Der Youtuber Benjamin Berndt hat alleine mit seinem umstrittenen Gespräch mit Björn Höcke einen sechsstelligen Betrag verdient. Das hat er selbst in einer späteren Folge seines Podcasts „Ungeskriptet“ gesagt. Die Folge, in der er den AfD-Scharfmacher viereinhalb Stunden weitestgehend ungestört reden ließ, hat ihm aber noch viel mehr gebracht: eine riesige Aufmerksamkeit für seinen Kanal. Auf Youtube hat er jetzt mehr als eine Million Abonnenten. Zu verdanken hat er das auch der früheren SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und der Landesanstalt für Medien (LfM) NRW. Esken rief Werbekunden nach dem Höcke-Interview zum Boykott des Podcasts auf, die LfM forderte Berndt in einem Brief auf, eine Falschaussage Höckes nachträglich einzuordnen.
Berndt ist kein Journalist, sondern gelernter Betriebswirt, und er weiß, wie man solche Vorlagen am besten ausschlachtet: Den wohlfeilen Boykottaufruf von Saskia Esken nutzte er schon, um den Eindruck zu erwecken, dass ihn nun die Regierung persönlich bekämpft (obgleich Esken mit der aktuellen Regierung allenfalls qua Parteimitgliedschaft zu tun hat).
Das hat so gut funktioniert, dass er jetzt den – genauso fragwürdigen – Hinweis der LfM nutzt, um die ganz große Heldengeschichte um sich zu stricken: Auf Instagram hat er am Sonntag ein KI-Video veröffentlicht, in dem er als Gladiator zu sehen ist, der als kleiner David gegen den Goliath LfM kämpft. Im Publikum der Arena erklärt ein Vater seinem Kind: „Dieser Mann kämpft für uns und unsere Meinungsfreiheit.“ In dem Text zu dem Video fordert Berndt seine Follower dann auf, ihn in seinem „Rechtsstreit für freie Meinungsäußerung und gegen repressive Einflussnahme“ zu unterstützen. „Der Staat will unseren Podcast zensieren“, behauptet er. Dazu stellt er seine Bankverbindung und sein Paypal-Konto.
Da drängt sich die Frage auf: Welcher Rechtsstreit? Berndt hat seinen Anwalt einen Brief an die LfM schreiben lassen, in dem dieser die Forderung zurückweist, den Podcast nachträglich zu ändern. Die LfM prüft diesen Hinweis jetzt. Mehr ist nicht passiert. Man könnte meinen, dass der sechsstellige Betrag, den Berndt dank des Höcke-Interviews verdient hat, erst mal reicht, um einen Anwalt einen Brief schreiben zu lassen. Zumal Berndt jede Woche zwei Podcasts veröffentlicht, die fast immer Hunderttausende Hörer erreichen, also auch entsprechend viel Geld abwerfen.
„Bleiben Sie hart. Ben. Werden Sie ein Held.“
Vielleicht geht es Berndt aber gerade wirklich nicht ums Geld. Vielleicht hat sich seine Geschichte von ihm als Kämpfer gegen einen angeblich wild gewordenen Staat so gut verkauft, dass er sie mittlerweile selbst glaubt. In der „Bild“-Zeitung wurde er in einem Kommentar immerhin schon in eine Reihe mit Wolf Biermann gestellt: „Bleiben Sie hart. Ben. Werden Sie ein Held. Wie einst Wolf Biermann in der DDR.“ Der Brief der LfM sei „ein erster Schritt auf einem Weg, den Deutschland kein weiteres Mal gehen darf, nicht schon wieder“, hieß es weiter. Wenn man so etwas über sich selbst liest, kann man vermutlich schon mal schwach werden – und anfangen, von sich selbst als Gladiator zu träumen.
Ähnlich bewegt wirkte zuletzt Tobias Schmid, der Direktor der Landesmedienanstalt NRW: Auch er gibt sich als unverzichtbaren Kämpfer für die Meinungsfreiheit: Die Freiheit sei nur stabil, wenn man darauf achte, dass sie nicht missbraucht werde, sagte er dem „Spiegel“ zu Berndts Höcke-Folge. Dabei hat Berndt in diesem Punkt recht: Zu dem Höcke-Interview konnte sich jeder Zuschauer sehr gut selbst eine Meinung bilden, auch ohne den Faktencheck der Landesmedienanstalt.
Berndt hatte seine Kritiker andererseits lange dafür kritisiert, dass sie ja gar keine Falschaussagen von Höcke in dem Podcast gefunden hätten. Jetzt, wo die LfM eine Falschaussage gefunden hat, beschäftigt er sich aber nicht mit dieser – sondern nutzt den harmlosen Hinweis darauf, um selbst in den Kampf zu ziehen. Um das schiefe Bild mit David, Goliath und der Gladiatorenarena endgültig zum Kippen zu bringen, hätte er seiner KI vielleicht noch den Auftrag geben können, irgendwo im Hintergrund des Videos ein paar Windmühlen aufzustellen. Langsam wirkt er nämlich nicht mehr wie ein römischer Gladiator, sondern eher wie Don Quichotte.
