
„Whatever it takes“, um die Finanzmärkte zu beruhigen, werde die Europäische Zentralbank unternehmen. Das verkündete EZB-Präsident Mario Draghi im Juli 2012 auf dem Höhepunkt der Eurokrise. Gemeint war der Ankauf von Staatsanleihen mit zweifelhafter Bonität in großem Stil. Es war ein Schlachtruf, der, wie später die „Bazooka“, die unbedingte geldpolitische Abwehrbereitschaft gegenüber Krisen aller Art demonstrieren sollte.
Bundesbankpräsident Jens Weidmann bezog die Gegenposition: Einige Wochen nach Draghis Botschaft warnte er – ohne seinen EZB-Kollegen zu nennen – in einer Rede im Institut für bankhistorische Forschung vor den Gefahren der Inflation und wirtschaftlichen Instabilität durch staatliche Geldschöpfung, die ein solcher Anleihekauf faktisch darstellt.
Weidmann berief sich dafür auf den zweiten Teil des „Faust“, in dem der Weimarer Finanzminister Goethe die Schaffung von Geld „aus dem Nichts“ durch die Erfindung der Banknoten schildert. „Es fehlt das Geld, nun gut so schaff es denn!“, fordert dort der bankrotte Kaiser. Mephisto tut ihm den Gefallen und kreiert das Papiergeld. Gedeckt sind die kaiserlich unterzeichneten „Zettel“ allenfalls durch die vage Hoffnung auf ungehobene Bodenschätze, aber der alchemistisch anmutende Trick funktioniert erst einmal: Handel und Handwerk blühen auf, die Staatsfinanzen sind scheinbar saniert – bis die Kreditblase platzt.
Der Faktor Bequemlichkeit
Dass Goethe hier eine Urszene der Geldschöpfung gestaltet und die verführerische Macht der Mittelvermehrung durch Wechsel auf eine ungesicherte Zukunft bildkräftig in Szene setzt, ist oft kommentiert worden. Weniger Aufmerksamkeit wird dem Umstand zuteil, dass Faust und Mephisto noch einen zweiten Vorteil herausstellen, um den zunächst noch schwankenden Kaiser vom Segen des Papiergeldes zu überzeugen: seine Bequemlichkeit im Vergleich zu Gold, Silber und Edelsteinen.
Jeremy McKey vom Center for Information Technology Policy der Universität Princeton machte den Bezahlkomfort als „faustischen Pakt“ zum Ausgangspunkt eines Vortrags, den er im Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) zur Entwicklung digitaler Bezahlsysteme hielt. Den Rahmen bildete eine Tagung, in der es um die politischen Motive und Strukturen ging, die mit Zahlungsverfahren – vom Bargeld über Kreditkarten bis zu „digitalen Brieftaschen“ – verknüpft sind. Bezahl-Apps und ihre Plattformen werden als schnell und bequem, mobil, reibungslos funktionierend und immer verfügbar angepriesen. Das Papiergeld, das in der kapitalistisch-algorithmischen Moderne wohl ein Auslaufmodell ist, wurde von Mephisto schon ganz ähnlich beworben: „Man wird sich nicht viel mit Börs’ und Beutel plagen, / Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen“ – wobei das „Blättchen“ heute das entsprechend bestückte Smartphone ist.
Bequemlichkeit ist für McKey keine bloß technische Eigenschaft, sondern eine von drei Säulen, auf denen ein Bezahlsystem bisher aufruhen musste, um die benötigte Akzeptanz in der Gesellschaft zu finden. Die beiden anderen Säulen waren Anonymität und gleiche Zugangsvoraussetzungen. Gemeinsam verschafften sie dem jeweiligen Bezahlsystem Legitimität und eine hinreichend große Verbreitung, ohne die jedes System zum Scheitern verurteilt ist. Die jeweils zugrunde liegende Technik sorgte – zumindest im Prinzip – für Verlässlichkeit: von der Kontrolle des Metallgehalts bei der Münzprägung über Sicherheitsmerkmale in den Banknoten bis zur Protokollierung von Kreditkartentransfers.
Komfort als Einstiegsdroge
Die rasant fortschreitende digitale Transformation der Zahlweisen bringt nun einen tiefgreifenden Strukturwandel mit sich: Lag früher nicht nur die Geldschöpfung, sondern auch die Abwicklung des Zahlungsverkehrs nahezu ausschließlich in den Händen der Banken, so hat sich diese institutionelle Einheit mittlerweile aufgelöst. Ein großer Teil der digitalen Bezahlsysteme wird von Unternehmen der finanztechnischen Industrie betrieben, die im vergangenen Jahr einen weltweiten Gewinn von 650 Milliarden Dollar erzielte.
Welche Eigenständigkeit und Bedeutung die Fintech-Branche erlangt hat, schlägt sich auch darin nieder, dass es in mehr als hundert Ländern mittlerweile eine spezielle Gesetzgebung zur Regulierung dieser Aktivitäten gibt. Zugleich ist die Dreifaltigkeit von Bequemlichkeit, Anonymität und egalitärer Zugangsmöglichkeit zerbrochen. Zwar ist die Bequemlichkeit für Zahlungsleistende und -empfänger dank mobiler Wallets, digitaler Währungen und Echtzeittransfers so groß wie nie zuvor in der Geschichte des Geldverkehrs. Dafür aber stehen Anonymität und Barrierelosigkeit zur Disposition: Die digitalen Zahlungssysteme sind mit Überwachungskomponenten, Plattformregularien und Sanktionen bewehrt. Anonymität steht im Licht von Anti-Geldwäsche-Maßnahmen zunehmend unter Verdacht. In die Architektur staatlich organisierter Bezahlsysteme mit öffentlicher Infrastruktur, wie sie zum Beispiel in Indien oder Brasilien in Gebrauch sind, ist die „Lesbarkeit“ des Nutzers von vornherein eingebaut.
„Bequemlichkeit, einst im Verein mit Anonymität und Diskriminierungsfreiheit Teil eines demokratischen Arrangements, wird zunehmend entkoppelt“, resümierte Jeremy McKey. Gerade bei konsumentenorientierten Systemen hat sich der Komfortaspekt verselbständigt und ist zur „Einstiegsdroge“ in die Welt der Bezahl-Apps geworden.
Die Kritik an der mangelnden demokratischen Kontrolle monetärer Einrichtungen – von den Zentralbanken bis zu digitalen Zahlungssystemen – durchzog viele Beiträge der Hamburger Tagung. Was es allerdings konkret heißen soll, die Geldpolitik zu demokratisieren, wie das geschehen könnte, ohne Staats- und Gremienapparate noch weiter aufzublähen, und welche wirtschaftlichen Auswirkungen damit verbunden wären – diese Fragen blieben offen. Auch Goethes „Faust“ liefert keine Antwort. Dort kommt das Volk nur als Masse vor, die sich freut, dank der bequemen „Blättchen“ nun auf Pump konsumieren zu können: „Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken / Wenn sich die andre neu in Kleidern bläht.“
