Alexander Fordyce hat sich in der Nacht zum 8. Juni 1772 aus dem Staub gemacht. Der schottische Teilhaber einer Londoner Bank setzte nach Frankreich über, um sich vor seinen Partnern, Kunden und Geldgebern in Sicherheit zu bringen. Er hatte sich an der Börse im großen Stil verspekuliert, weil er auf fallende Kurse der Aktien der East India Company (EIC) gesetzt hatte. Der Preis des Papiers aber sollte steigen – und das entwickelte sich nun zu einem Problem.
Ein halbes Jahr zuvor war Fordyce nach einigen tiefen Blicken in die Bilanz klar geworden, dass die damals weltgrößte Unternehmung korrupt, kriminell und pleite war. Darauf aufbauend, legte er kreditfinanzierte Short-Positionen an. Anders als von ihm erwartet, entschied der Company-Vorstand dann aber, eine unverändert hohe Dividende von 12,5 Prozent auf das Grundkapital auszuzahlen. Die Börse war begeistert, der Kurs der Aktie zog an. Fordyce war im Aus.

Er konnte seine Kredite nicht mehr bedienen, floh aus dem Land und hinterließ seinen drei Geschäftspartnern riesige Schulden. Das Trio ging bankrott und mit ihm Dutzende europäische Banken.
Die wahre Katastrophe hatte sich da schon im fernen Indien abgespielt. 1765 hatte sich die EIC dank ihrer eigenen Armee die sogenannten Diwani-Rechte für die drei reichsten nordindischen Provinzen vom amtierenden Großmogul übertragen lassen.
Ein verhängnisvoller Aufstieg
Damit konnte sie Gesetze erlassen, die öffentliche Verwaltung kontrollieren, Posten in Polizei und Militär besetzen. Vor allem aber konnte sie nun auch in den drei reichsten Nordprovinzen des Subkontinents die Steuern von 20 Millionen Menschen eintreiben. Das verschaffte ihr jährliche Mehreinnahmen von bis zu drei Millionen britischen Pfund – eine gewaltige Summe in einer Zeit, in der der britische Fiskus insgesamt kaum mehr als zehn Millionen Pfund im Jahr einnahm.
So sei die seit ihrer Gründung mit einem britischen Handelsmonopol ausgestattete EIC binnen anderthalb Jahrhunderten von einer aktienbasierten Londoner Kaufmannsvereinigung zu einer börsennotierten Kolonialmacht aufgestiegen, schreibt William Dalrymple in seinem sehr lesenswerten und dicht geschriebenen Buch „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company“.
Die EIC „behandelte Indien ab sofort wie eine einzige riesige Plantage, die sie ausbeuten konnte, um sämtliche Gewinne nach London zu schicken“. Dafür brauchte sie in der Spitze kaum mehr als 600 eigene Beamte, die rund 155.000 einheimische Angestellte kontrollierten, welche wiederum zu Hochzeiten über nicht weniger als 50 Millionen Untertanen herrschten. Eine der effizientesten ausbeuterischen Bürokratien der jüngeren Weltgeschichte.
Umbau der Gesellschaft
So gelangten über die folgenden hundert Jahre nicht nur riesige Reichtümer nach Großbritannien. In Indien wurden auch neue Klassen geschaffen. So sollte die von der EIC initiierten Steuer- und Landreformen die alte mogulische Aristokratie aus ihren Ämtern und Gütern drängen. Die Kommandoposten im Gefüge der Gesellschaft etwa von Bengal wurden fortan durch neue Mittelschichten aus dem hinduistischen Dienstadel besetzt.
Familien wie die Tagores, Debs und Mullicks nahmen in der Bürokratie einen steilen Aufstieg. Finanzhäuser wie Kashmiri Mals oder Gopalchand Shahus zogen die Briten zur Finanzierung ihrer weiteren Expansion heran. Das Bankhaus der Gopaldas wurde auf dem Subkontinent zur Hausbank der EIC. „Letztlich ging es immer nur ums Geld“, schreibt Dalrymple. Hier sprach die „East India Company eine Sprache, die die indischen Finanziers verstanden“.
Die Frabrik der Welt
Anders als andere wegweisende Studien zur Geschichte der EIC wie John Keays „The Honourable Company“ hat Dalrymple mit „Anarchie“ weniger die interne Entwicklung der East India Company im Blick. Vielmehr schildert er die Folgen des Auftritts der Briten für den Subkontinent, wie sie innere Spannungen unter den zahlreichen Religionen und Kulturen verstärken, wie sich Krisen ausbreiten und Konflikte bis zu Kriegen zuspitzen.
So geht er in seinen flott, stellenweise geradezu spannend geschriebenen Darstellungen den Fragen nach, welche regionalen Zustände einem kleinen englischen Handelshaus in die Hände spielen mussten, um von einem Londoner Bürogebäude aus die Macht in der damals größten und reichsten Wirtschaftsregion der Welt zu übernehmen. Warum ging das alte Mogulreich unter? Stiegen die Marathen absichtlich nicht zur Großmacht auf? Was ebnete den Briten den Weg?
Im Jahr der Gründung der East India Company, 1599, hatte die englische Wirtschaft 1,8 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung ausgemacht; Indien dagegen war auf 22,5 Prozent des globalen BIP gekommen, schreibt Dalrymple. Das nordindische Bengal war mit seinen eine Million Webstühlen, seinen engmaschigen Handels- und Finanznetzen quasi die Fabrik der Welt. 250 Jahre später hatte das englische Manchester diese Position inne. Zu jener Zeit schlüpfte die EIC unter das Dach des britischen Staates.
Die Company war über Jahrzehnte hinweg schlecht gemanagt worden, ihre Konflikte und Kriege waren mittlerweile so kostspielig, dass der Schuldenberg ins Unermessliche stieg. London schritt ein. Es entzog dem Vorstand 1833 alle Handels- und Monopolrechte, löste 1858 die Privatarmee auf, überführte 1860 die Firmenverwaltung in die staatliche Bürokratie und überschrieb alle Territorien der Krone. 1874 wurde die Aktie von der Börse genommen.
Hundert Jahre zuvor hatte Alexander Fordyce mit seiner Analyse nicht falsch gelegen. Der EIC waren aufgrund verheerender Dürren in Nordindien die Einnahmen weggebrochen, Millionen Menschen verhungerten, die Textilproduktion lag am Boden, in den Lagern der Londoner Docks verrotteten 16 Millionen Pfund Tee, und die Niederschlagung der Aufstände in Indien kostete riesige Summen. Fordyce allerdings kam mit seiner Investitionsentscheidung zu früh. Vier Wochen nach seiner Flucht sollte der Kurs der Company-Aktie geradezu abstürzen.
William Dalrymple: Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company. 1600–1874. C.H. Beck, München 2026. 597 Seiten, 38 Euro.
