Stäbchen zum Boden beugt, wo schließlich eine kleine Lunte zu brizzeln beginnt. Peng, peng, peng, knallt es durch den Wald, eine weiße Rauchwolke steigt auf. „Das war’s schon“, sagt Ozaki und lacht.
Der Mann im Overall ist so etwas wie der Parkwächter in dieser Ruinenanlage im Wald, die ein beliebtes Ausflugsziel am Rande der japanischen Hauptstadt Tokio ist. Hier geht die Megametropole über in die steilen japanischen Berge, ein Bach plätschert über mehrere kleine Wasserfälle durch das saftige Grün der Bäume, Büsche und Farne. Eigentlich ein Idyll.
Mit Knallfröschen gegen Schwarzbären
Doch seit Anfang Juni hat der Parkwächter Ozaki eine zusätzliche Aufgabe: Er soll Bären verscheuchen. Ende Mai hatte ein Wanderer hier draußen bei der Ruine einen Schwarzbären gesehen. Seitdem geht Ozaki dreimal am Tag hinaus und lässt seine Knallfrösche los. „Wir wollen den Bären sagen: Hier leben wir! Hier sind wir Menschen, und sie sollen nicht hierherkommen“, sagt Ozaki.
Wie groß die Angst der Menschen vor den Bären ist, kann Naoki Ikegami von der Stadtverwaltung von Hachioji, der an diesem Tag mit Ozaki in den Wald gegangen ist, genau beziffern. Seine Abteilung misst mit einer Lichtschranke, wie viele Besucher hinaus zu der Ruine im Wald wandern. Im April und im Mai dieses Jahres lagen die Zahlen etwa genau auf dem Niveau des Vorjahres. Im Juni, also nach der Bärensichtung, war die Besucherzahl nur halb so groß wie vor einem Jahr. „Wir wollen das hier wieder zu einem Ort machen, an dem die Menschen sich sorgenlos entspannen können“, sagt Ikegami.

Das laute Krachen der Knallfrösche soll die wilden Tiere in andere Regionen der weitläufigen Wälder vertreiben. Außerdem will die Stadt noch mehr Kameras aufhängen. Um zu verhindern, dass die Tiere noch weiter in das Stadtgebiet von Tokio vordringen, wollen die Behörden zudem die Ufergebiete der großen Flüsse roden. Sie fließen, von den Bergen kommend, quer durch Tokio bis zum Meer und sind streckenweise von weiten, wild bewachsenen Auen umgeben.
27 Angriffe haben die Behörden allein seit April registriert
Die Bärensichtung in Hachioji ist bei Weitem nicht die einzige. In vielen Regionen Japans häufen sich die Angriffe. Hier, auf der Hauptinsel Honshu, sind es asiatische Schwarzbären, auf der Nordinsel Hokkaido die größeren Braunbären, die immer häufiger aus den Bergen und Wäldern hinein in die Städte kommen. 27 Angriffe haben die Behörden allein seit April registriert, in fünf Fällen endeten sie tödlich. Die Tiere attackierten vor allem Menschen, die allein im Wald unterwegs waren, um Bambussprossen oder andere wilde Pflanzen zu sammeln. Doch auch in bewohnten Gebieten treiben die Bären immer häufiger ihr Unwesen.

International verbreitet hat sich eine Videoaufnahme aus der Stadt Fukushima, auf der ein Bär einen Mann regelrecht über einen Parkplatz jagt und ihn schließlich zu Fall bringt. Insgesamt vier Menschen verletzte das Tier an diesem Tag, danach floh es in das Gebäude eines Elektronikunternehmens. Als Sicherheitskräfte es schließlich herausholen wollten, war es getürmt. Den Spuren zufolge hatte der Bär selbst ein Fenster geöffnet und zuvor noch aus einem Wasserhahn getrunken. Der Bürgermeister von Fukushima sagte anschließend: „Wir glauben, dass er extrem intelligent ist.“
Die Angst vor Bärenangriffen wächst im ganzen Land
Solche Aufnahmen, die seit Wochen immer wieder in den Fernsehnachrichten gezeigt werden, haben im ganzen Land die Angst vor Bärenangriffen wachsen lassen. In Hachioji hatte erst kurz vor der Sichtung an der Burgruine Ende Mai die Videoaufnahme einer Wildkamera Aufsehen erregt. In einem kleinen Waldstück hinter einer Grundschule, die mitten in der Stadt liegt, war darauf ein Bär zu sehen. Die Schule blieb mehrere Tage geschlossen. Als sie wieder aufmachte, erhielten alle Schüler kostenlos Bärensprays – im Grunde Pfefferspraydosen mit einem besonders starken Strahl. Eine andere Stadt im Norden Tokios ließ sogar alle Schulen für mehrere Tage geschlossen, weil auf Kameras nächtliche Streifzüge von Bären durch die Wohngebiete zu sehen waren.

Von April 2025 bis März 2026 – so zählen die Japaner ihre Fiskaljahre – wurden in ganz Japan 50.000 Bärensichtungen gemeldet. Das waren mehr als doppelt so viele wie beim vorherigen Höchstwert aus dem Fiskaljahr 2024. Auch die Zahl der tödlichen Attacken erreichte im vergangenen Jahr mit 13 einen Höchststand. Dass im laufenden Fiskaljahr schon nach drei Monaten fünf Todesfälle zu beklagen sind, alarmiert die Behörden. Die Regierung um Ministerpräsidentin Sanae Takaichi hat die Regeln zum Abschuss von Bären bereits gelockert. Auch die Lokalregierung von Tokio will die Schwarzbären nun erstmals seit fast 20 Jahren wieder von der Liste der bedrohten Tiere streichen, damit Jäger sie schießen dürfen.
Die Wildtiere finden wohl nicht mehr genügend Nahrung
Als Grund dafür, dass die Bären immer häufiger in die Wohngebiete vordringen, gilt unter anderem der Klimawandel. Die vergangenen Sommer waren in Japan sehr heiß und trocken, sodass Fachleute vermuten, dass die Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum nicht mehr genug Nahrung fanden. Zu den wichtigsten Ratschlägen der Behörden zählt daher, dass die Menschen keine Lebensmittelreste oder Mülltüten in ihren Gärten liegen lassen sollten. Obstbäume, Beerensträucher und andere Futterquellen sollten möglichst gut geschützt werden.
Doch das ist gar nicht so einfach. Die 77 Jahre alte Imkerin Hisako Kawachi betreibt ein Lädchen in einem Bergdorf in der Nähe von Hachioji. In ihren Regalen stehen Gläser mit Honig von Rosskastanien, Kirschblüten und Bergblumen. Wenn die Kunden sich für ihre Produkte interessieren, kommt die kleine Frau im geblümten Wickelkleid mit Probierfläschchen zu ihnen und gibt ihnen von allen Sorten einen Tropfen auf einen kleinen Plastiklöffel. Im vergangenen Jahr hatte sie zum ersten Mal einen Bären an ihren Bienenstöcken, erzählt sie und führt ihre Besucher eine steile Auffahrt hinab hinter ihren Laden.
Mehrere Holzkästen stehen dort aufgereiht auf einer Plastikplane. Drumherum hat die Imkerin einen Elektrozaun aufgestellt. „Dieser ist breiter als der, den wir vorher hatten“, sagt sie. „So hoffen wir, dass der Bär nicht wiederkommt.“ Der alte, kleinere Zaun habe den Bären nicht abgehalten. Das Tier sei wohl einfach über den Baum geklettert, der neben dem abgezäunten Gelände steht. Angst hat die alte Dame nicht, die trotz ihrer 77 Jahre noch erstaunlich gut zu Fuß ist und viel lächelt, wenn sie erzählt. Sie ärgert sich vor allem über den wirtschaftlichen Schaden: „Er hat uns den Honig geklaut, und viele der Kästen sind dabei kaputtgegangen.“
Auch Roboter sollen helfen
In anderen Regionen stellen Landwirte inzwischen sogenannte Monsterwölfe auf. Das sind Robotertiere mit wilden grauen Mähnen und rot leuchtenden Augen, die laute Bell- und Heulgeräusche von sich geben, sobald sie eine Bewegung am Waldrand entdecken. Der Erfinder Yuji Ohta berichtete kürzlich in einer Fernsehsendung, dass seine Firma schon in den ersten Monaten dieses Jahres so viele Bestellungen erhalten habe wie im gesamten Vorjahr.

Die Imkerin Kawachi hält solche Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben. Nicht einmal eine Bärenglocke oder ein Bärenspray trage sie, wenn sie in ihrem Garten unterwegs ist. Sie lächelt etwas verschämt, als sie das sagt, als fände sie das selbst ein bisschen leichtsinnig. Doch die alte Imkerin glaubt offenbar an das Gute im Bären. „Bären lieben nun mal Honig, was soll man da machen“, sagt sie. „Aber die wollen ja nur den Honig fressen. Vor Menschen haben die Bären doch Angst.“
