Fragen Sie die Musikwissenschaftlerin ihres Vertrauens, was in der Musikgeschichte um 1600 los war, und sie wird vermutlich antworten: Um 1600 rückt der Sologesang mit Generalbassbegleitung ins Zentrum, vor allem in der neuen Form eines durchgängig gesungenen Dramas, die später „Oper“ heißen sollte. Um 1600 entwickeln sich auch die vokal wie instrumental konzertierenden Formen, überhaupt die selbständige Instrumentalmusik. Im Ganzen ist „1600“ die musikalische Schwelle zur Neuzeit.
Unrecht hätte die Musikwissenschaftlerin damit nicht. Aber das Bild wäre auch nicht vollständig, gab es doch um 1600 immer noch reiche und kunstvolle Formen der Polyphonie, die von den Traditionen der Renaissance in den Barock führten. Claudio Monteverdis Marienvesper, in der kraftvollen und zarten Aufführung durch das Ensemble Vox Luminis einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals Laus Polyphoniae in Antwerpen, publizierte der Komponist 1610 selbst im Druck. Voran stellte er diesem Meisterwerk – auch auf dem Titel – aber eine traditionell konzipierte sechsstimmige Messe. Vincenzo Borghettis brillanter Essay im Programmbuch dekonstruiert die auf Innovation fixierte Musikgeschichtsschreibung anhand dieses einen Drucks.

„Meerstemmig Europa circa 1600“, der Titel dieser Ausgabe war keine Übertreibung, aber auch eine Metapher: Denn Polyphonie war um 1600 keine akademische Pflichtübung. Sie war eine lebendige Sprache mit vielen Dialekten. Das Programm beschränkte sich nicht auf die üblichen westeuropäischen Verdächtigen, es bezog Mitteleuropa und (mit John Dowlands Kompositionen aus seiner dänischen Zeit) auch Skandinavien mit ein. Tatsächlich war der Wunsch, die so großartige wie nahezu unbekannte deutsche Musik um 1600 einmal aufführen zu lassen, der eigentliche Ausgangspunkt des Konzepts von Festivalleiter Bart Demuyt gewesen.
Eine Aufführung von Werken Hans Leo Hasslers (darunter so wunderbare wie die transparenten Finessen der Motette „Dixit Maria ad angelum“ und der darauf beruhenden Messe) durch das stimmlich nicht ganz homogene Ensemble New York Polyphony war das Resultat. Hasslers Zeitgenosse Jacob Handl (latinisiert Gallus) steuerte einige Weihnachtsgesänge bei. Es mutet seltsam an, mitten im Hochsommer „Resonet in laudibus“ zu hören – aber irgendwie passt es dann auch wieder, denn Laus Polyphoniae ist in mancher Hinsicht mit Weihnachten vergleichbar: Es versammelt eine (kunst)gläubige Gemeinde in Kirchen, die sie sonst eher selten aufsucht – in diesem Fall die durchweg eindrücklichen gotischen Antwerpener Kirchen mit ihrer kunstvollen barocken Ausstattung –, und es beschenkt sie reichlich.
Eher unbekannte Winkel der Musiklandschaft um 1600 auszuleuchten, das lässt sich nur realisieren, wenn sich Ensembles auf Unvertrautes einlassen: Das britische Ensemble Stile antico widmete sich den selten zu hörenden Motetten des mehr durch seine exzentrischen Madrigale berühmten Carlo Gesualdo – Musik von einer so vertrackten Schreibart, dass sie selbst diesen hochprofessionellen Sängern einiges an Probenzeit abverlangt haben soll. Im Konzert verwandelten sich diese sperrigen Stücke in tönend bewegte Skulpturen, die zerfasernd verschwebten oder sich zu leuchtenden Klangsäulen verdichteten wie Schäfchenwolken am Sommerhimmel.
Paul O’Dette, der Veteran der Renaissancelaute, studierte auf Demuyts Bitte rund tausend Stücke aus mitteleuropäischen Quellen. Er präsentierte eine wie gewohnt mit struktureller Klarheit dargebotene Auswahl, vom Ungarn Valentin Bakfark über den aus Pressburg stammenden Wahlnürnberger Melchior Newsidler bis hin zu den melodisch außerordentlich reizvollen Tanzsätzchen des etwas schattenhaft dokumentierten Polen Wojciech Długoraj, bei denen O’Dettes (leider nicht allen Lautenisten gegebene) rhythmische Präzision das Beschwingte zur Geltung brachte.

Oder man bekam Einblicke in die calvinistische Welt des sogenannten Reimpsalters, und seine mehrstimmige Aussetzung durch Claude Le Jeune (Huelgas Ensemble) begegnete einer Messe des tschechischen aristokratischen Komponisten Kryštof z Polžic a Bezdružic Harant (Cappella Mariana) und entdeckte die Verbindung von schlichter Satzart mit großer Expressivität in portugiesischer Polyphonie von Estévão Lopez Morago (Officium Ensemble).
In einem Festival, sagt Demuyt, sind Veranstaltungen möglich, die im normalen Konzertbetrieb untergehen würden. Als Einzelkonzert würde etwa ein Abend mit mitteleuropäischer Lautenmusik wohl nur ein Grüppchen Enthusiasten anziehen, doch im Rahmen des Festivals war der Saal voll wie bei allen anderen Konzerten auch – voll mit aufmerksamen und schier unersättlichen Hörern. Das wurde natürlich nur möglich, weil auch die großen Namen und Werke lockten: So begann das Festival mit einer kraftvollen und glasklaren Aufführung von Tomás Luis de Victorias letztem Werk, dem Requiem durch das Ensemble Tenebrae.
Diesem Abschiedswerk des großen Spaniers stand am darauffolgenden Abend der Schwanengesang des Wahlmünchners Orlando di Lasso gegenüber, die „Lagrime di San Pietro“. Dieser siebenstimmige Bußzyklus wurde vom Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe mit beispielloser Akribie der Textdarstellung vermittelt – bei den Proben, so erzählte die Sopranistin Barbora Kabátková, habe man vor allem darum gerungen, die komplexen Dichtungen von Luigi Tansillo bis ins Detail zu begreifen und stimmlich umzusetzen.
Von Monteverdi war schon die Rede, doch er hatte nicht das letzte Wort. Als Finale hatte Demuyt wohlbedacht ein intimeres, konzentrierteres Ereignis angesetzt, Musik, die einen nicht vom Sitz fegt, sondern in ihr komplexes Gewebe hineinzieht: The Gesualdo Six, überstrahlt von dem lerchenhaft leichten Countertenor Guy James, sangen englische Motetten und Madrigale. Ihre Zugabe war William Byrds sechsstimmiges „O salutaris hostia“, mit einem dreistimmigen Kanon voll schaurig-schönen Querständen. Diese „relationes non harmonicae“ intensivieren die Bitte des Texts um Kraft in einer von Feinden bedrohten Welt. Sie waren Sinnbild einer Kunst, die gerade in ihrer ingeniösen Komplexität einen Kommentar zu ihrer Zeit liefert, auch zu unserer.
