Ein Campus neben der Zentrale der Otto Group, fünf Gebäude mit 281 Räumen. Das ist die äußere Form von Life Hamburg. Sie beide haben über Ihre Stiftung das nötige Geld gegeben, damit es jetzt losgehen kann mit diesem Projekt. Um was genau geht es eigentlich?
Janina Lin Otto: Life Hamburg ist ein einzigartiger Campus für generationsübergreifendes Miteinander, lebenslanges Lernen, ganzheitliches Wohlbefinden – im Einklang mit unserer Umwelt. Wir geben Raum für den konstruktiven Austausch, aus dem Neues entstehen kann: Werkstätten und Labore, den Garten, die Küche, Räume für Yoga oder Tanz oder Musik.
Benjamin Otto: Wir wollten etwas Neues im Bildungsbereich schaffen, etwas Einzigartiges. Der Ansatz unserer Holistic Foundation ist es, Lebensbereiche zu verknüpfen, die häufig getrennt voneinander gedacht werden: Bildung und Bewegung, Kreativität und Wissenschaft, Theorie und Praxis.
Hat das mit eigenen Erfahrungen zu tun? Für mich hört sich das fast so an, als gäbe es da ein Schultrauma.
Benjamin Otto: Trauma ist zu viel gesagt. Tatsächlich ist es mir in der Schulzeit oft schwergefallen, theoretische Dinge in den Kopf zu bringen. Ich persönlich lerne besser in der Praxis. Frontalunterricht ist einfach nicht für jeden das Richtige.
Janina Lin Otto: Genau solche Herausforderungen wollen wir angehen. Jedes Kind hat so viel Potential, und es ist die Aufgabe, dieses Potential in der Schule bestmöglich zu heben. Übrigens findet man gerade unter Unternehmern viele Neurodivergente, also Menschen, die von der Norm abweichen und die es im tradierten Bildungssystem schwerer haben. Gerade diese Menschen können Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit anbieten.
Passenderweise gehört zum Angebot auf dem Campus eine Privatschule. Was ist das Konzept?
Janina Lin Otto: Es handelt sich um eine staatlich genehmigte Schule in freier Trägerschaft. Wir bieten jahrgangsübergreifendes Lernen an, weil das viele Vorteile hat. Die Schüler erfahren eine ganz andere Selbstwirksamkeit. Nicht zuletzt beugt dies Mobbing vor. Statt Schulklassen gibt es bei uns Lerngruppen, und wir starten mit je zwei Lerngruppen für die Jahrgänge eins bis drei und für die Jahrgänge vier bis sechs. Wir haben übrigens auch das Gärtnern wieder in die Hamburger Schulen gebracht. Über das Konzept unserer Academy of Life sind wir im konstruktiven Austausch mit den Behörden, seit wir vor acht Jahren mit der Planung für Life Hamburg angefangen haben. Wir sind nicht nur angetreten, eine gute Schule ins Leben zu rufen. Wir wünschen uns systemischen Wandel.
Das Interesse ist bestimmt groß. Wer profitiert davon?
Janina Lin Otto: Wir hatten für die zum Start rund 90 Plätze mehr als tausend Interessenten. Die Entscheidung, wer angenommen wird, wird individuell getroffen: Welche Kinder können wir bestmöglich begleiten?
Benjamin Otto: Mit der Zeit werden wir 450 Schüler aufnehmen oder noch mehr. Wir überlegen auch, das Angebot bis zum Abitur auszubauen – es gibt ja noch Platz auf dem Campus. Wichtig ist: Wir wollen Vielfalt. Unterschiedliche Kinder ergänzen sich in ihren Fähigkeiten und fördern sich dadurch gegenseitig. Die Auswahl trifft die Schulleitung gemeinsam mit dem pädagogischen Team. Das sind Experten, die durch ihre Erfahrung erkennen, spüren, welche Lerntypen in die Lerngruppen passen.
Wer kann die Schule wirklich besuchen? Nur Familien mit großem Geldbeutel, wegen der Schulgebühren?
Janina Lin Otto: Am Geld soll es nicht scheitern. Es gibt auch Stipendien seitens unserer Stiftung.
Benjamin Otto: Wir möchten nicht, dass jemand ausgeschlossen wird, das gilt für den ganzen Campus. Natürlich werden wir auch nicht alle Angebote kostenlos halten können. Im Maker Space, einer Werkstatt, wo zum Beispiel 3D-Drucker und Robotik zum Experimentieren stehen, fallen auch Materialkosten an. Aber, nur als Beispiel: Sollte eine Schule aus einem strukturell benachteiligten Stadtteil den Maker Space nutzen wollen, könnte das über unsere Holistic Foundation ermöglicht werden.
Janina Lin Otto: Am Ende geht es immer um die Sinnhaftigkeit. Bei der Holistic Foundation messen wir den Social Return on Investment. Das ist eine Rechnung, die wir selbst entwickelt haben, weil wir mit dem Kapital, das wir investieren, die größtmögliche gemeinnützige Wirkung erzielen möchten.

Wie entsteht das Angebot auf dem Campus?
Benjamin Otto: Die Vernetzung ist das Besondere, das gilt für den ganzen Campus, der durch die räumliche Nähe zur Otto Group einen unkomplizierten Kontakt mit der Wirtschaft ermöglicht …
… Die Otto-Group-Vorstandschefin Petra Scharner-Wolff hat ja bei der Eröffnungsfeier sinngemäß angekündigt, dass baldmöglichst die ersten Mitarbeiter auf diesem Campus aktiv sein sollen.
Benjamin Otto: Genau, das ist Teil der Vernetzung. Das Kurs- und Veranstaltungsprogramm entsteht aus dem, was an Nachfrage und Angebot kommt, von den Menschen in der Nachbarschaft und von unseren Partnern. Mein Lieblingsbegriff für das, was entstehen soll, ist die Dorfgemeinschaft. Wir schaffen eine Art Dorfgemeinschaft auf dem Life-Campus.
Machen Sie damit nicht anderen Akteuren Konkurrenz? Vereinen, Kirchen, Volkshochschulen?
Janina Lin Otto: Wir schließen eine Lücke. Die Menschen sind auf der Suche nach neuen Orten der Zusammenkunft, die wertebasiert agieren und Hoffnung schenken können. Zudem arbeiten wir jetzt schon und weiterhin mit gemeinnützigen sowie wirtschaftlichen Organisationen partnerschaftlich zusammen.
Das könnte auch schiefgehen, wenn einzelne Kursanbieter sich eben nicht mit Ihren Werten identifizieren. Mit Themen wie KI, Social Media, Politik, Demokratie und so weiter könnte das heikel werden.
Janina Lin Otto: Genau das sind Themen, die uns beiden sehr wichtig sind. Wir planen schon ein KI-Festival für den Herbst und Workshops für Senioren. Wir haben Veranstaltungen zur Medienkompetenz („Use the news“) oder zu Deepfakes, die ja immer schwieriger zu erkennen sind. Für solche Themen haben wir viele tolle Unterstützer in unserem Netzwerk. Wir haben zudem erfahrene Programm-Manager, die Angebote darauf prüfen, ob die Werte zum Campus passen.
Sprechen wir über Geld: Was lassen Sie sich das alles kosten?
Benjamin Otto: Wir haben einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag allein in den Bau des Campus investiert. Dazu kommen die laufenden Kosten, vor allem fürs Personal. Bei Life Hamburg sind aktuell rund 20 Mitarbeiter tätig, das kann auch noch steigen.

Und wie geht es weiter mit der Finanzierung?
Janina Lin Otto: Ein Teil der laufenden Kosten wird durch Einnahmen gedeckt für Kursgebühren, durch den Verkauf von Speisen und Getränken, durch die Vermietung von Räumen und Sponsoring. Das ganze Gebäude soll im Idealfall immer mehrfach genutzt werden: So kann zum Beispiel die Multifunktionshalle, die von den Schülern tagsüber für Sport genutzt wird, dank integrierter Bühne abends zu einer Konzertlocation werden. Wir planen nach dem Hochlauf mit bis zu 50 verschiedenen Angeboten pro Tag. In drei bis fünf Jahren soll der Campus kostendeckend arbeiten.
Benjamin Otto: Wir möchten nicht jährlich von Neuem große Summen spenden. Unser Prinzip folgt der „New Philanthropy“. Wir tun Gutes, aber mit unternehmerischem Anspruch. Wirtschaftliche Modelle haben bewiesen, dass sie auf dem Markt Bestand haben. Wenn man das kombiniert mit Gemeinnützigkeit, entsteht New Philanthropy.
Dass Sie überhaupt so viel geben können, hängt damit zusammen, dass Sie zur Otto-Familie gehören. Ihr Vater war Michael Otto, der aufgrund seiner Leistung oft als „Versandhauskönig“ bezeichnet wird. Von ihm haben Sie im Frühjahr die strategische Führung der Otto Group übernommen, Sie stehen jetzt an der Spitze des Gesellschafter- und Stiftungsrats. Was haben Sie sich vorgenommen in dieser Rolle?
Benjamin Otto: Mein Ziel ist es, die Otto Group in eine starke Zukunft zu führen. Ein wesentlicher Teil dabei wird die nächste Stufe nach der Digitalisierung der industriellen Produktion, die man als Industrie 4.0 bezeichnet hat, sein. Künftig geht es darum, die Mensch-Maschine-Beziehung zu prägen, das ist mein Anliegen. Künstliche Intelligenz hat dabei einen maßgeblichen Einfluss. Es gilt, eine Kultur zu schaffen, in der alle Mitarbeiter die Möglichkeiten der KI gut nutzen können, aber auch Gefahren und Grenzen erkennen. Dabei gilt es auch, genau hinzuschauen, wo KI überhaupt echten Mehrwert bringt.
Eine große Aufgabe in einer Zeit, da Otto erhebliche Konkurrenz durch Amazon, Shein und so weiter hat. Aber mit dem Operativen haben Sie in Ihrer Rolle wenig zu tun, nicht wahr? Da geht es doch um Weichenstellungen für lange Zeiträume?
Benjamin Otto: Genau. Meine Stärke liegt in der Strategie. Ich setze visionäre Impulse und denke in Generationen. In unserem Gesellschafterrat, den wir jetzt noch stärker besetzt haben, können wir vielfältige Perspektiven zusammenbringen und so sehr breit denken. Es muss ja nicht so sein, dass die Modelle des Handels immer so bleiben wie heute. Ziel ist, die Stärken innerhalb der Otto Group zu nutzen, um die Zukunft zu gestalten.
Janina Lin und Benjamin Otto
Der Name Otto hilft und das Vermögen auch: So realistisch ist Janina Lin Otto (40) durchaus, wenn sie auf die Arbeit der letzten acht Jahre blickt, in denen sie gemeinsam mit ihrem Mann Benjamin Otto (51) das Projekt „Life Hamburg“ entwickelt hat. Sie lässt aber klar durchblicken, dass sie praktisch alles für machbar hält, wenn man die eigenen Stärken wirken lässt. Passend dazu hat sie bald nach ihrem BWL-Studium ihr erstes Unternehmen („Frau Ultrafrisch“) gegründet. Mit ihrem Selbstverständnis als „Zukunftsgestalterin“ hat sie in Benjamin Otto einen Partner gefunden, der sich seinerseits als Stratege und Visionär beschreibt. Eine Ausbildung als Bankkaufmann, das Studium International Business in London, verschiedene Auslandsstationen und eigene Unternehmensgründungen bilden die Grundlage für Benjamin Ottos Position als „gestaltender Gesellschafter“ der Otto Group. Im Frühjahr 2026 hat er die Nachfolge seines Vaters Michael Otto als Vorsitzender des Stiftungs- und Gesellschafterrats angetreten. Das Paar lebt zusammen mit zwei Kindern auf einem Selbstversorger-Landhof nahe Hamburg.
