Eine Reise nach Japan hat eigentlich das Potential, durchweg unentspannt zu sein. Man ist mit seinem Partner in einem zehn Quadratmeter großen Hotelzimmer eingepfercht, könnte versehentlich rohe Fisch-Geschlechtsorgane essen, und für die elektronische Toilette braucht man eine Gebrauchsanweisung. Dazu findet man sich vorwiegend in Großstädten und Hyperschnellzügen wieder.
Es bleibt ein Rätsel: Trotz allem kommt man von einer Japanreise gewöhnlich herrlich entspannt zurück, sie verdient sich das Wort „Urlaub“. Das kann nicht nur an den wärmenden Toilettensitzen, Zen-Gärten und der Höflichkeit der Japaner liegen. Die selbst scheinen die personifizierte Entspannung und pennen bei U-Bahn-Fahrten in der größten Stadt der Welt seelenruhig, statt in europäischer Manier panisch nach Taschendieben Ausschau zu halten.
Eine Oase der Ruhe
Forscher haben in den „Scientific Reports“ nun eine mögliche Ursache für diese innere Ruhe gefunden: Der Duft der Tatami-Matte entspannt, lindert Stress und schärft womöglich den Verstand. Der Geruch geht auf die Schicht aus Igusa zurück, einer Variante der Flatter-Binse, Juncus effusus. Binsen sind Sumpfpflanzen, man findet sie hierzulande oft an Tümpeln. Ihre Halme können über einen Meter hoch werden und sie wachsen in Grüppchen, einem Horst.

Wer bei diesem Wort eher an einen älteren Herrn denkt, würde Binsen wohl auch für Gräser halten. Doch sie sind nur „grasartig“: Binsen haben glatte Stängel ohne Knoten, anders als Gräser. Deswegen lassen sie sich gut zu Bodenmatten flechten. Und dieser Glattheit ist wohl auch die „Binsenweisheit“ geschuldet. Die lateinische Wendung „nodum in scirpo quaerere“ heißt so viel wie: einen Knoten an der Binse suchen. Sozusagen die prächristliche Version von „Ist der Papst katholisch?“.
Nur in Socken auf die Tatami
Die Tatami-Matte besteht nun aus einem Reisstrohkern, auf den eine Binsenmatte genäht ist. Heute gibt es allerdings auch Exemplare mit Schaumstoffkern und Heizung. Schon im achten Jahrhundert haben Aristokraten auf Binsenmatten genächtigt. In der Edo-Periode wurden Zimmer mit Tatami-Böden auch bei Samurais und wohlhabenden Normalos beliebt, und ab dem 19. Jahrhundert hatte jeder Hinz und Kunz Tatami-Matten zu Hause. Heutzutage ist dieser Bodenbelag eher in traditionellen Häusern zu finden. Als Urlauber kann man sich merken: nur in Socken auf die Tatami! Sie sind empfindlich, dabei aber eine Art abwaschbarer und somit hygienischerer Teppich und ziemlich bequem.
Der positive Effekt geht womöglich über Gemütlichkeit hinaus, auch wenn es hierzu nur kleinere Studien gibt: Die volatilen aromatischen Verbindungen des Igusa haben offenbar entspannende Wirkung, führen zu entsprechenden Änderungen der Hirnaktivität und können wohl auch das parasympathische – beruhigende – Nervensystem aktivieren. Und das, auch wenn die Probanden den Geruch nicht mochten. Altenheimbewohner schnitten etwas besser in Demenztests ab durch Igusa-Duft. Bei den Studenten in der neusten Studie zeugte die Hirnaktivität, gemessen mit EEGs, von Entspannung, wenn sie auf Tatami-Matten hockten. Denkaufgaben konnten sie ein paar Augenblicke schneller lösen als auf Gummimatten.
Leider hat sich die Tatami-Matte in Deutschland nie durchgesetzt. Ein Jammer, immerhin gebe es derzeit Bedarf an Entspannung und kognitiven Fähigkeiten. Zweifelsohne könnten ein paar Tatami-Matten in Schulen nicht schaden. Die japanischen Schüler belegen in der PISA-Auswertung mal wieder Spitzenplätze, anders als unsere Jugendlichen können sie offenbar noch lesen und sogar rechnen. Und auch in manchen Regierungsgebäuden wäre so eine Tatami-Matte derzeit wohl von Vorteil.
