
Nach den tödlichen Schüssen auf sechs Menschen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade hat das Amtsgericht Haftbefehl gegen den 45 Jahre alten Tatverdächtigen erlassen. In einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft heißt es, die Taten würden aufgrund des Vorliegens von Mordmerkmalen, insbesondere Heimtücke und niederen Beweggründen, als sechsfachen Mord bewertet.
Der Beschuldigte wurde den Angaben zufolge anschließend in eine JVA gebracht. Zwei tatverdächtige Frauen wurden demnach auf freien Fuß gesetzt.
Die Spurensicherung der Polizei war derweil den ganzen Tag am Tatort in der Dankersstraße 29 in Stade tätig. Das bestätigte eine Sprecherin der Polizeidirektion Lüneburg. Mit hohem Personaleinsatz versuchen die Behörden, die Hintergründe der schrecklichen Tat zu erhellen.
Auslöser mutmaßlich ein Sorgerechtsstreit
Am Montagmittag gegen zwölf Uhr hatte ein 45 Jahre alter Mann in der privaten Jugendhilfeeinrichtung sechs Erwachsene erschossen – vier Frauen und zwei Männer. Vier Opfer waren sofort tot, eines starb noch am Tatort während der Reanimation. Das sechste Opfer verstarb später im Krankenhaus. Mehr Todesopfer sind nicht zu befürchten, da es keine weiteren Verletzten gab.
Der Täter hatte am Montag ein sogenanntes Hilfeplangespräch der Jugendhilfeeinrichtung, bei dem es um das Sorgerecht für seine drei Monate alte Tochter ging. Das Baby und dessen 34 Jahre alte Mutter befanden sich zum Tatzeitpunkt ebenfalls in dem Gebäude des privaten Trägers. Beide blieben bei der Tat unverletzt. Bei dem Vater handelt es sich um einen in Deutschland geborenen türkischen Staatsbürger aus dem Raum Hannover. Der Mann galt laut Darlegung der Behörden bis zur Tat zwar nicht als „absolut gewalttätig“, er war der Polizei aber bereits wegen Bedrohungen bekannt. Auch von der Jugendhilfe wurde der Fall als heikel eingestuft.
Zuständig für den Fall war eigentlich das Jugendamt in Hannover
Zuständig für den Fall war das Jugendamt der Region Hannover, das mit der Einrichtung in Stade kooperiert. Unter den sechs Toten seien neben drei Mitarbeitern der dortigen Jugendhilfeeinrichtung auch drei Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover gewesen, die zu dem Gespräch nach Stade gereist waren und von dem Vater dort erschossen wurden, teilte die Regionsverwaltung am Dienstag auf Anfrage mit. Man sei erschüttert und arbeite mit den Ermittlungsbehörden zusammen, könne aber zu dem Sorgerechtsfall gegenwärtig keine Auskunft geben.
Nach den tödlichen Schüssen versuchte der Täter, in einem grauen SUV zu fliehen. Bei dem Wagen handelt es sich um einen getunten Mercedes GLE mit Kennzeichen aus Hannover. Die herbeigeeilten Einsatzkräfte versuchten, die Flucht zu verhindern. Laut einem Zeugen soll die Polizei mit einer Maschinenpistole auf den Wagen gefeuert haben.
Der Lüneburger Polizeivizepräsident Jörg Wesemann sagte dazu am Montagabend, die Beamten hätten mit ihren Schusswaffen auf das Fahrzeug „besonnen eingewirkt“ und damit möglicherweise den geplatzten Reifen verursacht, der später an dem Fahrzeug zu sehen war. Auf einem Video ist zu sehen, wie das Fahrzeug kurze Zeit später einige Kilometer außerhalb von Stade auf der B 73 von zahlreichen Polizeikräften gestellt wird und die beiden Insassen festgenommen werden. Der 45 Jahre alte Täter war Beifahrer, am Steuer saß eine 65 Jahre alte Frau, die nach Polizeiangaben „eine enge Verbindung zur Familie“ des Täters aufweist.
Die Fahrerin befindet sich gegenwärtig in Polizeigewahrsam. Der Säugling wurde dem Jugendamt übergeben. Zur Tatwaffe machen die Behörden gegenwärtig keine Angaben. Der 45 Jahre alte mutmaßliche Täter hatte nach Polizeiangaben allerdings keine Berechtigung für die Waffe.
Behörden sehen keinen Bezug zur Clankriminalität in Stade
Das Motiv für die Tat wird von den Behörden klar im persönlichen Bereich verortet, ein politischer oder wirtschaftlicher Hintergrund sei nicht erkennbar. Im Zusammenhang mit der Tat wird gegenwärtig aber auch über Verbindungen zur Clankriminalität spekuliert. In Stade hatte es in jüngerer Zeit mehrfach Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Clans gegeben, darunter auch dem Miri-Clan. Ein Zusammenhang mit diesen Vorkommnissen wird jedoch klar dementiert. „Es hat damit gar nichts zu tun, es ist ein sehr singulärer Fall“, sagte Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) am Montagabend auf einer Pressekonferenz dazu.
Die Sicherheitsbehörden verweisen auch darauf, dass sich die Tat nach bisherigen Erkenntnissen nur deshalb in Stade ereignete, weil das Jugendamt aus Hannover mit der privaten Jugendhilfeeinrichtung dort kooperiert. Davon abgesehen sei bisher kein relevanter Bezug nach Stade bekannt.
Mit Zurückhaltung reagieren die Behörden auch auf die Berichterstattung von NDR und WDR, laut denen der Täter zu einem großen Clan aus Hannover gehört. Einen Bezug des Täters zum Miri-Clan haben Polizei und Innenministerium auf der Pressekonferenz am Montagabend bereits zurückgewiesen. Auch am Dienstagvormittag äußerten beide Behörden auf Anfrage, dass man beim Täter bisher keinen Clanbezug erkennen könne. Für den Dienstagabend ist in Stade ein Gedenkgottesdienst geplant.
