
Der stark gestiegene Antisemitismus in westlichen Ländern ist längst keine vorübergehende Welle, sondern der neue Normalzustand. Zu diesem Schluss kommt ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht der Arbeitsgruppe „J7“, die von jüdischen Dachorganisationen aus sieben Ländern getragen wird.
In jenen Ländern leben rund 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung außerhalb Israels. Während die Zahl der antisemitischen Vorfälle in den Vereinigten Staaten, Australien, Kanada und in Frankreich im Vergleich zum Rekordjahr 2024 gefallen sei, habe es weitere Steigerungen antisemitischer Taten in Großbritannien gegeben, gefolgt von Argentinien und Deutschland.
Bericht empfiehlt Prävention in den sozialen Medien
Der Bericht meldet zudem, 2025 sei das Jahr mit den meisten Todesopfern gewaltsamer antisemitischer Angriffe gewesen. Der Überfall am Bondi Beach in Sydney forderte 15 Todesopfer. In Manchester kamen zwei Gläubige bei einem Attentat auf die Heaton Park Synagoge ums Leben. In den Vereinigten Staaten kostete ein antisemitisch motivierter Angriff auf eine Veranstaltung im Jüdischen Museum in Washington zwei Teilnehmer das Leben, eine weitere tödliche Attacke gab es in Boulder im amerikanischen Bundesstaat Colorado.
Indem sich nun die hohe Zahl von Angriffen als neuer Normalzustand etabliere, müssten die Regierungen der betreffenden Länder ihre bisherige reaktive Haltung ändern. Zum Schutz der jüdischen Bevölkerung seien strengere Gesetze, höhere Ausgaben für Sicherheitsvorkehrungen und vorbeugende Aktionen in sozialen Medien notwendig.
Im Vergleich antisemitischer Vorfälle seit dem Beginn der Messungen im Jahr 2021 fand laut der Studie der stärkste Anstieg in Australien statt, wo die registrierten Taten um 270 Prozent stiegen, gefolgt von Deutschland mit einem Anstieg um 215 Prozent, den Vereinigten Staaten (131 Prozent) und Frankreich (125 Prozent).
Linkes Umfeld für jüdische Studierende „ feindselig“
Deutschland stehe weiter an der Spitze, wenn man die antisemitischen Vorfälle ins Verhältnis zur Größe der jüdischen Bevölkerung setze, heißt es in dem Bericht. Es hätten sich fast 70 antisemitische Taten je 1000 jüdischen Einwohnern ereignet. Diese Rate sei fünfmal höher als in Australien und sechsmal so hoch wie im Vereinigten Königreich.
Laut der J7 verübten in Deutschland Extremisten „von beiden Rändern des politischen Spektrums in gleichem Maße antisemitische Taten“. Der Bericht beklagt, dass die AfD „sich aktiv dafür einsetzt, die etablierte Erinnerungskultur in Deutschland zu überwinden“. Gleichzeitig habe sich der linke Antizionismus „zu unverhohlenem Antisemitismus“ gewandelt. Das linke Umfeld sei „insbesondere für jüdische“ Studierende „unglaublich feindselig“ geworden.
Die registrierten judenfeindliche Akte sind nach der Meldung der J7 in Großbritannien im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent und damit am stärksten in allen sieben beobachteten Ländern gestiegen. Die britische Regierung erinnerte am Mittwoch daran, sie habe erst vor Kurzem umgerechnet knapp 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um den polizeilichen Schutz jüdischer Gemeinden überall in Großbritannien zu verbessern.
