
Arno Schmidts Roman „Zettel’s Traum“ legt es nicht unbedingt auf Lesbarkeit an. Als der Band, um den es vorab viel Geraune gab, 1970 dann endlich erschien, war nicht nur sein Autor sichtbar erschöpft, sondern auch die Leserschaft, die den mäandernden Wegen des überaus anspielungsreichen Buches nur mühsam, oft genug gar nicht, folgen konnte.
Nach dem Tod Arno Schmidts im Sommer 1979 wurde die Stiftung gegründet, die sein Werk und seinen Nachlass betreut. Dass an ihre Spitze der 1952 geborene Bernd Rauschenbach berufen wurde, muss man zu den glücklichsten Entscheidungen zählen, die in solchen Fällen überhaupt getroffen werden können. Rauschenbach brachte aus seinem Berliner Studium bei Walter Höllerer solide literaturwissenschaftliche Kenntnisse mit, aber auch bibliothekswissenschaftliche, was der Arbeit in der Stiftung sehr zugutekam.
Seine produktive Grundruhe
Er war ein begeisterter, rastloser Leser, bereit, den vielen Hinweisen Arno Schmidts auf entlegene Literatur nachzugehen, ohne ihnen kritiklos zu folgen. Er kannte Arno Schmidt persönlich, er war ihm nützlich bei der Beschaffung schwierig zu bekommender Literatur, aber er war weit davon entfernt, dem verehrten Autor gegenüber zum Jünger zu werden. Und er besaß eine produktive Grundruhe, die Fähigkeit, eine gesunde Distanz zu den Dingen einzunehmen, wenn dies für das Gelingen des Projekts nötig war.
Das Projekt: das disparate Werk eines oft durchaus zugänglichen, immer abgründigen Autors editorisch in eine Form zu bringen, die ihm die größtmögliche Wirkung verschafft. Rauschenbach, der kurz als Verlagslektor gearbeitet und mit Susanne Fischer und dem Buchgestalter Friedrich Forssman exzellente Mitarbeiter an seiner Seite wusste, steuerte die Stiftung souverän durch Krisen wie die Notwendigkeit, nach dem Bruch mit Haffmans einen neuen Publikationsort zu finden, was in der Zusammenarbeit mit Suhrkamp gelang.
Ein feines Ohr für den Klang der Literatur
Ein weiterer Kraftakt war die Überführung der vier Typoskriptromane Schmidts in gesetzte Texte – das Vertrauen in Forssman rechtfertigte sich aufs Schönste. Und schließlich gab Rauschenbach einen Band heraus, der „Zettel’s Traum“ derart gekonnt vorstellte und erschloss, dass seit 1970 nichts – keine Erklärung Schmidts, keine Rezension, kein literaturwissenschaftlicher Aufsatz – den Zugang zu dem Roman so erleichtert haben dürfte wie dieser.
Rauschenbach nahm sich zurück, machte sich aber niemals klein. Er wusste, was er wert war, auch als Autor von grandios verspielten Kurztheaterstücken, die er zusammen mit Jörg Gronius verfasste. Vor allem im lauten Lesen wird ihr Wortzauber sichtbar, und dass Rauschenbach ein begabter Sprecher war, der auch hier oft genug einen Weg zur Rezeption Arno Schmidts bahnte, spricht wiederum für sein feines Ohr für den Klang von Literatur.
Er war freundlich und klug, jedes Gespräch mit ihm war ein Gewinn. Am Donnerstagmorgen ist Bernd Rauschenbach gestorben.
