Am kommenden Sonntag wählen die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. Nicht einmal zehn Tage vor der Wahl zeichnet sich ein ungewohntes Bild: Gleich vier Parteien stehen in den Umfragen bei mindestens 16 Prozent. Die SPD liegt ein Stück dahinter bei zehn bis zwölf Prozent, während das BSW um den Einzug ins Abgeordnetenhaus kämpft. Die FDP scheint kaum noch Chancen zu haben. Ein Überblick über die Spitzenkandidaten der sechs Parteien, die sich Hoffnung auf den Einzug ins Abgeordnetenhaus machen können:
Elif Eralp, Die Linke
Elif Eralp könnte die erste Regierende Bürgermeisterin der Linken werden und die erste mit Migrationsgeschichte. Die 45 Jahre alte Juristin lebt seit ihrem Studium in Berlin, aufgewachsen ist sie in Dortmund und Hamburg. Eralps Eltern waren als Sozialisten und Gewerkschafter aus der Türkei geflohen.

Die Spitzenkandidatin ist seit 2018 Mitglied des Landesvorstands und seit 2025 stellvertretende Landesvorsitzende. 2021 zog sie in das Berliner Abgeordnetenhaus ein. Zu ihren zentralen Anliegen gehören der Kampf gegen Rassismus und Gentrifizierung.
Nach einem Auftritt des Rappers Dahabflex, der bei einer Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken die Zeilen „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ vorgetragen hatte, ist Eralp in der finalen Phase des Wahlkampfs mit parteiinternen Kämpfen konfrontiert. Sie verurteilte den Auftritt aufs Schärfste und forderte Konsequenzen. Ob Eralp mit dieser Forderung durchdringt, gilt auch in der Linkspartei als fraglich.
Eralp möchte aus Berlin eine „Solidarische Stadt“ machen. Große Wohnungsunternehmen will sie enteignen und einen Mietendeckel für landeseigene Wohnungen. Elif Eralp ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Stefan Evers, CDU
„Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so“, verkündet Stefan Evers auf seinen Wahlplakaten. Der 46 Jahre alte Jurist ist erst spät in den Wahlkampf eingestiegen: Mitte Juli übernahm er die Spitzenkandidatur vom Regierenden Bürgermeister Kai Wegner, der wegen falscher Angaben zu seinem Krisenmanagement beim Stromausfall im Januar seine Kandidatur aufgab.
Evers, der amtierende Finanz- und Kultursenator, setzte sich langsam von Wegner ab und versuchte, eigene Akzente zu setzen, die polarisieren. Er forderte etwa, Asylbewerber zu gemeinnütziger Arbeit zu verpflichten, und stellte das kostenlose Schulmittagessen für alle in der 1. bis 6. Klasse infrage. Auf weiteren Wahlplakaten wirbt er mit „Freiheit statt Islamismus“ und „Einer muss vernünftig sein“.

Evers wuchs in Paderborn auf und kam zum Studium nach Berlin-Brandenburg. Dem Abgeordnetenhaus gehört er seit 2011 an. Von 2016 bis 2023 war er Generalsekretär des CDU-Landesverbands, seitdem fungiert er als stellvertretender Landesvorsitzender. Als Finanzsenator trieb er milliardenschwere Haushaltseinsparungen voran, die für heftige Proteste sorgten. Stefan Evers ist mit einem Mann verheiratet.
Kristin Brinker, AfD
Wie schon 2021 und 2023 geht Kristin Brinker als Spitzenkandidatin der Berliner AfD in den Wahlkampf. Sie gilt als starke Frau in der von Männern dominierten Partei und ist seit knapp fünf Jahren Landes- und Fraktionsvorsitzende. Die promovierte Diplom-Ingenieurin der Architektur wurde in Bernburg (Sachsen-Anhalt) geboren, wuchs in der DDR auf und kam nach der Wende nach Berlin.

Die 54 Jahre alte Brinker ist seit 2013 Mitglied in der AfD und gehört seit 2016 dem Abgeordnetenhaus an. In der Partei wurde sie lange eher dem liberal-konservativen Lager zugerechnet, zeigt aber auch keine Berührungsängste zu extrem rechten Parteimitgliedern und radikaler Programmatik. So fordert die Berliner AfD ein „Programm zur Remigration“ und die Vergabe neuer Wohnungen bevorzugt an „Einheimische“. Brinker selbst vertritt eine Definition des Remigrationsbegriffs, nahe der Definition, die die AfD auch in öffentlichen Schreiben verwendet, nutzt den Begriff aber persönlich nicht. Der Berliner AfD-Landesverband wird vom Verfassungsschutz nicht als extremistisch eingestuft. Brinker ist verheiratet.
Werner Graf, Bündnis 90/Die Grünen
Werner Graf will „keine Versprechen“ geben, sondern „einen Plan für Berlin“. So steht es auf seinen Wahlplakaten in der Hauptstadt. Der 45 Jahre alte Grünen-Politiker ist in Neumarkt in der Oberpfalz aufgewachsen, hat Politikmanagement in Bremen studiert und ist dennoch nicht neu in der Berliner Landespolitik. 2021 zog er in das Abgeordnetenhaus ein, zuvor war er bereits für fünf Jahre Landesvorsitzender der Partei. Seit März 2022 ist er Ko-Vorsitzender der Fraktion.

Steffen Krach, SPD
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach präsentiert sich als Kandidat der Vernunft. Er wolle „Politik mit gesundem Menschenverstand“ machen. Der 47 Jahre alte Diplom-Politologe ist seit 2021 direkt gewählter Regionspräsident der Region Hannover und hatte in seiner Geburtsstadt gute Chancen auf eine Wiederwahl. Dennoch zog es ihn nach Berlin. Dort gilt Krach als frisches Gesicht, obwohl er den Politikbetrieb in der Hauptstadt schon länger kennt. Von 2014 bis 2021 war er Staatssekretär für Wissenschaft in der Stadt, in die er 2002 zum Studium gekommen war.
Seit März 2026 ist Krach für die Spitzenkandidatur als Regionspräsident beurlaubt, im März wurde er zum Ko-Vorsitzenden der SPD-Berlin gewählt. Seitdem tourt er durch die Hauptstadt, um an Bekanntheit zu gewinnen. Krach wirbt im Wahlkampf mit einem „Berlin-Versprechen für die ersten 100 Tage“. Zu den elf Punkten gehören „Keine Baustelleneinrichtung ohne Aktivität“, eine „Mietenpolizei“ und die Gründung eines Landessicherheitsrats für koordinierten Katastrophenschutz. Aktuelle Umfragen sehen die SPD nur bei zehn bis zwölf Prozent, deutlich abgeschlagen hinter den Linken, der CDU, AfD und den Grünen.

Am 9. September durchsuchte zudem die Polizei in Berlin Krachs Wohnung und die SPD-Landesgeschäftsstelle sowie Krachs früheren Arbeitsplatz in Hannover. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen den Spitzenkandidaten unter anderem wegen des Anfangsverdachts auf Vorteilsannahme. Krach widersprach den Vorwürfen. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Alexander King, BSW
Alexander King ist bereits länger in der Berliner Politik vertreten als seine eigene Partei. Als Nachrücker zog er im Dezember 2021 in das Abgeordnetenhaus ein – damals noch als Abgeordneter der Linken. Im Oktober 2023 schloss er sich dem BSW an und gehört dem Abgeordnetenhaus seitdem als fraktionsloser Abgeordneter an. Seit 2024 ist er Landesvorsitzender des BSW. King ist 1969 in Tübingen geboren und lebt seit mehr als zwanzig Jahren in Berlin.

Der Spitzenkandidat betont immer wieder, Berlin müsse die Hauptstadt des Friedens sein, und fordert dafür „einen friedlichen Dialog mit Russland“. Das BSW organisierte deshalb Anfang September eine Kundgebung für den Erhalt des Russischen Hauses. Der Spitzenkandidat fordert vehement eine Aufarbeitung der Berliner Corona-Politik.

