Im Mai dieses Jahres mussten zwei indische Mount-Everest-Besteiger ihren Gipfelerfolg mit dem Leben bezahlen. Beide starben an den Folgen akuter Höhenkrankheit. Während Arun Kumar Tiwari auf etwa 8790 Metern Höhe zusammenbrach, konnte Sandeep Are von fünf Sherpas noch ins Lager zwei geschleppt werden. Doch auch dort kam jede Hilfe zu spät.
Beide Todesfälle waren tragisch. Beide wären meiner Einschätzung nach vermeidbar gewesen.
Nach 22 Jahren Arbeit für die Himalayan Database, das Archiv aller Expeditionen im nepalesischen Himalaja, zeigt sich immer wieder das gleiche Muster: Wer sich vom Gipfelfieber mitreißen lässt, nimmt oft die Warnsignale des Körpers nicht mehr wahr. Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit und Erschöpfung werden ignoriert, wenn der Gipfel zum Greifen nah ist. Eigentlich müsste niemand an Höhenkrankheit sterben, denn wer rechtzeitig umkehrt, hat gute Chancen, zu überleben. Dennoch fordert sie jedes Jahr Todesopfer.
Sandeep Ares Leichnam konnte aus dem Lager zwei ausgeflogen und nach Hause gebracht werden. So konnte die Familie von ihm Abschied nehmen. Arun Kumar Tiwaris Angehörigen blieb dies verwehrt. Einen Toten aus fast 8800 Meter Höhe zu bergen, gehört zu den gefährlichsten und teuersten Unternehmungen am Everest. Aufgrund der enormen Kosten entschied sich die Familie gegen eine Bergung. Trost fand sie in dem Gedanken, dass Tiwari dort blieb, wo Hindus die Wohnstätte des Gottes Shiva vermuten. „Er bleibt bei Lord Shiva“, lautete ihre schlichte Begründung.
Manche akzeptieren den Berg als letzte Ruhestätte
Diese Entscheidung erschien mir richtig, auch wenn später in der Saison Hunderte von Bergsteigern an seinem Leichnam vorbeiklettern mussten. Doch nicht jede Familie kommt zum selben Schluss. Manche akzeptieren den Berg als letzte Ruhestätte ihrer Angehörigen, andere setzen alles daran, sie nach Hause zu holen – selbst Jahrzehnte später.
Genau ein solcher Fall beschäftigt die Bergsteigerwelt derzeit wieder. Im Mittelpunkt steht Dorje Morup, besser bekannt als „Green Boots“. 30 Jahre nach seinem Tod soll sein Leichnam noch in diesem Jahr geborgen werden. Morup, Mitglied einer Expedition der Indo-Tibetan Border Police, der indischen Grenzschutzbehörde, starb am 10. Mai 1996 hoch oben am Nordostgrat in einem verheerenden Sturm, bei dem in einer einzigen Nacht acht Menschen ums Leben kamen. Das Unglück wurde durch Jon Krakauers Bestseller „In eisige Höhen“ weltbekannt. Morups leuchtend grüne Koflach-Bergschuhe, die aus einer kleinen Felshöhle auf rund 8500 Metern ragten, machten ihn zu einer der bekanntesten, aber auch makabersten Wegmarken am Everest.
Über Jahrzehnte diente „Green Boots“ vielen Expeditionsleitern als Orientierungspunkt auf dem Weg zum Gipfel. Wer ihn bis zur vereinbarten Uhrzeit nicht erreicht hatte, musste umkehren.
Oft habe ich mich gefragt, wie die Familie damit lebte, dass ihr Sohn, Ehemann oder Bruder für viele längst kein Mensch mehr war, sondern ein Orientierungspunkt auf dem Weg zum Gipfel. Wäre er damals lebend vom Everest zurückgekehrt, wäre sein Name vermutlich nie bekannt geworden.

2014 wurde „Green Boots“ von der Route entfernt. Doch lange wusste niemand mit Gewissheit, wer er tatsächlich war. Erst im vergangenen Jahr bestätigte ein DNA-Test, dass es sich um Dorje Morup handelte und nicht um seinen Seilpartner Tsewang Paljor, der in der gleichen Nacht ums Leben kam. Damit erhielt seine Familie endlich die Klarheit, auf die sie so lange gewartet hatte. Es ist nur allzu verständlich, dass sie ihn nun nach Hause holen möchte. Doch rechtfertigt dieser späte Nachweis das Risiko einer Bergung?
Geschätzt liegen immer noch 200 Tote am Everest. Manche sind unter Schnee und Eis begraben, andere liegen dort, wo jedes Jahr Hunderte Bergsteiger vorbeikommen. Einen gefrorenen Körper, der mitsamt Ausrüstung bis zu 200 Kilogramm wiegen kann, aus der Todeszone zu holen, gehört zu den härtesten Aufgaben am Everest. Jede Bergung bringt Sherpas und andere Höhenarbeiter in Lebensgefahr. Allein die Rückholung Morups dürfte zwischen 100.000 und 150.000 Dollar kosten – vorausgesetzt, die chinesischen Behörden erteilen überhaupt eine Genehmigung. Ein Helikopter kommt nicht infrage. In Tibet sind solche Flüge nicht erlaubt. Und selbst wenn sie es wären, könnte kein Helikopter einen Leichnam aus 8500 Metern Höhe ausfliegen.
Der Leichnam von George Mallory ruht weiterhin am Berg
Der Everest, oder Chomolungma, wie ihn die Sherpas nennen, birgt unzählige Geschichten. Keine fasziniert die Bergsteigerwelt mehr als die von George Mallory und Andrew Irvine. Die Briten verschwanden 1924 in den Wolken. Ob sie den Gipfel erreichten, ist bis heute ungeklärt. Als Mallorys außergewöhnlich gut erhaltener Leichnam 75 Jahre später entdeckt wurde, brachte man ihn nicht ins Tal. Auf Wunsch seiner Familie führte man eine buddhistische Zeremonie durch und ließ ihn weiterhin am Berg ruhen.
Doch nicht allen Toten war eine solche Ruhe vergönnt. Hannelore Schmatz, die erste Deutsche auf dem Gipfel, wurde 1979 auch die erste Frau, die am Everest ums Leben kam. Sie starb beim Abstieg an Höhenkrankheit, nachdem sie noch versucht hatte, ihrem erschöpften Seilpartner zu helfen. Als fünf Jahre später zwei Sherpas ihren Leichnam bergen wollten, stürzten sie dabei in den Tod. Mehr als zwei Jahrzehnte lang lag der gefrorene Körper von Hannelore Schmatz direkt an der Aufstiegsroute auf der Südseite des Everest. Vielen Bergsteigern blieb das Bild der Frau unvergessen, die mit geöffneten Augen und im Wind wehenden Haaren an ihren Rucksack gelehnt im Schnee saß. Erst später verschwand ihr Leichnam. Man vermutet, dass der Wind ihn über die Kangshung-Flanke in die Tiefe trug.
Dann war da noch Francys Arsentiev. 1998 wurde sie zur ersten Amerikanerin, die den Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff bestieg. Den Abstieg überlebte sie jedoch nicht. Friedlich ruhend, als würde sie schlafen, ging sie als „Sleeping Beauty“ in die Geschichte des Everest ein, bis neun Jahre später Bergsteiger ihren Leichnam aus dem Blickfeld der Route schafften.
Die Frage, was mit den Toten am Mount Everest geschehen soll, stellt sich schon seit Langem. Eine eher absurde Antwort lieferte 2006 Nepals Tourismusministerium. Es verweigerte dem Südtiroler Alpinisten Hans Kammerlander die Rückzahlung seiner Müllkaution von 2000 Dollar. Der Grund: Der Leichnam seines Kletterpartners war am Berg geblieben und galt somit faktisch als zurückgelassener Abfall.
Vielleicht fällt es uns heute schwerer als früher, den Tod ruhen zu lassen. Der technische Fortschritt lässt uns oft glauben, dass wir jedes Problem lösen können. Doch der Everest folgt nicht immer unseren Vorstellungen.
Morups Familie hat allen Grund, ihn nach Hause holen zu wollen. Sie hat lange genug gewartet. Dennoch bleibt die Frage, ob die größte Form des Respekts nicht darin besteht, ihn dort zu lassen, wo sein Weg endete – bei Lord Shiva.
Billi Bierling ist Höhenbergsteigerin, Autorin und Leiterin der Himalayan Database, der wichtigsten Chronik des Himalaja-Bergsteigens in Nepal. Sie hat sechs Achttausender bestiegen, darunter auch den Mount Everest (8848 Meter).
