
Die alten Reiche der bronzezeitlichen Hochkulturen hatten Palastarchive von wirtschaftlicher und diplomatischer Korrespondenz sowie von Verwaltungsschriften – alles auf Tontafeln, später auf Papyri. Seitdem ist die Haltbarkeit der Kommunikationsmedien kontinuierlich rückläufig. Nie war die Kommunikation flüchtiger als jetzt, und die Frage nach gemeinsamen Lösungen im Bereich der digitalen Langzeitarchivierung ist längst überfällig. Diesem Thema widmete sich jetzt die Tagung „Was kostet und wie nachhaltig ist digitale Kultur?“, die von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach ausgerichtet wurde.
Die oft gepriesene „Cloud“ ist kein Zauberstück der Datensicherung. Digitale Archive benötigen enormen Wartungs- und Ressourcenaufwand, um sich nicht innerhalb kürzester Zeit zu digitalen Ruinen zu verwandeln. Wie stellen wir sicher, dass auch in hundert Jahren und darüber hinaus auf unsere digital archivierten Daten zugegriffen werden kann?
Im Juni 2026 traten die großen Archivinstitutionen des Landes gemeinsam vor den Bundestag, um Stellung zu beziehen: Es geht um die konkrete Umsetzung eines „kollektiven Gedächtnisses im digitalen Zeitalter“. Das Ziel ist die Einrichtung eines digitalen Langzeitarchivs, eines sogenannten Dark Archive, als Bundeseinrichtung. Beteiligt daran sind die Deutsche Digitale Bibliothek, das Bundesarchiv, die Deutsche Nationalbibliothek, der Kinematheksverbund und das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Vorgelegt wurden ein schrittweiser Ausbauplan und ein Plan zur Finanzierung.
Einfach nur speichern reicht nicht
Seit 1975 werden im ehemaligen Bergbaustollen „Barbara“ bei Freiburg im Breisgau riesige Datenmengen auf Filmrollen eingelagert. Ein digitales Pendant auf Bundesebene ist nicht vorhanden. Man lebe weiterhin im Rausch der Digitalisierung, ohne die erforderlichen Strukturen zu schaffen, sagt Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Für den Aufbau eines digitalen Langzeitarchivs sei Zusammenarbeit nötig, nicht allein aus Kostengründen.
Hier schloss die Tagung „Was kostet und wie nachhaltig ist digitale Kultur?“ an. Digital heißt nicht virtuell: „Einfach speichern“ reicht nicht. Digitale Archive sind weder kostengünstiger noch einfacher zu pflegen als analoge. Digitales altert, veraltet sogar, und der Aufwand für die rückwirkende Pflege der Daten werde notorisch unterschätzt, bekräftigte die Philosophin Petra Gehring, die im Namen des Rats für Informationsstrukturen sprach. Die Kuratierung und Betreuung von digitalen Speichermedien müssten frühzeitig und strategisch angegangen werden. Die Politik dürfe an dieser Stelle nicht den Fehler begehen, die Wissensspeicherung ebenso tröpfchenweise und projektbasiert zu fördern, wie man es von Wissenschaftsprojekten gewohnt sei.
Ein gemeinsames und umfassendes Konzept zur digitalen Langzeitarchivierung, so Gehring, sei kein wissenschaftsspezifisches Anliegen, sondern erfordere politische Prioritätensetzung. Wenn an dieser Stelle keine dauerhafte Verantwortung übernommen werde, gehe Geschaffenes verloren. Frank Scholze, Direktor der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, erklärte, wie risikobehaftet an dieser Stelle eine falsch verstandene Wirtschaftlichkeit sei. Jetzt möglichst billig zu speichern, zahle sich auf lange Sicht nicht aus. Auch Johannes Vogel, der Leiter des Museums für Naturkunde Berlin, bekräftigte, dass reaktive Fördermaßnahmen dem Anliegen nicht gerecht würden. Man müsse alle Sammlungen als Forschungsgrundlage und volkswirtschaftlichen Wert begreifen.
Die Cyberattacke auf die British Library als Menetekel
Wie kann man sichergehen, dass ein kollektives digitales Gedächtnis vor Angriffen geschützt ist, gerade in Zeiten hybrider Kriegsführung und täglicher Meldungen von außer Kontrolle geratenden Künstlichen Intelligenzen? Hier hat der Rausch des Digitalen sein jähes Ende. Spätestens die Cyberattacke auf die British Library im Jahr 2023 hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie angreifbar die großen öffentlichen Infrastrukturen geworden sind. Sandra Richter, die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, erklärte, das Ziel eines gemeinsamen Archivs bestehe nicht in einer vollständigen Zentralisierung. Es brauche vielmehr einen umfassenden Ausbau der eigenen Ressourcen, stärkere Knoten, größere Infrastrukturen und Verständigung darüber, was bewahrt werden soll. So nachvollziehbar der Wunsch sei, wie beim gedruckten Medium jegliche digitalen Daten zu archivieren, so unmöglich sei dies in der Umsetzung.
Was ist aus der digitalen Welt für die Zukunft zu sichern? Sollte man nicht auch Websites, Chatverläufe, Social-Media-Profile und so weiter aufbewahren, um später ein annähernd realitätsgetreues Bild der Zeit rekonstruieren zu können? Die Tagung gab darauf viele, aber keine eindeutigen Antworten. Gerade so umfassende Sammlungen wie das Bundesarchiv oder das Deutsche Literaturarchiv stehen vor der enormen Herausforderung, die eigenen Sammlungen so zu qualifizieren, dass sie für kommende Generationen weiterhin nutzbar sind. Mareike König vom Deutschen Historischen Institut Paris betonte außerdem, wie notwendig die Planung wissenschaftlicher Forschungsprojekte „bis zum Ende“ sei. Das heißt, es müsse eine klare Verantwortlichkeit für die Pflege und Betreuung der Forschungsergebnisse und deren Oberflächen geben, auch nach dem Auslaufen eines Projekts. Nur so würden Ergebnisse für weitere Recherchen anschlussfähig.
Debatten über Cybersicherheit und KI seien „always depressing“, hatte Richter in ihrem Eröffnungsvortrag gesagt; die folgenden Beiträge waren aber wenn schon nicht aufmunternd, dann zumindest erhellend. Dass sich nun, aus gegebener Dringlichkeit, Wissenschaftler aller anderen Disziplinen mit denen der IT-Technik zusammensetzen, ist wichtig. Gemeinsame Lösungen sollten fach- und parteiunabhängig von Interesse sein. Schließlich stand man vor 500 Jahren mit der Verbreitung des Buchdrucks vor ähnlich schwer zu bewältigenden Fragen einer hochdynamischen und leicht zu manipulierenden Informationslage. Der volkswirtschaftliche, kultur- und gesellschaftspolitische Nutzen eines gemeinsamen digitalen Langzeitarchivs dürfte unermesslich sein, auch wenn er nicht sofort und für jeden spürbar ist.
