
Andrzej Poczobut ist stark abgemagert, sein Kopf kahl rasiert, wie es in belarussischen Straflagern üblich ist. Aber er lächelt an der Seite seiner Frau Oksana, die das in einem Krankenhaus in Warschau aufgenommene Foto ihrer Begegnung am Mittwoch auf Facebook veröffentlicht hat. „Der schönste Morgen überhaupt“, schrieb sie dazu.
In der Klinik wurde der 53 Jahre alte polnisch-belarussische Journalist untersucht, nachdem er am Dienstag im Rahmen eines komplexen Austauschs von jeweils fünf Häftlingen freigekommen war – nach mehr als fünf Jahren in der Gewalt des Regimes von Machthaber Alexandr Lukaschenko.
Der Journalist und Aktivist der polnischen Minderheit aus dem nordwestbelarussischen Grodno (so der russische und polnische Name der Stadt, die auf Belarussisch Hrodna heißt) war Ende März 2021 festgenommen und zwei Jahre darauf zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Vorgeworfen wurde Pozcobut unter anderem, dass er den sowjetischen Angriff auf Polen im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 als solchen bezeichnet hatte.
Warschau hatte sich seit Jahren für seine Freilassung eingesetzt
2025 erhielt der Journalist zusammen mit seiner ebenfalls inhaftierten georgischen Kollegin Msia Amaglobeli den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments. Insbesondere die Regierung in Warschau hatte sich seit Jahren für seine Freilassung eingesetzt.
Ministerpräsident Donald Tusk empfing Poczobut nun am Grenzübergang Białowieża-Piererow, an dem der Austausch stattfand. Mit Poczobut im Auto nach Warschau fuhr dann Bartosz Wieliński, Vizechefredakteur der „Gazeta Wyborcza“, für die er arbeitet. Am Grenzposten gab es eine erste medizinische Untersuchung. „Er zog sein Hemd aus, und ich sah einen Mann, der aussah, als käme er aus einem Konzentrationslager, wie ein Foto aus den 1940er-Jahren“, berichtete Wieliński.
Zwei Jahre habe er winters wie sommers bei offenem Fenster leben müssen, erzählte Poczobut seiner Zeitung. „Uns nützt es nichts, wenn du tot bist, uns nützt es, wenn du lebst“, habe man ihm gesagt. Poczobut wirke trotzdem ungebrochen, sagte Wieliński. Und er sei fest entschlossen, nach Belarus zurückzukehren.
Mit belarussischem Pass das Land verlassen
Dass Poczobut erst jetzt freikam, liegt daran, dass das Minsker Regime ihn als ein Faustpfand gegenüber Polen und nun auch als Hebel gegenüber weiteren Staaten verwendete. Doch gab offenbar auch Minsk nach und ließ Poczobut nun mit seinem belarussischen Pass ziehen, anders als bei anderen Gefangenen, die man ohne Dokumente außer Landes geschafft hatte. Für ein Ende dieser Praxis wollte sich John Coale einsetzen, der Belarus-Sondergesandte des US-Präsidenten Donald Trump, der immer wieder nach Minsk reist und auch in diesem Austausch vermittelt hat.
Für Lukaschenko bedeutet der Austausch, dass nach dem „Tauwetter“ mit Washington auch die Beziehungen zu Warschau wieder besser werden könnten. Sein Geheimdienst KGB sprach von einem „komplizierten und langen Prozess“, der rund ein Jahr gedauert habe. Lukaschenko habe dabei „persönlich“ mit den Spitzen der „interessierten Länder verhandelt“. Insgesamt seien Geheimdienste von sieben Staaten beteiligt gewesen.
Im September hatte Minsk den Einsatz erhöht und den jungen polnischen Karmelitermönch Grzegorz Gaweł unter Spionagevorwürfen festgenommen. Er kam nun ebenso frei wie ein weiterer polnischer Staatsbürger und zwei Agenten der Republik Moldau, die laut dem russischen Geheimdienst FSB 2025 mit gefälschten Dokumenten nach Russland gereist waren.
Im Gegenzug ließ Polen den russischen Archäologen Alexandr Butjagin ziehen. Er war Ende 2025 auf Ersuchen der ukrainischen Regierung in Warschau festgenommen worden. Kiew wirft ihm vor, ohne Erlaubnis auf der von Russland annektierten Krim gewirkt zu haben. Jetzt verbreitete der FSB Bilder davon, wie der sichtlich wohlgenährte Butjagin in Belarus mit Blumen empfangen wird.
Die Republik Moldau ließ den früheren ranghohen Geheimdienstler Alexandru Balan ziehen, der 2025 in Rumänien festgenommen und Mitte April in der Heimat in Abwesenheit zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, da er dem KGB Geheimnisse verraten habe. Balan war am Freitag von Rumänien an Moldau ausgeliefert und dort von Präsidentin Maia Sandu begnadigt worden. Diese dankte unter anderen Trump.
Moldau ließ zudem eine Russin ziehen, die mit einem Soldaten der russischen „Friedenstruppen“ im abtrünnigen Landesteil Transnistrien verheiratet ist. Aus Minsker Angaben lässt sich zudem schließen, dass zwei belarussische Spione freigelassen wurden.
